Arbeitslose Akademiker

12. November 2015 16:45; Akt: 12.11.2015 16:45 Print

Wer studiert hat, muss härter um Job kämpfen

von B. Zanni - Hochqualifizierten fällt es zunehmend schwer, in der Arbeitswelt Fuss zu fassen. Arbeitgeber mit Idealvorstellungen und die Zuwanderung treffen sie hart.

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Büffeln die Studenten für nichts? Akademiker haben es auf dem Arbeitsmarkt nicht einfach. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

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Hochschulabsolventen müssen sich nach dem Studium auf harte Zeiten gefasst machen. Der Arbeitsmarkt hat auf die hellen Köpfe nicht gewartet. Deutlich macht dies die Studie «Arbeitsmarktmobilität und Fachkräftemangel» der Arbeitsmarktbeobachtung Ostschweiz, Aargau, Zug und Zürich (Amosa). Diese kommt zum Schluss, dass die Anzahl der hochqualifizierten Stellensuchenden mit jährlich 11,2 Prozent zwischen 2008 und 2013 mehr als doppelt so schnell gewachsen ist wie die Zahl der hochqualifizierten Erwerbstätigen.

Im Kanton Zug und Zürich ist der Anteil mit 24 Prozent am höchsten. Mario Frei, Mentoring-Projektleiter des Amtes für Wirtschaft und Arbeit, spricht in der «Zürichsee-Zeitung» bezogen auf Zürich von einer Zunahme von über zehn Prozent in den letzten zehn Jahren. Experten bestätigen, dass der Arbeitsmarkt Menschen mit hohen Abschlüssen herausfordert. Dafür verantwortlich ist einerseits, dass laut der Studie heute mehr als jeder dritte Erwerbstätige eine höhere berufliche Bildung oder einen Hochschulabschluss in der Tasche hat.

Laut Patrik Schellenbauer, Arbeitsmarkt-Experte beim liberalen Thinktank Avenir Suisse, ist dies inbesondere für Geisteswissenschaftler ein Problem. Für sie gebe es auf dem Arbeitsmarkt nicht genügend Nachfrage: «Geisteswissenschaftler landen dann vielleicht in der Informatik. Dass ein solcher Wechsel nicht reibungslos über die Bühne geht, ist klar.»

Nur ideale Bewerber haben Chance

Einen weiteren Grund sieht Schellenbauer in der angestiegenen Gesamtarbeitslosigkeit seit der Finanzkrise 2008. «Der Abbau in der Finanzindustrie hat viele Akademiker getroffen».

Die schweizweit tätige Organisation «Beraten Netzwerken Fördern» BNF fördert die Arbeitsmarktfähigkeit hoch qualifizierter Stellensuchender. Co-Geschäftsleiterin Barbara Huser fällt auf, dass die Unternehmen sehr detaillierte Stellenprofile ausschreiben. «Die Arbeitgeber haben häufig ein Idealbild ihres künftigen Arbeitnehmers im Kopf.» Unter Umständen werde auch international rekrutiert.

Zu qualifiziert für einen Job

Ursula Renold, Leiterin Forschungsbereich Bildungssysteme bei der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, bestätigt, dass die Arbeitgeber auf Erfahrung setzen. «Die Unternehmer sind heute weniger bereit, junge Leute ohne Erfahrung im Betrieb zum Salär eines fertig ausgebildeten Angestellten einzuarbeiten.» Renold vermutet, dass dies auch den Studienabgängern die Stellensuche erschwere.

Profis auf ihrem Gebiet sind gegen eine mühsame Stellensuche aber nicht gefeit. «Doktoranden, die in der Forschung tätig sind und die akademische Karriere nicht schaffen, haben, gerade weil sie fast überqualifiziert sind, Schwierigkeiten auf dem hiesigen Arbeitsmarkt», sagt Carla Mom, Leiterin beim BIZ Oerlikon und Laufbahnberaterin

Zuwanderer schnappen Jobs weg

Laut den Experten sind die Akademiker Opfer der Zuwanderung. Schellenbauer stellt fest, dass die Zuwanderung am ehesten die Inländer mit Hochschulbildung getroffen hat, denn viele Zuwanderer hätten einen Studienabschluss. «Sie sind primär eine Ergänzung für den Arbeitsmarkt, für Hochschulabsolventen aber auch eine Konkurrenz.»

Hoch qualifizierte Ausländer bleiben manchmal selbst auf der Strecke. «Verlieren sie ihren Job in der Schweiz und mussten nie Deutsch lernen, haben sie auf dem hiesigen Arbeitsmarkt ein Problem», sagt Mom.

Um die Zahl der arbeitssuchenden Akademiker zu reduzieren, schlägt Schellenbauer Studienwahllektionen in Gymnasien vor. «Erzählen Hochschulabsolventen lebensnah von Studium und Karriere, werden mehr Gymnasiasten merken, dass man neben den persönlichen Interessen auch die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt gewichten sollte.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hochqualifizierter am 12.11.2015 13:18 Report Diesen Beitrag melden

    MEI umsetzen

    Einfach endlich die MEI umsetzen und das Problem ist gelöst! Idealkandidat heisst: Gleiche Nationalität wie Chef (meist DE), max. 30 jährig und günstig und Kopfnicker. Dann spielt es auch überhaupt keine Rolle, ob man eine Ahnung von der Materie hat. Erleben wir hier tagtäglich, Deutsche bekommen Jobs ohne Erfahrung auf dem Fachgebiet, der Schweizer wäre gar nicht zum Gespräch eingeladen worden. Auch die Schweiz schafft sich ab!

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  • Akademiker am 12.11.2015 13:16 Report Diesen Beitrag melden

    Akademisierung

    Ich würde auch noch mehr Berufe akademisieren... Hauswart (Facility Manager), Gärtner (landschaftsarchitekten und Umweltingenieure), Sozialwissenschaften, Hebamme, etc...

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  • Marianna d.P. am 12.11.2015 13:56 Report Diesen Beitrag melden

    Weltfremd

    Traurige Realität. Bin UNI Angest. und sehe das Dilemma tagtäglich. Musste erkennen, dass hier in erster Linie Egos herangezüchtet werden. Ewige Studis. Jene die keinen Job finden und via die Profs. wieder zurückkehren um irgend einen proforma Job zu tun bis sie ev. irgendwann etwas in der Wirtschaft finden. Unrealistische Vorstellungen, keine Berufserfahrung, weltfremd (Elfenbeinturm Syndrom), kombiniert mit "ich bin Doktor". Und darüberhinaus die ganze Ausbildung fremd finanziert. Viele Studis leiden an einem verzerrten Weltbild und übersteigerten Erwartungen in denen sie unterstützt sind.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Peider S. am 13.11.2015 13:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    unnötige Studiengänge

    Solange an unseren Unis sinnlose Studiengänge und Diplome wie zB für Altgermanische Sprachen angeboten werden, solange wird es Probleme für die Abgänger am Arbeitsmarkt geben.

  • Der Ingeneure am 13.11.2015 11:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles Studierte heute.

    Zu meiner Zeit gabs Studien an den beiden ETHs und an diversen Unis in der CH. FH und BWL und BM hat doch nun gar nichts mit Studium zu tun.

    • Anakin Skywalker am 13.11.2015 13:22 Report Diesen Beitrag melden

      Nachfrage

      Ein Freund von mir hat 7 internationale Patente. Er ist dipl. Ing FH. Viele Patente haben Sie den?

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  • EU-Bürger am 13.11.2015 11:20 Report Diesen Beitrag melden

    Liebe MEI-Befürworter

    Wer freien, erweiterten Dienstleistungs-/Warenverkehr mit der EU möchte, der muss auch Personenfreizügigkeit zulassen. Das eine geht nicht ohne das andere! Dies ist auch klar so in den Bilateralen I geregelt (Guillotinklausel).

    • Anton am 13.11.2015 12:32 Report Diesen Beitrag melden

      Ach wie toll!

      Ahh, sie meinen den "tollen" erweiterten Dienstleistungs- und Warenverkehr der uns erwieseneremassen ganze 0,2% mehr BIP gebracht hat? Im Eintausch für schlechtere Lebensqualität, weniger Job-Chancen, sinkende Löhne, überlastete Infrastruktur, überlastete Sozialwerke....... Vielen Dank auch! Die Zustimmung für die Bilateralen sinkt zurecht!

    • Sepp am 13.11.2015 12:43 Report Diesen Beitrag melden

      Ventilklausel

      Die Schweiz hat in den Bilateralen bei der Personenfreizügigkeit eine Ventilklausel verhandelt. Jedoch war die zeitlich bedingt und ich weiss nicht ob die Zeit bereits abgelaufen ist. Mal schauen was England macht. Evt kriegt die Schweiz einen mächtigen verbündeten.

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  • Peter Sanger am 13.11.2015 09:20 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht alles miteinander vergleichen

    Ja wenn man mit Gender Studies, Populäre Kulturen und als 40'000 ste Psychologe keinen Job findet, dann sollte man im Nachhinein nicht verwundert sein.

    • Denkmalneun am 13.11.2015 18:17 Report Diesen Beitrag melden

      @Sanger

      Natürlich gibt es in Ihrem Weltbild auch nur klinische Psychologen. Wissen Sie z.B., dass Psychologen im HR ebenfalls gesucht sind?

    • Rose am 13.11.2015 22:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Peter Sanger

      Gestern gelesen, dass sich viele Menschen selber in Psychiatrien einliefern. Da brauchst dann keine Psychologen...., oder etwa doch.

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  • Kein Studium am 13.11.2015 09:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Für was Studium?

    Ja für was studieren?! Ich arbeite seit 7 Jahren im kaufmännischen Bereich und habe kein Studium. Und ich bin zufrieden mit dem was ich habe!!!! An mir wird besonders die Erfahrung geschätzt und ja I am Swiss

    • komische Frage... am 13.11.2015 20:43 Report Diesen Beitrag melden

      Warum denn nicht?

      @Kein Studium Für was? Ist das ein Witz? Ich antworte dir...: um sich zu bilden, seinen Horizont zu erweitern. Viele, die sich für ein Studium entscheiden, möchten sich intellektuell / geistig weiter entwickeln, Neues kennen lernen, weil sie wissbegierig sind und das Lernen macht ihnen einfach Spass.

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