Energiestrategie

28. März 2017 15:05; Akt: 28.03.2017 15:05 Print

Werden bei einem Volks-Nein neue AKW gebaut?

von J. Büchi - Für Bundesrätin Doris Leuthard ist die Energiestrategie 2050 alternativlos. Doch was, wenn das Volk ihr einen Korb gibt?

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Mit der Energiestrategie 2050 sollen die bestehenden AKW nach Ende ihrer Lebensdauer stillgelegt werden. Bei einem Ja würde der Bau neuer Kernkraftwerke verboten, bei einem Nein wäre dies möglich. Dafür sollen erneuerbare Energien aus Sonne, Wind, Geothermie, Biomasse und Wasserkraft stärker gefördert werden. Doch was passiert bei einem Nein? Bastien Girod (Grüne) warnt, bei einem Nein zur Energiestrategie müsse dreckiger Strom aus dem Ausland importiert werden. Die Alternative, für die die SVP im Parlament plädiert habe, sei der Bau neuer Atomkraftwerke. Diesen müssten die Steuerzahler dann «mit Milliarden von Franken subventionieren». Ein Sicherheitsrisiko und die Entsorgungsproblematik blieben bestehen. Christian Imark (SVP) sagt, bei einem Nein bliebe vorerst alles beim Alten. Wenn die bestehenden AKW eines Tages altersbedingt stillgelegt würden, werde der Markt entscheiden, welche Technologie zu diesem Zeitpunkt am besten ausgereift ist. Für Christian Wasserfallen ermöglicht ein Volks-Nein eine Debatte über die «wesentlichen Probleme in der Stromversorgung». So müsse etwa darüber diskutiert werden, wie man Investitionen in grosse neue Wasserkraftwerke, in Speicherseen oder in Stromnetze auslösen könnte. Zur Frage nach neuen AKW mag sich derzeit weder Imark noch Wasserfallen äussern. Letztere hält lediglich fest, die Stilllegung der bestehenden Atomkraftwerke könne mit einem Nein zur Energiestrategie 2050 «gut vollzogen werden», wie das Beispiel Mühleberg zeige.

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Für Bundesrätin Doris Leuthard (CVP) ist klar: Es gibt keine Alternative zur Energiestrategie 2050. Die Energiemärkte seien weltweit im Umbruch, sagte sie, als sie vergangene Woche den Abstimmungskampf eröffnete. Der Bau neuer Atomkraftwerke sei allein schon aus wirtschaftlichen Gründen keine Option mehr. Die Energieversorgung müsse sich deshalb auf jeden Fall ändern.

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Die Strategie, über die das Schweizer Stimmvolk im Mai abstimmt, sieht vor, dass der Bau neuer Atomkraftwerke verboten wird. Die erneuerbaren Energien sollen im Gegenzug stärker gefördert und der Energieverbrauch gesenkt werden.

Doch was, wenn das Stimmvolk dem Konzept trotz Leuthards Warnung eine Absage erteilt? 20 Minuten hat Gegner und Befürworter zu ihrem Wunsch-Szenario respektive dem Worst Case im Falle eines Volks-Neins befragt.

Worst Case für die Befürworter: Dreckstrom-Importe oder neue AKW

«Wenn die Energiestrategie abgelehnt wird, kommt die Förderung der erneuerbaren Energien zum Erliegen», sagt der Grüne Bastien Girod. Er verweist darauf, dass sich schon heute 35'000 Projekte wie beispielsweise Solaranlagen auf der Warteliste befinden und nicht gebaut werden könnten.

Der Förderstopp wäre laut Girod ein Problem, «denn die internationalen Strompreise sind im Moment so tief, dass sich auf dem freien Markt ein Ausbau der erneuerbarer Energien nicht lohnt». Wenn die bestehenden AKW altersbedingt abgestellt werden, müsse ohne die Energiestrategie dreckiger Strom aus dem Ausland importiert werden.

Die Alternative, für die die SVP im Parlament plädiert habe, sei der Bau neuer Atomkraftwerke. Diesen müssten die Steuerzahler «mit Milliarden von Franken subventionieren», so Girod. Ein Sicherheitsrisiko und die Entsorgungsproblematik blieben bestehen.

Auch die Klimaziele würden bei einem Nein nicht erreicht, warnt der studierte Umweltwissenschaftler. «Ohne die entsprechenden Vorschriften bleiben Fahrzeuge und Gebäude ineffizient – und die Konsumenten auf den hohen Treibstoff- und Heizkosten sitzen.»

Wunsch-Szenario der Gegner: Beste Technologie setzt sich durch

«Bei einem Nein bleibt vorerst alles beim Alten, wir können den bewährten Strommix behalten – und vor allem werden Haushalte und KMU nicht mit höheren Energiepreisen belastet», entgegnet SVP-Nationalrat Christian Imark. Wenn die bestehenden AKW eines Tages altersbedingt stillgelegt werden, werde der Markt entscheiden, welche Technologie zu diesem Zeitpunkt am besten ausgereift sei.

Klar ist für Imark: «Die erneuerbaren Energien werden nicht ausreichen, um den wegfallenden Atomstrom zu ersetzen.» Photovoltaik etwa sei ineffizient, weil sie zur falschen Zeit Strom produziere. Bei einem Ja zur Energiestrategie werde es deshalb Gaskraftwerke brauchen, so der Solothurner. «Das ist unverantwortlich.» Zum möglichen Bau neuer AKW bei einer Ablehnung der Energiestrategie mag er sich nicht äussern – darum gehe es in der kommenden Abstimmung nicht.

FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen, der die Energiestrategie anders als die Mehrheit seiner Parteikollegen bekämpft, hofft, ein Volks-Nein werde «die Diskussion über die wesentlichen Probleme in der Stromversorgung, wie die Versorgungssicherheit, deblockieren – ohne zuerst alle mit Milliarden-Subventionen an den Staatstropf zu hängen».

So müsse etwa darüber diskutiert werden, wie Investitionen in grosse neue Wasserkraftwerke, in Speicherseen oder in Stromnetze ausgelöst werden könnten. «Es braucht dazu einen neuen Strommarkt, in dem alle Konsumenten ihr Stromprodukt frei wählen können, die Wasserzinsen gesenkt werden und Investoren in neue Kraftwerke verlässliche Rahmenbedingungen erhalten.»

Auch Wasserfallen will auf die Frage nach neuen AKW nicht weiter eingehen. Er hält lediglich fest, die Stilllegung der bestehenden Atomkraftwerke könne mit einem Nein zur Energiestrategie 2050 «gut vollzogen werden», wie das Beispiel Mühleberg zeige: Der Entscheid, das AKW Mühleberg 2019 stillzulegen, sei basierend auf dem heutigen Recht von der Betreiberin BKW gefällt worden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • A.W. am 28.03.2017 15:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zu früh

    Die Alternativenergie ist noch zu wenig ausgereift und zu teuer. NEIN stimmen und in 5 Jahren neu beurteilen. Nicht jetzt schon alles verbieten.

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  • Lightning am 28.03.2017 15:25 Report Diesen Beitrag melden

    ein teurer Spass

    Solange keine Lösung für eine funktioniernde neue Energiestrategie in Sicht ist, ist das nur ein teurer Spass den wir uns da leisten ohne Mehrwert und ohne Wirkung auf die Umwelt (Import Kohlestrom)

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  • Simba74 am 28.03.2017 15:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    denkt nach...

    mein NEIN ist bereits klar weil ich weiss, dass ohne Änderung des Verbrauchs, wir von ausländischen Kohlestrom abhängig sind. Was ist nun besser, neue eigene effizientere AKW 2.0 oder Geld ins Ausland oder stromlos?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Mary J. am 29.03.2017 12:56 Report Diesen Beitrag melden

    Warum so wenig Vertrauen?

    Die meisten denken hier zu kurzfristig, es heisst Energiestrategie 2050!!! Das sind noch 30 Jahre!! In dieser Zeit passiert soooo viel! Seht doch die Entwicklung der Handys an! Oder Tablets! Warum sollte das nicht auch im Energiesektor möglich sein? Es gibt heute schon viele Landwirte die mit Biomasse Energie erzeugen, Solarpanels sind so leistungsfähig wie noch nie, sie sehen mittlerweile auch schön aus (Ziegel/Wandverkleidung), es gibt energieautarke Häuser, Migros und Coop haben Energie-Plus-Gebäude! Alles Beispiele die in den letzten Jahren entstanden sind, wir haben 30 Jahre Zeit!

  • Mr. Clean am 29.03.2017 11:41 Report Diesen Beitrag melden

    Zukunft ist dezentral und erneuerbar

    Neue AKW wird in den nächsten 20-30 Jahren sicher niemand bauen in der Schweiz, das ist nicht mehrheitsfähig und ökonomisch total unsinnig. Ausser vielleicht Herr Röstis AKW der vierten Generation, das bei Gefahren nach innen implodiert kommt irgendwann in absehbarer Zeit mal zu erschwinglichen Preisen auf den Markt... Aber auch dann wirds sauschwer gegen die günstigen und sauberen Erneuerbaren zu bestehen, denn diese setzen sich ganz bestimmt weltweit durch.

  • Pascal am 29.03.2017 11:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stop

    Es geht hier überhaupt nicht darum, ob Uran Für Akws oder Silizium für Solarzellen schlecht für die Umwelt sind. Es geht nur darum, wenn es ein Akw in der kleinen Schweiz verbläst, können wir alle gehen. Für immer. Um das geht es. Deshalb abschalten. Heute!

  • AlexM am 29.03.2017 08:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Enegiesubvention?

    Wenn 30'000 AlternativEnergieProjekte in der Warteschleife für Subventionen stehen, zeigt dies überdeutlich, dass diese nicht zur Enegiewende taugen. Energieerzeugung, -verteilung und -entsorgung (zB AKW) sind ausschließlich vom Energiekonsument zu bezahlen. Der Staat hat lediglich die Bedingungen für Wasserkraft- und Pumpspeicherwerke, AKW's, Solar- und Windparks und kommende Energietechniken zu regeln. Subventionen haben immer zu Fehlproduktionen und überhöhten Preisen geführt und die Kreativität im Markt abgewürgt.

  • Bachel am 29.03.2017 08:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auf keinen Fall Veränderung...

    Veränderung macht Angst. Dennoch - es verändert sich ständig, immer und in jeder Sekunde einfach alles. Konservativ (also "bewahrend") zu sein, nützt nichts. Man kann nichts konservieren auf längere Zeit. Und um eben längere Zeit geht es hier auch: Gebt doch der Zukunft eine Chance. Und die liegt kaum darin, an Altem festzuhalten. Natürlich können wir den Energiebedarf durch modernere Techniken decken. Offenbar wollen das einfach viele nicht. Aus Angst vermutlich vor der Zukunft. Ach ja: Sie darf auch ruhig mehr kosten, die Energie. Ist ja lächerlich billig heute.