Fragliche Investition

01. September 2018 14:27; Akt: 01.09.2018 15:09 Print

Wer mit Nachhilfe ins Gymi kommt, bleibt eher sitzen

von Simon Ulrich - Schüler, die es mittels Nachhilfeunterricht ans Gymnasium schaffen, müssen deutlich öfter repetieren. Zu viel Nachhilfe macht bequem, sagt eine Bildungsforscherin.

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Wer nur mittels Nachhilfestunden das Gymi-Niveau erreicht, läuft Gefahr, nach dem ersten Jahr zu straucheln. Laut dem Bildungsbericht Schweiz 2018 Bei Gymnasiasten war die Repetitionswahrscheinlichkeit bei Gymnasiasten, die am Ende der obligatorischen Schulzeit Nachhilfe beanspruchten,, um vier Prozentpunkte höher als bei ihren Kameraden ohne Nachhilfe. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Denkbar ist, dass sich die Schüler bei regelmässigem und intensivem Nachhilfeunterricht Lernstrategien aneignen, die für das Gymnasium kontraproduktiv sein könnten. «Man hockt nicht mehr selber hin und lernt, sondern macht seine Hausaufgaben mit dem Nachhilfelehrer», sagt Stefanie Hof von der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF). Plausibel ist auch, dass solche Schüler – trotz gleicher Kompetenzen vor dem Eintritt ins Gymi – schlicht nicht über dasselbe Potenzial verfügen wie ihre nachhilfelosen Altersgenossen, um das Gymnasium erfolgreich zu durchlaufen. Mit anderen Worten: Es sind ganz einfach schlechtere Schüler. Beat Zemp, Präsident des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH, erstaunen die Ergebnisse wenig. Bereits frühere Studien hätten gezeigt, dass Nachhilfe über eine lange Zeit nicht mit besseren Noten einhergehen würden. Der Peer-Group-Effekt lässt die eigenen Bedenken schwinden. «Wenn ihre gleichaltrigen Kollegen ans Gymi gehen, wollen sie ebenfalls dorthin – auch wenn sie vom Potenzial her vielleicht nicht dafür bestimmt sind», so Zemp. Zahlreiche Eltern würden ihre Sprösslinge zudem trotz mässiger schulischer Leistungen aufs Gymnasium schicken, weil sie denken, die gymnasiale Matura sei der einzige Weg zur Universität, so Zemp. Zahlreiche Eltern würden ihre Sprösslinge zudem trotz mässiger schulischer Leistungen aufs Gymnasium schicken, weil sie denken, die gymnasiale Matura sei der einzige Weg zur Universität, sagt Zemp. Dabei lässt sich heute ohne Weiteres auch nach der Berufs- oder Fachmatura via Passarelle einen tertiärer Abschluss erlangen.

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Tausende Schüler haben in den letzten Wochen frohen Mutes das Gymnasium in Angriff genommen. Viele von ihnen werden aber schon im nächsten Sommer einen Dämpfer erleiden und das erste Schuljahr wiederholen müssen. Besonders gefährdet sind jene Knaben und Mädchen, die den Sprung ins Gymi nur mittels bezahltem Nachhilfe-Unterricht geschafft haben.

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Wie der neueste Bildungsbericht Schweiz zeigt, liegt die Repetitions-Wahrscheinlichkeit bei Gymnasiasten, die am Ende der obligatorischen Schulzeit Nachhilfe beanspruchten, um vier Prozentpunkte höher als bei ihren Kameraden ohne Nachhilfe. Vier Prozentpunkte, das klingt nach wenig. Aber: «Gemessen an den durchschnittlich 9,5 Prozent, die in der untersuchten Stichprobe das erste Jahr repetierten, ist das ziemlich viel», sagt Mitautorin Stefanie Hof von der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF).

Reduzierte Lernanstrengung und niedrigeres Potenzial

Von den Resultaten, die auf den Längsschnittdaten der PISA-2012-Kohorte basieren, zeigt sich Hof überrascht. Bisher sei die Forschung davon ausgegangen, dass zwei Schüler, die bei der Aufnahmeprüfung dieselbe Leistung erbringen, auch dieselben Chancen auf eine erfolgreiche gymnasiale Laufbahn haben. «Entscheidend ist offenbar aber auch, wie man das geforderte Kompetenzniveau erreicht», so die Projektkoordinatorin Bildungsbericht Schweiz.

Warum Schüler mit Nachhilfe eher sitzen bleiben, darüber lässt sich derzeit nur spekulieren. Hof vermutet, dass sich die Schüler bei regelmässigem und intensivem Nachhilfeunterricht Lernstrategien aneignen, die für das Gymnasium kontraproduktiv sein könnten. «Man hockt nicht mehr selber hin und lernt, sondern macht seine Hausaufgaben mit dem Nachhilfelehrer», sagt die Bildungsforscherin. Die Folgen: Die eigene Lernanstrengung sinkt und die antrainierte Bequemlichkeit nimmt man ans Gymi mit.

Naheliegend sei zudem, dass solche Schüler – trotz gleicher Kompetenzen vor dem Eintritt ins Gymi – schlicht nicht über dasselbe Potenzial verfügen wie ihre nachhilfelosen Altersgenossen, um das Gymnasium erfolgreich zu durchlaufen. Mit anderen Worten: Es sind die schlechteren Schüler. «Mit der Nachhilfe haben sie sich ihr Potenzial erkauft und ihre Leistung kurzfristig heraufgepusht», sagt Hof. «Mittelfristig verpufft jedoch dieser Effekt.»

Peer-Group-Effekt und unwissende Eltern

Beat Zemp, Präsident des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH, erstaunen die Ergebnisse wenig. Bereits frühere Studien hätten gezeigt, dass Nachhilfe über eine lange Zeit nicht mit besseren Noten einhergehen würden. «Nachhilfeunterricht ist nur dann sinnvoll, wenn er punktuell eingesetzt wird, etwa nach einer längeren Unterrichtsabsenz oder bei Teilschwächen in einzelnen Fächern», sagt Zemp.

Oft sei den Jugendlichen mit Nachhilfeunterricht – etwa aus Gesprächen mit dem Klassenlehrer – durchaus bewusst, dass ihnen am Gymnasium ein rauer Wind entgegenwehen könnte. Der Peer-Group-Effekt lässt allerdings die eigenen Bedenken schwinden. «Wenn ihre gleichaltrigen Kollegen ans Gymi gehen, wollen sie ebenfalls dorthin – auch wenn sie vom Potenzial her vielleicht nicht dafür bestimmt sind», so Zemp.

Zahlreiche Eltern würden ihre Sprösslinge zudem trotz mässiger schulischer Leistungen aufs Gymnasium schicken, weil sie denken, die gymnasiale Matura sei der einzige Weg zur Universität. Dabei lässt sich heute ohne Weiteres auch nach der Berufs- oder Fachmatura via Passarelle einen tertiärer Abschluss erlangen. Zemp: «Viele Eltern haben leider noch nicht begriffen, wie durchlässig unser Bildungssystem ist.» Umso wichtiger sei es, dass sie bei Gesprächen mit dem Klassenlehrer und in Berufsberatungen über die verschiedenen Bildungspfade aufgeklärt würden.


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Julia am 01.09.2018 15:03 Report Diesen Beitrag melden

    Wohl eher umgekehrt

    Wer Nachhilfe braucht, um es ins Gymi zu schaffen, hat wohl einfach nicht die nötige Gabe dazu. Klar, kann sich bei dem einen oder anderen der Knoten noch lösen, aber der Schulstoff, den es zu lernen gilt, wird ja nicht einfacher und schon gar nicht weniger. Wahrscheinlich ist der Zusammenhang andersrum: Die Schüler brauchen die Nachhilfe, um es ins Gymnasium zu schaffen, weil sie alleine eben nicht genügend gut lernen können und ein Sitzenbleiben daher fast vorprogrammiert ist. Warum muss eigentlich ein Kind auf Biegen und Brechen ins Gymi, wenn ihm das theoretische Lernen so nicht liegt?

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  • spymek am 01.09.2018 14:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So händelte ich es

    Ich sagte mir damals auch; lieber ne gute Sekschülerin, als ne schlechte Gymi-Schülerin. Obwohls mir gaaaanz knapp ins Gymi reichte, ging ich in die Sek., ist natürlich schon eine lange Weile her ;-) Trotzdem bereu ich den Entscheid bis heute nicht, so war das Lernen für mich stressfreier und somit angenehmer.

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  • Anton am 01.09.2018 14:45 Report Diesen Beitrag melden

    "Es sind die schlechteren Schüler."

    Wieso ist diese Theorie nur "naheliegend"? Ist doch viel einleuchtender als die Lernstrategie-These. Intelligenz ist nun mal vor allem genetisch und von der frühen Kindheit bedingt, auch wenn viele dies nicht wahrhaben wollen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Igel am 02.09.2018 20:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mühsam

    Aus einem VW Käfer, kann man keinen Ferrari machen. Gemeint den Bildungsrucksack welcher in die Wiege gelegt wird.

  • Cyberpunk am 02.09.2018 20:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schaff

    Die Schweiz fehlt es an kritischen Denkvermögen. Deshalb sind so viel für Scams und Phishing anfällig

  • Ursula B. am 02.09.2018 20:18 Report Diesen Beitrag melden

    Stimmt so nicht

    Unsere Tochter musste damals die Defizite ihrer Lehrerin, die den Stoff in Mathi nicht rechtzeitig vermittelt hatte, aufholen. Sonst hätte sie einen Teil der Aufgaben nicht lösen können. Das wussten wir nur wegen des Grossvaters, der als Lehrer die Anforderung kannte und dies frühzeitig bemerkte.

  • Di Dago am 02.09.2018 18:14 Report Diesen Beitrag melden

    Politische Indoktrination

    ist keine Bildung! Man sieht ja was dann azs den Unis kommt.... nuchts Gescheites!

  • Chief am 02.09.2018 17:18 Report Diesen Beitrag melden

    Werdet mal wach!!!

    Gymi ist nicht der Sinn des Lebens! Was soll diese Einbläuung das man nur mit Gymi weiterkommt? Sehr weltfremd finde ich..