Häusliche Gewalt

31. August 2019 13:42; Akt: 01.09.2019 11:00 Print

Weshalb werden Femizide nicht verhindert?

von J. Käser - 186 Frauen und Mädchen wurden in der Schweiz in den letzten zehn Jahren durch häusliche Gewalt getötet. Häufig fallen die Täter zuvor polizeilich auf.

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Am Montag wurde eine 34-jährige Frau in Dietikon ZH von ihrem Ehemann umgebracht. Vor rund zwei Wochen brachte eine junger Mann in Rapperswil SG seine Mutter um. Ende Juli wurde eine 24-jährige junge Frau in Au ZH von ihrem Partner und Vater ihres kleinen Kindes getötet. Nur eine Woche zuvor war eine 51-Jährige in Affoltern am Albis ZH ihrem Ehemann zum Opfer gefallen, der seine ganze Familie auslöschte. Bereits im Juni hatte ein Waadtländer seine Frau und den gemeinsamen Sohn tödlich verletzt, bevor er sich selbst richtete.

Diese Liste könnte noch lange weitergeführt werden: Fast alle zwei Wochen verliert eine Frau in der Schweiz ihr Leben – wegen einem Delikt im häuslichen Bereich. Frauen werden viermal häufiger Opfer von häuslicher Gewalt als Männer. Bei den tödlich endenden Fällen ist der Unterschied noch höher: Hier ist der Frauenanteil siebenmal so hoch wie jener der Männer. Das veranschaulicht eine mehrjährige Erhebung des Bundesamts für Statistik von 2018. In den letzten zehn Jahren wurden insgesamt 186 Frauen und Mädchen im Rahmen von häuslicher Gewalt getötet, wie die Schweizer Kriminalstatistik zeigt. Inkludiert man die versuchten Tötungsdelikte sind es 471 Frauen und Mädchen.

Grösstenteils Partnerschaftliche Beziehungen

Der Grossteil davon steht in einer partnerschaftlichen Beziehung zum Täter. So erfasste die Polizei zwischen 2011 bis 2016 insgesamt 294 versuchte oder vollendete Tötungsdelikte im Zusammenhang einer Partnerschaft. 206 Täter-Opfer-Paare waren zum Tatzeitpunkt in einer bestehenden Beziehung, 88 in einer ehemaligen. Laut dem BfS wird mehr als jeder Fünfte Tatverdächtige in den zwei Jahren vor der Tat polizeilich registriert. Bei jedem zehnten Fall geht es direkt um eine Anzeige wegen häuslicher Gewalt.

Doch wieso können die Täter nicht gestoppt werden, bevor es zu einer Bluttat kommt? Ist es am Ende die Polizei, die versagt? «Nein», sagt Johanna Bundi Ryser, Präsidentin des Schweizerischen Polizeibeamtenverbandes, zur «Schweiz am Wochenende». Die Möglichkeiten der Beamten seien beschränkt, denn die gesetzlichen Hürden, um jemanden zu verhaften, seien hoch. Fühle sich eine Frau bedroht und melde sich deshalb bei der Polizei, werde der betroffene Mann vorgeladen. Doch: «Kein Richter der Schweiz bewilligt eine präventive Haft, ohne, dass vorher etwas Gravierendes passiert ist», so Bundi Ryser zur Zeitung. Häufig habe man keine andere Wahl, als den Verdächtigen laufen zu lassen.

Polizei soll Frauen besser schützen können

Zahlreiche Täter fallen laut der höchsten Polizistin der Schweiz nicht bei der Polizei auf, sondern in der Schule der Kinder, auf dem Sozialamt oder bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). Davon würden aber kaum Hinweise oder Warnungen zur Polizei gelangen – wegen des hohen Datenschutzes für die Täter. Dieser werde «höher gewichtet als das Schutzbedürfnis der Frauen.» Bundi Ryser appelliert an Politiker und Juristen. Diese sollten sich Gedanken darüber machen, wie Polizisten Frauen in Zukunft besser schützen können.

Auch auf der Strasse werden die jüngsten Fälle von häuslicher Gewalt zum Thema. So fand am Donnerstag in Zürich eine spontane Demo gegen Femizide statt (siehe Tweets). Schon am Frauenstreik hatten rund eine halbe Million Frauen unter anderem für bessere Massnahmen gegen häusliche Gewalt demonstriert.

Schliesslich werden auch in der Politik Stimmen laut, die den Bund auffordern, gezielt gegen häusliche Tötungsdelikte an Frauen vorzugehen. Grünen-Nationalrätin Maya Graf hat im Juni ein Postulat eingereicht, in dem sie vom Bundesrat einen Bericht zum Thema fordert. Dieser soll Auskunft darüber geben, welche Präventions- und Schutzmassnahmen erarbeitet werden können, um Frauen besser zu schützen. Laut Graf fehlen dazu aber wichtige Daten und Ursachenforschung. Diese müssten nun dringend gesammelt und evaluiert werden.


Das hat der Bund bereits getan

Erst im Juli hat der Bundesrat beschlossen, dass Opfer von häuslicher Gewalt ab Juli 2020 bessere geschützt werden sollen. Kontakt- oder Rayonverbote können durch elektronische Armbänder oder Fussfesseln, die potenzielle Gewalttäter oder Stalker tragen müssen, in Zukunft besser überwacht werden. Zudem sollen Opfer von häuslicher Gewalt laufende Verfahren bei Verdacht auf weitere Gewalt nicht mehr sistieren können.


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Iron am 31.08.2019 18:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Femizid, Masculinizid, Geriatrizid...

    Wie nennen wir es eigentlich wenn die Frau den Mann aus Eifersucht vergiftet, bzw. umbringt oder jemand alte Heimbewohner? Mord kann es ja nach deren Logik nicht sein... Mord ist Mord und hat keinen Platz für feministische Eigenbegriffe!

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  • Helena. am 31.08.2019 17:09 Report Diesen Beitrag melden

    Polizei sollte ALLE besser schützen.

    Was für eine Heuchlerei. Jeder Mord ist furchbar, nicht nur die gegen Frauen.

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  • Elsa am 31.08.2019 16:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer einmal schlägt, tut es immer wieder

    Vor 45 Jahren - war Anfang zwanzig - bekam ich von meinem Freund eine knallende Ohrfeige. 20 Minuten später verliess ich die Wohnung mit einem kleinen Koffer. Jeden Tag bekam ich Anrufe ins Geschäft und tausend Entschuldigungen, aber wer einmal schlägt, tut es immer wieder. 3 Wochen später holte ich mit Freunden mein Hab und Gut aus der Wohnung. Es waren alles meine Möbel. Der "feine" Herr hatte nicht mal mehr ein Bett am Abend als er nach Hause kam und alle seine Kleider waren am Boden schön aufgestapelt. Bin vom Welschland direkt in die deutsche Schweiz gezogen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • boka am 01.09.2019 17:32 Report Diesen Beitrag melden

    Toxizität im Denken

    Nur schon der Begriff Femizid ist so was von unangebracht zur Reihe von Pestizid, Fungizid, Bakterizid, Herbizid etc gehörend, vergiften meinend, was eigentlich eher die letale Form ist an der Männer durch Frauen sterben. Gerade die Sprachpolizistinnen zeigen damit dass ihr Einsatz für die reine Sprache in ihrem Bereich einzig ein Kampfmittel ist. Schon mit der toxischen Maskulinität hatten sie sich vergriffen, selbst jaulend wenn die SVP mit apfelfressenden Raupen operiert, was ich hier nicht gutheissen will gleich wie ich auch Gewalt an Frauen verachte.

  • Martial2 am 01.09.2019 15:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sehr schlimm...

    Früher kamen solche Tragödien nur in den USA vor; heute in der Schweiz an der Tagesordnung. Man kann leider nicht miteinander reden um Problemen zu lösen!

  • Kiwi am 01.09.2019 15:07 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht vom Thema abweichen

    Die Aussage, Männer seien häufige Opfer von Gewaltverbrechen, mag wohl stimmen, ist aber trügerisch. Die Frage ist doch nicht, wer häufiger das Opfer ist, sondern wer häufiger Gewalt ausübt - mit Verletzten und Toten. Das ist hier das Thema. Psychische Gewalt ist ein anderes Thema - nicht weniger schlimm.

  • M.K. am 01.09.2019 14:16 Report Diesen Beitrag melden

    Kesb verzettln sich teils mit Bagatellen

    Zahlreiche Täter fallen in der Schule der Kinder oder auf dem Sozialamt auf. Hmmm. Für gewaltbereite Täter soll es keinen Datenschutz geben. Aber mancherorts schikanieren die Kesb lieber unbescholtene Eltern eines Kindes, das zu seinem allzu nachgiebigen Lehrer frech war. Dafür reichen die Kapazitäten dann nicht mehr für konsequente Sanktionen gegen gewisse Männer, die Gewalt sogar durch die heilige Schrift legitimiert wähnen. (Egal ob durch die muslimische oder die christliche).

  • Proof am 01.09.2019 14:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weshalb

    werden psychische Kindesmisshandlung (Vater-Kind Entfremdung EKE/PAS), psychischer Kindesmissbrauch (Missbrauch des Kindes durch Frauen/Mütter bei Konflikten zwischen den erwachsenen und NICHT dem Kind), strukturierte behördliche Gewalt an Männern und Vätern durch Polizei, KESB, Gerichte, Väter-Diskriminierung, Verweigerung der Kinder- und Menschenrechte... NICHT verhindert ??? Für Frauen gibt es genügend Hilfsangebote, für Männer KEINE EINZIGE die nicht nur beratet sondern AKTIV wird und die Kinder und Männer vor den Frauen schützt. Es reicht langsam mit dieser Ungleichbehandlung !!! Wann beginnen wir dies zu thematisieren ? Die psychische Gewalt von Frauen/Müttern an Kindern und Vätern/Männern erhält keine Aufmerksamkeit! WESHALB ? Schützt endlich die Kinder und Männer vor den Frauen (Eure Töchter / Schwestern / Schwägerin Nachbarin / Arbeitskollegin...). Kinder hätten auch Rechte, Väter/Männer sind auch Menschen!

    • Spaniel am 01.09.2019 19:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Proof

      Lieber Proof - eigentlich kann ich Ihnen nur beipflichten. Zumindest weitgehend. Aber doch es gibt auch Hilfe für Männer! Ich denke an Mannebuero.ch - da kann man Männern zumindest weiter helfen an die richtige Adresse zu kommen. Ja - es gibt Frauenhäuser und notfalls auch eine Lösung für Männer. Man spricht immer nur von Männergewalt - das ist eindeutig falsch.

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