Skandal, Skandal

09. Dezember 2011 11:20; Akt: 09.12.2011 12:25 Print

Wie Politiker zu Fall gebracht werden

von Simon Hehli - Der Zürcher SVP-Nationalrat Bruno Zuppiger strauchelte über eine Geschichte, die nichts mit Politik zu tun hat. Er ist nicht der erste aussichtsreiche Bundesratskandidat, dem das passiert.

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Nicht wenige Schweizer Politikerinnen und Politiker strauchelten über persönliche Geschichten, die sich zu Skandalen ausweiteten und sie zu Fall brachten. Jüngstes Beispiel ist , dem in einer Erbschaftsangelegenheit versuchte Veruntreuung vorgeworfen wird. Seine Bundesratskandidatur zog er nach diesen schweren Vorwürfen zurück. Der Glarner Sozialdemokrat war 1995 vielversprechender Anwärter auf die Nachfolge von Otto Stich. Doch auch er sah sich wie Zuppiger mit dem Vorwurf der Veruntreuung konfrontiert. Marti habe Honorare von Rechtsfällen eingesackt, die er mit seinem Ex-Partner-Anwalt hätte teilen sollen. Bundesrat wurde dann Moritz Leuenberger. Der SVP-Ständerat verscherzte sich seine Bundesrats-Chancen im wahrsten Sinne des Wortes: In einer Männerrunde machte er sich in den 90er-Jahren über die Figur von Bundesrätin Dreifuss lustig. Das kostete ihm viele Frauenstimmen und er wurde von der Partei im Jahr 2000 nicht auf die Kandidatenliste gesetzt. Der spätere FDP-Präsident lebte 1989 in sogenannt wilder Ehe mit seiner ehemaligen Anwaltspraktikantin. Geschieden war er noch nicht. Deshalb habe er Stimmen verloren, meinte Steinegger. Kaspar Villiger wurde dann Bundesrat. Sie war vielen Parlamentariern wegen ihres Privatlebens suspekt. Ihr angeblich ungesitteter Lebenswandel war 1993 vielen ein Dorn im Auge. Sogar mit der Veröffentlichung von Nacktbildern wurde gedroht. Deshalb machte am Schluss Genossin Ruth Dreifuss (r.) das Rennen. Ihr wurde 2010 eine Schein-Trennung aus karrieretechnischen Gründen von ihrem Mann vorgeworfen: Er ist Banker. Gewählt wurde Simonetta Sommaruga. Der Genfer Sozialdemokrat schaffte 1987 die parteiinterne Nomination gegen René Felber nicht. In seiner Jugend wurde er einmal verurteilt.

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Es ist die Hochsaison der Wühlmäuse: Vor Bundesratswahlen graben sie sich tief in die berufliche und private Vergangenheit der Kandidaten – und bringen nicht selten Erstaunliches ans Tageslicht. Das muss jetzt Bruno Zuppiger schmerzlich erfahren: Er soll sich jahrelang aus einer Erbschaft bedient haben, wie die «Weltwoche» berichtet. Diese Enthüllung hat den Kandidaten Zuppiger nun zu Fall gebracht.

Im Gegensatz zu den USA, wo bereits die Kandidatenküren der Demokraten und Republikaner jeweils zu Schlammschlachten ausarten, verlaufen die Schweizer Bundesratswahlen meistens gesittet. Doch manchmal fahren politische Gegner die grossen Geschütze auf, um unliebsame Kandidaten zu loszuwerden.

Nacktbild von Kandidatin Brunner tauchte nie auf

Besonders fies waren 1993 die Angriffe auf Christiane Brunner. Die Genferin sollte als erste Sozialdemokratin in den Bundesrat einziehen. Doch dann wurde der angeblich liederliche Lebenswandel der Geschiedenen zum grossen Thema. In einem Schreiben drohten anonyme Kreise mit der Veröffentlichung eines Nacktfotos Brunners. Und warfen ihr vor, sie habe in den 80er-Jahren eine – damals noch illegale – Abtreibung vorgenommen.

Brunner wehrte sich juristisch gegen die Anwürfe, das Nacktbild tauchte nie auf. Doch der politische Schaden liess sich nicht mehr beheben: Die Bundesversammlung wählte anstelle von Brunner ihren Parteikollegen Francis Matthey, der auf Druck der SP letztlich Ruth Dreifuss Platz machte. «Auch wenn sich Anschuldigungen im Nachhinein als falsch erweisen, können sie an Politikern hängen bleiben und ihren Ruf ramponieren», sagt der St. Galler Politologe Silvano Moeckli.

Steineggers wilde Ehe kostete Stimmen

Die Liste von prominenten Politikern, die auch aufgrund «pikanter» ausserpolitischer Aktivitäten den Sprung in den Bundesrat nicht schafften, ist lang. Der spätere FDP-Präsident Franz Steinegger lebte 1989 in sogenannt wilder Ehe mit seiner ehemaligen Anwaltspraktikantin. Geschieden war er noch nicht. «Deshalb verlor ich Stimmen», sagte Steinegger im Rückblick. Er unterlag im Rennen um die Nachfolge von Elisabeth Kopp gegen Kaspar Villiger.

Der diesen Herbst zurückgetretene Bündner SVP-Ständerat Christoffel Brändli verscherzte sich seine Bundesrats-Chancen im wahrsten Sinne des Wortes: In einer Männerrunde machte er sich in den 90er-Jahren über die Figur von Bundesrätin Dreifuss lustig. Die SP-Frau hatte bei der Wiederwahl ein schlechtes Ergebnis erzielt, weshalb Brändli kalauerte: «Man nennt sie in Bern jetzt Reziprökli: weniger Stimmen, mehr Gewicht!»

Der Spruch kostete Brändli die Unterstützung vieler Frauen im Parlament, so dass es der ursprüngliche Favorit im Jahr 2000 nicht aufs Kandidatenticket der SVP schaffte. Dazu trug auch seine Rolle bei der Bündner Olympia-Kandidatur bei: Brändli hatte seine Tätigkeit gegen aussen als ehrenamtlich verkauft, obwohl er dafür mehrere Zehntausend Franken kassierte. «Mit Heckenschützen muss man leben», kommentierte Brändli die Vorwürfe gegen ihn.

Vorwurf im dümmsten Moment

1995 galt der Glarner Sozialdemokrat Werner Marti als heisser Anwärter auf die Nachfolge von Otto Stich. Im dümmsten Moment – ähnlich wie jetzt bei Zuppiger – sah sich Rechtsanwalt Marti mit dem Vorwurf der Veruntreuung konfrontiert. Sein früherer Kanzlei-Partner erklärte öffentlich, Marti habe 1987 bei seinem Ausscheiden aus der Kanzlei mehr als 200 laufende Rechtsfälle mitgenommen und die Honorare dafür eingestrichen. Marti einigte sich schliesslich aussergerichtlich mit dem Ex-Partner und wurde auch vor Gericht freigesprochen. Doch in den Bundesrat schaffte es Moritz Leuenberger – nicht der Glarner.

1987 musste der Genfer Sozialdemokrat Christian Grobet in der parteiinternen Nomination René Felber den Vortritt lassen – auch weil er mit einer Jugendstrafe einen Tolggen im Reinheft vorwies. Als «Mutprobe» hatte Grobet in seiner Gymnasiumszeit zusammen mit Kollegen Nobelwohnungen, Autos und Läden ausgeräumt.

Ein aktuelles Beispiel ist der Zuger SVP-Regierungsrat Heinz Tännler. Linke Kreise versuchten, ihm einen Strick daraus zu drehen, dass er von 2004 bis 2007 Direktor der Fifa-Rechtsabteilung gewesen war. Der Fussballverband sei «bekanntlich in Sachen Korruption nicht über jeden Verdacht erhaben», schrieb der abgewählte grüne Nationalrat Jo Lang in einem offenen Brief ans Parlament. Die Wahl eines «ehemaligen Fifa-Kopfes in den Bundesrat» sei deshalb mit Risiken verbunden. Die SVP-Fraktion entschied sich für Zuppiger.

Der aktuelle Angriff auf Zuppiger ist nicht das erste Mal, dass die «Weltwoche» in die Bundesratswahlen eingreift. Im Juli 2010 warf das Blatt der SP-Kandidatin Jacqueline Fehr eine Schein-Trennung aus karrieretechnischen Gründen vor. Ihr Mann Maurice Pedergnana hätte als Banker zu einer Hypothek für die linke SP-Frau werden können, insinuierte die «Weltwoche». Gewählt wurde Simonetta Sommaruga. Darauf hatte die «Weltwoche»-Geschichte keinen Einfluss mehr. Im «Fall Zuppiger» sieht das jetzt ganz anders aus.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bruno Köppel am 09.12.2011 11:40 Report Diesen Beitrag melden

    Diesmal ist es anders

    In der Vergangenheit haben sicher manchmal Bagatellen den Ausschlag gegeben, dass jemand nicht zum Bundesrat gewählt wurde. Diesmal ist es anders! Versuchte Veruntreuung in einer besonders delikaten Sache und diese dann noch leugnen wollen ist für mich ein anderes Kaliber als beispielsweise eine wilde Ehe.

  • Rumpelstilzchen am 09.12.2011 18:00 Report Diesen Beitrag melden

    Ehrlichkeit geht über alles

    die Sp sollte das Maul nicht so aufreissen. Gerade wurde einer, der in den Nationalrat wollte erwischt, weil er vers, Autos in Brand gesetzt hatte. Wie kommt es, dass solche Leute kandidieren können bei der Sp?. Ich finde das eine (Zuppiger) sowie das andere nicht in Ordnung, aber schreien sollten nur die, die das Recht haben zu schreien. Und dies sind wahrscheinlich die wenigsten.

  • Ril-G am 09.12.2011 13:02 Report Diesen Beitrag melden

    Bünzlischweiz

    Manche dieser "Gründe" sind ja wohl keine. Was Brunner wiederfahren ist, ist eine Frechheit, genau wie bei Steinegger auch. Das Privatleben interessiert wohl nun wirklich keinen. Ob eine wilde Ehe oder ein "liederlicher Lebenswandel", zu Schaden kam niemand, das sind normale Geschichten die höchstens unterhaltsam sind. Schlimm ist wenn schon, dass teilweise nie bestätigte Vorwürfe (und biedere Bünzliparlamentarier) jemanden zu Fall brachten. Sobald es aber in Richtung Mobbing (Brändli) und Straftaten geht, wird es jedoch sehr wohl relevant und es ist wichtig, dass hingeschaut wird.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Tinu am 10.12.2011 22:20 Report Diesen Beitrag melden

    Interessant!

    Ein beinahe Bundesrat, der Wohnungen leerräumt? Wirklich interessant!Werden Jugendstrafen nicht gelöscht nach ein paar Jahren? Es muss halt in der Politik alles "perfekt" sein! Studium, verheiratet, Haus, Kinder und Hund und am besten noch irgendwo im Vorstand einer wohltätigen Organisation oder im Kirchenchor! Mir geht dieses "perfekte" teilweise ziemlich auf die Nerven! Ist irgendwie "weltfremd" für mich.

  • Ruedi Ballmer am 10.12.2011 17:09 Report Diesen Beitrag melden

    Persönliche Integrität unerlässlich

    Eine informative Aufstellung. Die Vorwürfe an Herrn Zuppiger scheinen mir aber schon höchst relevant in Bezug auf seine Eignung als Bundesrat.

  • Peter Vogler am 10.12.2011 09:57 Report Diesen Beitrag melden

    Was hat Lilian Uchtenhagen "verbrochen"?

    Was war denn eigentlich jetzt der Grund,dass Lilian Uchtenhagen 1983 nicht in den Bundesrat gewählt wurde? Es hat geheissen,sie hätte bei Sitzungen mit Aschenbechern um sich geworfen.Wenn man jemanden einfach nicht im Bundesrat haben will,findet sich immer ein "Grund"zum Vorschieben.Selbst wenn jemand eine Kariere im Wissenschaftsbetrieb gemacht hätte,würde man jemandem den man nicht will,einen Strick daraus drehen,wäre sie oder (er) in der 2.Klasse Primarschule sitzen geblieben.Bei Rita Roos CVP kam der Vorwurf,sie sei eine böse Frau.Nur der Vorwurf gegen Zuppiger ist ja keine Lappalie.

  • Dr Pragmatiker am 10.12.2011 01:16 Report Diesen Beitrag melden

    Nenei, so do scho nid!

    Es scheint wirklich langsam so, dass unser Parlament zu einem guten Teil aus der Unterwelt besteht. Abgesehen davon, was für einen Leistungsausweis hat Bruno Zuppiger vorzuweisen?

  • Chriss am 09.12.2011 23:35 Report Diesen Beitrag melden

    Kann mir jemand helfen?

    Weshalb zurücktreten bei solchen Fällen. Weil man den Leuten nicht mehr vertrauen kann? Wieso nicht? und wieso nach dem weniger als vorher? Weshalb wird ein Politiker nicht nach Resultaten gemessen? Jeder der Rücktritte fordert unterstützt diese Wirkungsmechanismen. Man kann sich doch nicht darüber beschweren wenn an selbst von diesen Leuten den Rücktritt fordert. Kann mir jemand helfen?