Selbsthypnose

09. Juni 2014 07:15; Akt: 09.06.2014 07:15 Print

Wie ich versuchte, meine Angst zu besiegen

von R. Neumann - Kann man sich selbst hypnotisieren? Und dabei seine Ängste verschwinden lassen? 20 Minuten machte den Test und ging ins Selbsthypnose-Seminar.

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Torsten Spielmann hypnotisiert 20-Minuten-Reporter Roman Neumann. (Bild: 20 Minuten )

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Blicken Sie auf den Bildschirm, lesen Sie diese Worte, betrachten Sie die Buchstaben, die Wörter. Sie sind ruhig, leicht und entspannt. Das Lesen dieses Textes entspannt Sie. Und jetzt nehmen Sie einen tiefen Atemzug und vergessen all Ihre Sorgen. Das Wichtigste ist jetzt dieser Text.

Nein, Hypnose funktioniert leider nicht schriftlich.

Ich will lernen, meinen pausenlos ratternden Verstand auf den Beifahrersitz zu setzen. Für einmal das Unterbewusstsein ans Steuer zu lassen. Bisher habe ich diesen Zustand nur mit Bier erreicht, nun will ich es nur mit der Kraft meiner Gedanken schaffen. Per Selbsthypnose. Ich melde mich in Lenzburg bei der Arvadis GmbH zu einem Seminar an. Ein Bürogebäude, dritter Stock. Torsten Spielmann, Hypnose-Coach und Anja Leuthard, seine Mitarbeiterin, empfangen mich. Helle Wände, heller Boden, helle Gesichter.

Meine Vorurteile über Hypnose sind durch jahrelanges Studium von Film und Fernsehen gefestigt: Scharlatane, halb verweste Kristallkugelschüttler auf einem Privatsender. Oder doch schwarz gekleidete Männer mit gezwirbelten Bärtchen, stechendem Blick und diabolischem Charme? Diese gerissenen Teufel verwandeln Menschen in willenlose Marionetten – ob diese wollen oder nicht. Ein Hypnotiseur könnte mich an der Migros-Kasse dazu bringen, seinen Einkauf zu bezahlen.

Sammelsurium menschlicher Ab- und Angstgründe

Völliger Quatsch. Oder? Oder doch nicht? Könnten die das? Warum laufen die noch frei herum? Hexerei! Auf den Scheiterhaufen! Torsten Spielmann beruhigt mich: «Sie müssen dazu bereit sein. Sie müssen wirklich hypnotisiert werden wollen, sonst funktioniert es nicht.»

Du läufst den Strand entlang, unter deinen Füssen ist Sand, du spürst die Wellen, die deine Füsse umspülen. Das Wasser nimmt deine Sorgen und Gedanken und nimmt sie mit, du fühlst dich immer leichter. Da kommt eine Palme, du legst dich darunter, in den Schatten, spürst die Wärme des Sandes an deinem Rücken.

Wovor ich Angst habe, fragt er mich im Vorgespräch. Ich will witzeln «vor Hypnotiseuren», zucke aber bloss mit den Schultern. Angst vor Spinnen? Höhenangst? Platzangst? Ich verneine und drehe den Spiess um: Mit welchen Ängsten denn die Klienten um Hilfe suchen? Mir wird ein Sammelsurium menschlicher Abgründe geschildert: Emetophobie, Angst vor dem Erbrechen. Amaxophobie, Angst vor dem Autofahren. Angst, rektal vergewaltigt worden zu sein. Echt? Echt.

Ich entscheide mich für eine gängige Phobie: Die Angst vor dem Sprechen vor Publikum. Die ist zwar bei mir nicht allzu ausgeprägt, aber mit anderen Dämonen kann ich gerade nicht aufwarten.

Sexueller Missbrauch oft Grund für Phobien

Torsten Spielmann hat mich in einen bequemen Ledersessel gesetzt, mich versinken lassen, das Licht gedimmt. Mein Herz klopft. Ich bin hellwach, hochkonzentriert, wie ein Jäger in der Wildnis. Bereit, aufs leiseste Knacken meine Flinte zu richten. Doch wer zuerst schiesst, ist mein Körper: eine Salve Adrenalin quer durch meinen Körper. Spielmann redet mit sanfter Stimme auf mich ein, der Klang seiner Worte immer etwas vergnügt, fast kumpelhaft, nie wähne ich mich, schwarzer Magie ausgesetzt zu sein. Meine Anspannung lässt leicht nach, meine weissen Knöchel kriegen etwas Farbe.

Du stehst auf einer Rolltreppe aus Wolken, diese führt dich zu deinem sicheren Ort. Hier fühlst du dich wohl, immer tiefer führt sie hinunter, immer tiefer, tiefer, bis zu deinem Ort.

Mein sicherer Ort ist ein mir unbekannter Berggipfel, grüne Wiese, klare Luft. Ich bin etwas verwundert, dass auf meinem eben gestalteten Gipfel auch ein Holzkreuz steht. Aber auch als Ungläubiger lasse ich Gnade walten, halte meine andere Backe hin – beziehungsweise lehne selbige an das von der Sonne erwärmte Holz und schaue an den unterbewussten Horizont.

Wenn Spielmann seine Klienten hypnotisiert, um den Grund für bestimmte Ängste zu suchen, gerät er meistens in Ereignisse in deren Kindheit. Oft liege die Ursache dort. Irgendwann später manifestiere sich aus einem Erlebnis eine Angst, die damit eigentlich nichts zu tun hat. Es könne vorkommen, dass er auf sexuelle Missbräuche stosse, die weit zurücklägen. Löst er damit nicht ein erneutes Trauma aus? Holt er nicht etwas hervor, was längere psychologische Behandlung erfordert als zwei Sitzungen bei ihm? Spielmann: «In solchen Fällen lassen wir die Klienten damit nicht alleine, sondern verändern noch in der Hypnose die Erinnerung ans Erlebte.» Nicht dass er die schreckliche Erinnerung ausradieren könne. «Aber wenn diese Person daran denkt, spürt sie – nichts.»

Spielmann versucht mir beizubringen, mit immer kürzeren Wegen diesen Ort zu erreichen. Mein Ziel, später, zuhause, sollte sein: Meine Augen zuzumachen, den Schalter umzulegen und nur für 30 Sekunden an diesen sicheren Ort zu gehen, um danach wieder voll da zu sein. Doch ich bin zu wach, will alles aufsaugen, will wissen, was ich erlebe. Mein Hirn spielt Rambo. Ich denke an diesen Artikel, an mein Zugbillett, an Spiderman, meine Mutter, Kartoffelstock und Panzer – an alles. Nur an nichts zu denken, das schaffe ich nicht. Ich versuche, die Gedanken abzuschütteln, wegzuwischen, abzustreifen. Vergeblich.

Gutes Gefühl implantieren

Wir wenden uns der Angst vor dem Sprechen vor Publikum zu. Ich muss beschreiben, wie sich mein Hals zuschnürt, muss zeigen, wo die Angst sitzt, muss die Enge in meiner Kehle fühlen, wenn eine Vielzahl Augen auf mich gerichtet sind. Spielmann will nun das Gegenteil wissen: Wo habe ich mich frei gefühlt? Wann war meine Brust von jeder Last befreit, wann konnte ich atmen? Ich wähle einen bestimmten Moment auf einem Tauchboot in Thailand. Das Meer türkisfarben, das Schaukeln, die Freiheit.

Dieses Gefühl auf dem Boot, es sprudelt aus dir raus, aus einer Quelle in der Brust, es sprudelt und sprudelt, immer mehr kommt raus, es hört nicht auf, es füllt deinen ganzen Brustraum, jetzt ist es in deinen Armen, es läuft in deine Finger, nun fliesst es aus deinen Fingern heraus, du nimmst es, formst es zu einem Ball, es ist stark, ganz stark, es ist wie damals auf dem Boot.

Wieder versuche ich, an meinen Ort zu gehen, den Schalter auszumachen, nur noch dort zu sein. Den Verstand auszuschalten – «wie einen Wachhund, der sich langsam in sein Häuschen zurückzieht». Ich muss mir vorstellen, wie ich vor 100 Leuten stehe. Spielmann versucht nun, das gute Gefühl als Ball in meine Brust einzupflanzen.

Nur wenige Menschen können nicht hypnotisiert werden

Schliesslich gebe ich auf. Ich will so stark meinen Verstand, diesen Hund, ausschalten, dass der sich immer stärker in mich verbeisst. Ich höre bei vollem Bewusstsein zu, versuche trotzdem, einen Nutzen daraus zu ziehen. Das gute Gefühl – das tatsächlich vorhanden war – mitzunehmen für spätere Gelegenheiten. Andere Klienten berichten Spielmann von spürbaren Erfolgen, für sie ist Hypnose und die nachfolgende Selbsthypnose sehr effektiv. Er sagt: «Für viele ist es meistens der letzte Versuch, nachdem sie alles andere ausprobiert haben.»

Wie verkrampft ich war, spüre ich noch drei Tage später: Obwohl ich vermeintlich tief entspannt in einem Ledersessel lag, sind meine Schultermuskeln hart wie Beton. Nicht alle Menschen sind hypnotisierbar, lese ich später. Folgende stellen eine Ausnahme dar: Kinder unter vier Jahren, Psychoten, geistig unterentwickelte Menschen und paranoide Menschen. Ich schlucke leer.

Vielleicht, hoffe ich, war ich hypnotisiert und ich habe es nur nicht gemerkt. Vielleicht, hoffe ich, kann ich nun ohne Probleme vor Publikum sprechen. Ich werde es bald wissen.

Eins, zwei, drei, Sie sind wieder da. Blicken Sie jetzt um sich. Nach der Lektüre fühlen Sie sich leicht und entspannt. Sie blinzeln nun ein paar Mal, atmen tief durch und klicken auf den nächsten Artikel.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Erwin Hutz am 09.06.2014 09:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schade

    Dass Hypnose bei einem Journalisten nicht oder nur begrenzt funktioniert, ist nicht verwunderlich. Erstens dürfte er unter einer relativ hohen Grundanspannung leiden. Zweitens darf er sich gar nicht voll auf die Hypnose einlassen. Immerhin muss er nachher darüber einen Artikel schreiben und beobachtet sich und die Situation gleichzeitig von aussen. Das kann gar nicht klappen. Eigentlich schade. Hypnose ist (seriös angewandt) eine äusserst kraftvolle Methode, um zB mit Ängsten umzugehen. Leider ist es oft nicht einfach mit 'sich seinen Ängsten stellen' gemacht.

  • Studi am 09.06.2014 12:03 Report Diesen Beitrag melden

    Im Studium

    Als Medizinstudent bin ich inzwischen sehr froh um die Techniken der Selbsthypnose. Ich konnte einen grossen Teil meiner Prüfungsangst (die ich trotz intensiver Vorbereitung habe) abbauen und meinen Notenschnitt verbessern. Was mir aber wesentlich wichtiger erscheint, ist, dass ich mich während dem Lernen besser entspanne und meinem Verstand direkt helfe, das Gelernte zu verarbeiten und abrufbar zu halten. Ich hoffe, davon profitieren meine späteren Patienten ebenfalls! Vielen Dank für diesen anregenden, persönlichen und auch ehrlichen Bericht.

  • Der Seher am 09.06.2014 09:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hypnose gegen Stottern

    Under Sohn war ein Stotterer, über Jahrzehnte ha ben wir alles durchlaufen was so angeboten würde. Sprachheilschulen etc. Mit 24 Jahren schickten wir ihn nach Paderborn ins Greiffenhofer Institut. 3 Tage später konnte er einwandfrei Sprechen. Das War vor 8 Jahren und er stottert auch heute nicht mehr. Die einzigen die sich immer noch hartnäckig gegen diede Hynosetherapie sträuben sind unsere Sprachtherapeuten die in Jahrzehntelanger Arbeit nichts erreichten. Google "Stottern Paderborn", was man da sieht stimmt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • ihr wisst schon wer am 10.06.2014 06:00 Report Diesen Beitrag melden

    anklopfen genügt

    na dann mal los wenn ihr denkt dass ich es wirklich brauche

  • hypianer am 09.06.2014 20:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    mit hypnose gegen Sucht

    Gibt es Hypnose gegen Drogensucht? wenn ja, hat mir jemand eine adresse ?

    • Eli M. am 09.06.2014 22:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Hypnose

      Ha Natürlich!

    • Snake Dundee am 10.06.2014 09:15 Report Diesen Beitrag melden

      Nichts leichter als das hypianer!

      bader-parapsychologie.ch Heilt zuverlässig und effizient Nikotin- und anderer Abhängigkeiten und das ohne Hockuspokus abzulassen! Selbst ausprobiert!

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  • Karla am 09.06.2014 19:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wohin gehen?

    Ich würde mich gerne hypnotisieren lassen. Habe aber keine Ahnung, wohin ich gehen soll? Wie weiß ich, wer seriös arbeitet?

    • cg am 09.06.2014 22:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      wo?

      von wo bist du den?

    • Steffi am 10.06.2014 14:30 Report Diesen Beitrag melden

      in zürich

      ich war in zürich bei mindgroup coaching. er konnte mir helfen. am anfang war hypnose für mich schwierig, da hat er mit anfangs mit anderen techniken auf den sprung geholfen.

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  • Walliser 18 am 09.06.2014 18:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Blutphobie Hypnose

    Ich kann kein Blut sehen sprich mir kommt jeweils beim Anblick von Blut übel. Weiss jemand, ob man etwas gegen diese Blutphobie mittels Hypnose bewirken kann? Bitte um seriöse Antworten / Tipps / Erfahrungen.

    • Eli M. am 09.06.2014 22:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Ängste

      Ja Ängste können gut behandelt werden!

    • Heidi Gehring am 10.06.2014 13:24 Report Diesen Beitrag melden

      Hypnose

      Alle Phobien können mittels Hypnose behandelt werden.

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  • Martin Strehler am 09.06.2014 17:03 Report Diesen Beitrag melden

    Bei mir hats geklappt.

    Ich habe mit subliminaler Hypnose das Rauchen aufgeben können! Mit einem Programm von HypnoWin. Das lässt man einfach am PC laufen und es funktionierte tatsächlich. Seither bin ich überzeugt, dass Hypnose wirklich funktioniert.