Massaker in Orlando

13. Juni 2016 18:47; Akt: 13.06.2016 21:49 Print

Wie sicher sind Schwule in der Schweiz?

von T. Bircher - Nach dem Attentat in Orlando befürchtet FDP-Nationalrat Hans-Peter Portmann, dass die Migration die Homophobie verschärft. Die Gewalt gegen Minderheiten habe wieder zugenommen.

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«Meine ersten Gedanken als ich vom Attentat in Orlando erfuhr, waren Trauer, Mitgefühl, Solidarität. Mir kamen die Tränen, das gebe ich zu», sagt FDP-Nationalrat Hans-Peter Portmann, der selbst in einer homosexuellen eingetragenen Partnerschaft lebt.


«Die Gewalt gegen Minderheiten hat in den letzten Jahren weltweit wieder zugenommen», so Portmann. Dass Extremisten versuchten, Andersdenkende zu vernichten, erinnere ihn an den Holocaust.

Was ihn bestürze, sei auch die Tatsache, dass der Täter mit seinen 29 Jahren eigentlich aus einer Generation stamme, die mit liberalen Themen aufgewachsen sein sollte. «Wie ist es möglich, dass ein derartiger Hass auf Minderheiten entstehen kann?» Er gibt die Antwort gleich selbst: Eine Mitverantwortung trügen konservative, religiöse Gemeinschaften, die heute noch predigten, eine gleichgeschlechtliche Beziehung sei wider die Natur – auch in der Schweiz.

«Religion spielt eine wichtige Rolle»

Portmann sagt, die Migration verschärfe die Homophobie hierzulande. Die Religion spiele dabei oft eine wichtige Rolle. «Diese Familien sind der festen Überzeugung, homosexuelle Menschen seien Sünder und geben diese Einstellung an ihre Kinder weiter. Das muss aufhören.»

Er sei der Meinung, dass Menschen, die in der Schweiz die Gleichberechtigung und Gleichstellung, wie sie in der Verfassung verankert sind, nicht akzeptierten, das Land verlassen sollten.

Tragödie nicht zu Sicherheitsproblem machen

SVP-Nationalrat Hans-Ueli Vogt sieht die Lösung in einer «vernünftigen» Einwanderungspolitik: «Mit der Migration kommen Angehörige anderer Religionen und Kulturen in die Schweiz, die teilweise schwulen- oder frauenfeindlich sind. Da müssen wir kritisch hinschauen.»

Man solle diese Tragödie aber nicht zu einem Sicherheitsproblem für die Gay Community machen. «Das dient den Anliegen der Community nicht.» Alle Menschen in der Schweiz hätten ein Recht auf Schutz, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung. Der Staat müsse alles daran setzen, Terroranschläge zu verhindern, auf wen diese auch immer abzielten.

Freiheit und Normalität zelebrieren

Orlando sei weder die erste noch die letzte Gewalttat gegen Schwule, sagt SP-Nationalrat Martin Naef. «Deswegen gibt es auch in der Schweiz schon lange politische Forderungen beispielsweise nach einer statistischen Erfassung von Übergriffen auf Homosexuelle oder nach einer Strafverschärfung bei Gewalttaten gegen Schwule und Lesben», so Naef. Wichtig sei, dass die gesamte Gesellschaft, nicht nur die Homosexuellen, für die Grundwerte der Freiheit einstünden – «unabhängig von einem Anschlag.»

Homophobie und Hass gegen Schwule sei nichts Neues – «nur in diesem Ausmass extrem verstörend». Grundsätzlich gehe es aber um einen Angriff auf Minderheiten jeder Art, es gehe um einen Angriff auf unsere Werte und unsere Freiheit. «Aus diesem Grund müssen wir diese Freiheit zelebrieren und uns auf keinen Fall verängstigen lassen.»

Diese Meinung teilt auch Portmann: «Angst habe ich deshalb keine. Solche Attentate lösen in mir eher eine Trotzreaktion aus», sagt er. Ein erhöhtes Sicherheitsdispositiv für Schwule halte er ebenfalls für das falsche Zeichen. «Wir müssen die Normalität zelebrieren.»

Attentat in Zürich nicht zu 100 Prozent ausgeschlossen

Die Frage nach der Sicherheit stellt sich aber besonders für die Gay-Clubs selbst: «Unserer Ansicht nach gibt es aber leider gegenüber einer terroristischen Bedrohung keine konkreten Sicherheitsmassnahmen, die wir von unserer Seite treffen könnten», sagt Dominic Spichiger von der Zürcher Heldenbar. Man werde sich mit dem Verein homosexueller Polizisten Pink Cop in Verbindung setzen, um Möglichkeiten zu besprechen. Auch beim Zürcher Heaven Club würden im Sicherheitsdispositiv unterschiedlichste Szenarien erörtert, sagt der Geschäftsführer Marco Uhlig.

Laut Peter Sahli, Präsident von Pink Cop, hat sich die Gefährdungslage mit Fokus Homosexualität nicht verändert. «Auch wenn natürlich ein Attentat auch in Zürich nicht zu 100 Prozent ausgeschlossen werden kann.» Angst sei jedoch fehl am Platz. Das Zurich Pride Festival vom letzten Wochenende habe ja gezeigt, wie friedlich ein solcher Anlass hierzulande über die Bühne gehe.