Spritze für 4 Mio. Franken

12. November 2018 05:44; Akt: 12.11.2018 13:42 Print

Wie viel darf ein Kinderleben kosten?

von D. Pomper / P. Michel - Vier Millionen für eine Spritze: Novartis lanciert die teuerste Behandlung überhaupt, um sterbenskranke Kinder zu heilen. Darf ein Medikament so viel kosten?

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In der Schweiz leiden rund Hundert Personen an der seltenen Krankheit Spinale Muskelatrophie. Die Krankheit ist in drei Schweregrade unterteilt. Für Typ 1 hat die Novartis-Firma Avexis nun eine Behandlung entwickelt und einen Zulassungsantrag eingereicht. Eine einzige Infusion soll für die Heilung ausreichen. Kostenpunkt: 4 Millionen Franken. Das wäre die bisher teuerste Behandlung. Gemäss Schätzungen von Novartis führt eine Therapie mit AVXS-101 im Schnitt für die Kinder zu 13 gewonnenen Lebensjahren mit guter Gesundheit. Andere Medikamente seien in einem 10-Jahres-Vergleich bei ähnlichem Nutzen teurer. Novartis-CEO Vasant Narasimhan verspricht dennoch: «Wir werden einen Weg finden, um diese Medizin allgemein zugänglich zu machen.» Heisst die Schweizerische Zulassungsbehörde für Arzneimittel Swissmedic die Behandlung gut, muss das Bundesamt für Gesundheit BAG – dem Bundesrat Alain Berset vorsteht – den Medikamentenpreis überprüfen. In der Schweiz gibt es für Medikamente und Therapien keine Preisobergrenze. Was darf ein Lebensjahr kosten? Diese Frage beantwortete das Bundesgericht 2011. Die Obergrenze für Behandlungskosten, die zu einem zusätzlichen Lebensjahr verhelfen, liegt bei 100'000 Franken. Bei der Novartis-Spritze lägen die jährlichen Kosten bei über 300'000 Franken, wenn man damit rechnet, dass das Leben der Patienten um 13 Jahre verlängert wird. «Investieren wir so viel Geld für eine einzige Behandlung, fehlt es woanders», sagt Cosandey. Man müsse sich einerseits die unangenehme Frage stellen: «Könnte man für dieses Geld nicht mehr Leben retten?» Finanzpolitiker Thomas Aeschi hält fest, dass die Gesundheitskosten aufgrund der wachsenden Bevölkerung und neuer teurer Medikamente stetig steigen. «Der Einsatz neuer Medikamente muss genau abgewogen und nur in speziellen Fällen zugelassen werden. Sonst drohen die Kosten zu explodieren. Und das zahlt am Schluss der Prämienzahler.» Für Michel Romanens, Arzt und Projektleiter beim Verein Ethik und Medizin, ist es willkürlich, dass ein zusätzliches Lebensjahr maximal 100'000 Franken kosten darf. «Wir können doch nicht Eltern von Kindern mit seltenen Krankheiten sagen, es gibt zwar eine Lösung, aber die ist uns als Gesellschaft zu teuer. Eine Behandlung darf wie in diesem Fall so 4 Millionen Franken kosten.» Die Betroffenen hoffen darauf, dass die Behandlung auch in der Schweiz zugelassen wird und die Kassen die Kosten vollständig übernehmen: «Für eine Familie ist jedes zusätzliche Lebensjahr mit dem Kind unendlich viel wert», sagt Nicole Gusset von der Patientenorganisation für Spinale Muskelatrophie. Die Mutter einer achtjährigen Tochter mit SMA Typ II befürchtet aber einen «Riesenkampf» zwischen Behörden und der Pharmaindustrie auf dem Rücken der Patienten, wenn der Preis tatsächlich so hoch ausfällt.

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Sie können weder sitzen noch den Kopf halten noch sich drehen. Sie können kaum atmen, schlucken, husten. Fast alle Kinder, die an Spinaler Muskelatrophie (SMA) des Typs I leiden, sterben vor ihrem zweiten Geburtstag. Es handelt sich um eine der schlimmsten Erbkrankheiten überhaupt. In der Schweiz kommen jährlich acht bis zwölf Babys damit zur Welt.

Nun aber hat der Schweizer Pharmakonzern Novartis laut «SonntagsZeitung» eine Gentherapie namens AVXS-101 vorgestellt und einen Zulassungsantrag eingereicht. Eine einzige Infusion soll zur Heilung ausreichen. Kostenpunkt: 4 Millionen Franken. Das wäre die bisher teuerste Behandlung. Gemäss Schätzungen von Novartis führt eine Therapie mit AVXS-101 im Schnitt für die Kinder zu 13 gewonnenen Lebensjahren mit guter Gesundheit. Andere Medikamente seien in einem 10-Jahres-Vergleich bei ähnlichem Nutzen teurer.

Doch wer bezahlt die 4 Millionen-Spritze? CEO-Vasant Narasimhan versprach: «Wir werden einen Weg finden, um diese Medizin allgemein zugänglich zu machen.»

«Die Kassen sollen die Kosten übernehmen»

Die Betroffenen hoffen darauf, dass die Behandlung auch in der Schweiz zugelassen wird und die Kassen die Kosten vollständig übernehmen: «Für eine Familie ist jedes zusätzliche Lebensjahr mit dem Kind unendlich viel wert», sagt Nicole Gusset von der Patientenorganisation für Spinale Muskelatrophie. Die Mutter einer achtjährigen Tochter mit SMA Typ II befürchtet aber einen «Riesenkampf» zwischen Behörden und der Pharmaindustrie auf dem Rücken der Patienten, wenn der Preis tatsächlich so hoch ausfällt: «Es bleibt zu hoffen, dass am Schluss die SMA-Betroffenen Zugang zur Therapie haben – sonst bringt sie nämlich niemandem etwas.»

Auch Michel Romanens, Arzt und Projektleiter beim Verein Ethik und Medizin findet: «Die Kosten sind für die Krankenversicherungen und die Prämienzahler tragbar» (siehe Interview). Das Bundesgericht kam 2011 zum Schluss, dass ein zusätzliches Lebensjahr maximal 100'000 Franken kosten darf. Bei der Novartis-Spritze wären es über 300'000 Franken pro Lebensjahr.

«Kosten drohen zu explodieren»

Finanzpolitiker Thomas Aeschi hält fest, dass die Gesundheitskosten aufgrund der wachsenden Bevölkerung und neuer teurer Medikamente stetig steigen. «Der Einsatz neuer Medikamenten muss genau abgewogen und nur in speziellen Fällen zugelassen werden. Sonst drohen die Kosten zu explodieren. Und das zahlt am Schluss der Prämienzahler.»

Wie viel sind wir bereit für ein Medikament zu bezahlen? Diese Fragen würden wir in Zukunft mit dem Fortschritt in der personalisierten Medizin noch mehr diskutieren, sagt Gesundheitsökonom Jérome Cosandey. Als Alternative könnte die Zahlung auch vom Behandlungserfolg abhängig gemacht werden. «Stirbt ein behandelter Patient früher als vom Hersteller vorausgesagt, muss dieser einen Teil der Kosten übernehmen.»

Es gehe aber auch um die Ressourcenverteilung: «Investieren wir so viel Geld für eine einzige Behandlung, fehlt es woanders», sagt Cosandey. Man müsse sich einerseits die unangenehme Frage stellen: «Könnte man für dieses Geld nicht mehr Leben retten?» Auf der anderen Seite gebe es den ethischen Grundsatz, dass jedes Leben gerettet werden müsse. Das sei ein Dilemma, das die Politik bisher vermieden habe.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Nellla am 12.11.2018 06:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Falsche Frage?

    Ein Leben ist in jedem Alter unbezahlbar. Vielmehr sollte die Frage sein: Wie viel darf ein Medikament kosten

    einklappen einklappen
  • Sehnsucht 6 7 am 12.11.2018 06:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kosten im Ausland.

    Im Ausland ist dieses Medikament schon zugelassen . Mich würde es brennend interessieren ob im Ausland diese Behandlung auch 4 Millionen Franken kostet oder nur in der Schweiz.

    einklappen einklappen
  • Sehnsucht 6 7 am 12.11.2018 06:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hier fehlt die Ethik.

    Wow für eine Spritze ein Gewinn vom 13 Jahren. 300000 Franken im Jahr. 4 Millionen kostet diese einzige Spritze. Was mir auffällt ist die Frage der Ethik den die fällt bei dieser Diskussion aus dem Rahmen. Ich dachte immer das ein Menschenleben zu retten oder zu heilen eine Frage der Ethik wäre eine Frage der Hilfe dem Patienten gegenüber egal was für Kosten entstehen. Sagt mir jetzt nicht das die Forschung bezahlt werden muss und deshalb diese Kosten gerechtfertigt sind . Nein die sind ganz und gar nicht gerechtfertigt den die könnte man quersubventionieren mit dem hohen Gewinn der anderen Medikamente. Nein diese Kosten sind jenseits von gut und böse. Das sind Kosten einer Firma denen die Ethik abhanden gekommen ist.

Die neusten Leser-Kommentare

  • No Vartis am 12.11.2018 21:07 Report Diesen Beitrag melden

    Moralischer Bankrott

    Novartis erpresst einen horrenden Preis für ein Medikament, das Kinder dringend für ihr Überleben benötigen werden. Damit handelt diese Firma noch verwerflicher als ein Drogendealer, der Jugendliche in die Sucht und den finanziellen Ruin treibt.

  • pistol pete am 12.11.2018 20:49 Report Diesen Beitrag melden

    was soll man denken

    tja die einen werden abgetrieben, weil sie gerade nicht in den Lebensentwurf passen, und die andern sind uns Millionen wert

  • kletterpunk am 12.11.2018 20:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bla bla

    Seit es Medikamenten auf dem Markt gibt sind sie nur für die reichen bestimmt ein leben kann man nicht mit geld vergleichen

  • Zora am 12.11.2018 20:07 Report Diesen Beitrag melden

    Schlimm

    Wer leben will kann nicht und wer sterben will darf nicht.

  • Mo' Mercy am 12.11.2018 19:56 Report Diesen Beitrag melden

    Boni an die Patienten stiften

    Sollen doch die Herren CEO mal Barmherzigkeit zeigen, stünde ihnen gut und käme noch der eigenen Firma zugute