Bundesratswahlen

07. Dezember 2018 05:48; Akt: 07.12.2018 05:48 Print

Wilde Kandidatin durfte nicht mal ins Bundeshaus

Bittere Pille für eine wilde Bundesratskandidatin: Am Wahltag wird ihr der Zutritt ins Bundeshaus verweigert. Ob sie Stimmen erhalten hat, erfährt sie nie.

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Die wilde Kandidatin Hedi L.* steht vor dem Bundeshaus – ihr wurde am Wahltag der Zutritt ins Parlamentsgebäude verwehrt. Auch er war ein wilder Kandidat: Jérôme Bigler zeigt stolz die Bestätigung seiner Kandidatur. Die Schweiz hat zwei neue Bundesrätinnen: Viola Amherd (CVP, links) und Karin Keller-Sutter (FDP) wurden am 5. Dezember je im ersten Wahlgang gewählt. Karin Keller-Sutter, Ständerätin aus dem Kanton St. Gallen und frühere Regierungsrätin, erhielt 154 Stimmen und tritt damit die Nachfolge von Johann Schneider-Ammann an. Die CVP-Frau Viola Amherd wurde eher überraschend ebenfalls bereits im ersten Wahlgang mit 148 Stimmen gewählt. Sie folgt auf Doris Leuthard. Die beiden Frauen setzten sich gegen die parteiinterne Konkurrenz von Hans Wicki (FDP) und Heidi Z'graggen (CVP) durch. Bei der FDP galt die 54-jährige Karin Keller-Sutter schon zuvor als Favoritin. Die Wilerin ist gelernte Konferenzdolmetscherin und Berufsmittelschullehrerin. Heute ist sie Berufspolitikerin. 2010 hatte die Ständeratspräsidentin Keller-Sutter gegen Schneider-Ammann noch verloren. Vor acht Jahren fuhr sie in St. Gallen eine strenge Linie gegen Hooligans und Asylbewerber. Die Berufspolitikerin hat einen 15-jährigen, gehörlosen Jack Russell Terrier namens Picasso, der ein Glasauge trägt. Keller-Sutter steht auf Punk-Musik, ihr politisches Vorbild ist Margaret Thatcher, die ehemalige Premierministerin Grossbritanniens. Die 56-jährige Walliser Nationalrätin Viola Amherd galt von Anfang an als Favoritin innerhalb der CVP, weil sie als ehemalige Stadtpräsidentin von Brig bereits Regierungserfahrung vorweisen konnte. Die als Anwältin und Notarin tätige Walliserin erhielt in den letzten Woche viel Medienpräsenz. Dabei gnig es vor allem um diverse zweifelhafte Geldgeschäfte. Amherd lebt allein, aber in der gleichen Überbauung wie ihre 14 Jahre ältere Schwester und deren Tochter. New York ist laut eigenen Angaben die Lieblingsstadt der CVP-Politikerin. Mit einem ehemaligen Schulkollegen sei sie schon sehr oft dort gewesen.

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Ihre Vorfreude auf die Bundesratswahl war enorm, ihre Enttäuschung am Mittwochmorgen umso grösser. Als wilde Kandidatin hatte sich Hedi L.* für einen Sitz im Bundesrat beworben. Sämtliche Dokumente hatte die bald 60-Jährige aus dem Kanton Bern fristgerecht eingereicht, die Bestätigung ihrer Kandidatur in der Tasche – unterzeichnet vom Generalsekretär der Bundesversammlung (die Dokumente liegen der Redaktion vor).

Frühmorgens fährt sie extra nach Bern. Optimistisch und voller Vorfreude, vor Ort mitverfolgen zu können, wie sie abschneidet. Dann die Ernüchterung: Als Hedi L.* ins Bundeshaus schreiten will, wird sie schon am Eingang gestoppt. Der Sicherheitsdienst verweigert ihr den Zutritt – trotz Pass und ID, die sie bei sich trägt, um sich auszuweisen. «Man liess mich einfach nicht rein. Das ist doch nicht zu glauben», echauffiert sie sich. Und lässt ihrem Frust freien Lauf. «Ich bin wütend, enttäuscht und finde das diskriminierend: Jeder Bürger kann für den Bundesrat kandidieren. Aber am Wahltag wird man wie eine Persona non grata behandelt.»

Eintritt nur mit «Götti» möglich

Die diplomierte HR-Fachfrau muss die Wahl via Radio verfolgen. Sie darf weder auf die Zuschauer-Tribüne noch erfährt sie, ob die Bundesparlamentarier überhaupt Kenntnis von ihrer Kandidatur haben. «Dabei wollte ich nur nachsehen, ob meine Unterlagen wie versprochen aufliegen», ergänzt sie. Und natürlich, ob sie einige Stimmen auf sich vereinen kann. Schliesslich hat sie im Vorfeld sämtliche 246 Ratsmitglieder angeschrieben und ihre Beweggründe für die wilde Kandidatur dargelegt. «Einwanderung stoppen; sozial zu Einheimischen» lauten ihre Kernparolen. Die Schweiz sei jetzt schon überbevölkert, Arbeitslose sollten in der Altenpflege ausländische Arbeitskräfte ersetzen, ist sie überzeugt.

Doch nicht ein Parlamentarier hatte auf ihr Schreiben reagiert. Auch sind die Zulassungskriterien für das Bundeshaus klar definiert. «Niemand kommt einfach so ins Gebäude», sagt Karin Burkhalter von den zuständigen Parlamentsdiensten. Auch wilde Kandidaten hätten keinen generellen Anspruch auf Zutritt, ebenso wenig könne man sich als Privatperson akkreditieren. Einzige Möglichkeit für Hedi L*. wäre gewesen, wenn ein Ratsmitglied sie als Gast ins Parlamentsgebäude eingeladen und begleitet hätte. Lediglich Kandidaten, die von einer Bundeshausfraktion offiziell nominiert worden sind, erhalten einen Zutrittsausweis. So wie CVP-Kandidatin Heidi Z'graggen, die nicht dem Parlament angehört.

Regelung wegen Juxnamen

Einen kleinen Lichtblick gibt es für Hedi L.*: Ihr Dossier lag am Wahltag auf und war für die Mitglieder der Bundesversammlung einsehbar. Das bestätigten die Parlamentsdienste. Ob die Bernerin eventuell eine handvoll Stimmen erhalten hat, wird sie aber nie erfahren. Wer bei einer Bundesratswahl weniger als zehn Stimmen macht, wird nicht namentlich erwähnt. Aus gutem Grund: Es könnte sein, dass jemand aus Jux einen Fantasienamen auf den Abstimmungszettel schreibt. Dieser müsste bei Bekanntgabe des Resultats konsequenterweise vorgelesen werden. Das würde kein gutes Licht auf eine Bundesratswahl werfen.

Diese werde aber bereits jetzt von dunklen Wolken überschattet, ist Hedi L.* überzeugt: «Mit direkter Demokratie hat das für mich nichts mehr zu tun.» Wäre sie unter der Bundeshauskuppel an der Macht, würde sie einiges ändern. Zufrieden ist sie aber mit der Wahl von Karin Keller-Sutter (FDP) – sie hätten eine ähnliche Linie. Von Viola Amherd (CVP) hält sie weniger. Die Walliserin sei ihr suspekt.

*Name geändert und der Redaktion bekannt

(rol)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Skuld am 07.12.2018 06:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gut kam sie nicht rein

    Zitat: Wäre sie unter der Bundeshauskuppel an der Macht, würde sie einiges ändern. Gut ist sie nicht an der Macht, denn Politik sollte nichts mit Macht ausüben zu tun haben :-)

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  • Gru2606 am 07.12.2018 06:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Regeln

    Es gibt Regeln, die gelten für alle. Hätte sie sich ganz informiert dann hätte sie es gewusst. Es braucht halt mehr als eine Parole um Bundesrat zu werden. Aber sie kann ja wie fast alle Politiker auf Orts- oder Regionalebene beginnen und an ihrer Karriere arbeiten. Welche Partei passt wissen wir ja jetzt auch schon.

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  • Goon am 07.12.2018 06:00 Report Diesen Beitrag melden

    Verständlich

    Und wenn 200'000 Leute kandidieren und alle ins Bundeshaus wollen?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Vorgedachter Denkanstösser am 07.12.2018 22:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Richtigstellung

    Nur weil die SVP meist primitiv auftritt, heisst das noch lange nicht, dass Heidi und Co. auch den Narren raushängen lassen darf.

  • Herr Max Bänzli Live im Dosenbach am 07.12.2018 18:48 Report Diesen Beitrag melden

    ja genau

    vielleicht wegen den hohen Stiefel, das die wilde Kandidatin nicht mal ins Bundeshaus pilgern durfte

  • Peter am 07.12.2018 18:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Heidi Zraggen vergessen?

    Eine der vier offiziellen Kandidatinnen durfte ja auch nicht während der Wahl im Nationalratssaal sein, da sie nicht der Bundesversammlung angehörte. Hat man sie reklamieren gehört.

  • ludwig am 07.12.2018 18:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ehrlich gesagt

    Hand aufs Herz; wer will ein Landesoberhaupt, den keiner kennt ? Qualifikation und Eignung nicht bekannt ist?? Also ich nicht. Dazu ist das Thema zu wichtig!!

  • H. U. Gaffner am 07.12.2018 18:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Richtig so

    Es ist auch richtig, dass das Fussvolk keine. Zutritt bekommt.