Coming-out

22. Juni 2019 05:58; Akt: 22.06.2019 05:58 Print

Tamara Funiciello outet sich als bisexuell

Die abtretende Juso-Präsidentin Tamara Funiciello wagt im «Magazin» ihr Coming-out. Sie kritisiert Männerbündnisse in der SP.

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Die abtretende Juso-Präsidentin Tamara Funiciello wagt im «Magazin» ihr Coming-out. Sie kritisiert Männerbündnisse in der SP. Sie sei bisexuell, sagt sie der Zeitschrift. Seit einiger Zeit lebe sie nach teils langjährigen Beziehungen mit Männern mit einer Frau zusammen. Funiciello will im Oktober in den Nationalrat gewählt werden. Kritik übt Funiciello an den Männern in der SP. «Die Partei ist erfolgreich, weil die Frauen dermassen gut arbeiten. Aber sichtbar sind nicht sie, sondern die lauten ‹Dudes›», sagt sie. Eine Revolution könne nur von den Frauen ausgehen. Das ganze gesellschaftliche System würde ohne die unbezahlte Arbeit der Frauen einstürzen, so Funiciello. Der frühere Juso-Präsident und heutige SP-Nationalrat sagte laut «Magazin» über Funiciello, dass die Intensität, mit der sie angegriffen worden sei, zuvor unbekannt gewesen sei. Sie sei ein Vorbild. Lob gibt es auch vom politischen Gegner: Er bewundere die Streitkultur der Juso, ihre Leidenschaft und Lebendigkeit, sagt CVP-Präsident Gerhard Pfister dem «Magazin». Während Funiciello die erste Frau im Nationalrat wäre, die zu ihrer Liebe zu Frauen steht, sieht es bei den Männern anders aus. SP-Ständerat Claude Janiak war 2006 der erste homosexuelle Nationalratspräsident. Zurzeit im Nationalrat sitzt auch der homosexuelle SP-Nationalrat Martin Naef, ... ... sein homosexueller Parteikollege, der SP-Nationalrat Angelo Barrile ... ... oder SVP-Nationalrat Hans-Ueli Vogt. Auch FDP-Nationalrat Hans-Peter Portmann ist homosexuell. Die wohl prominenteste homosexuelle Frau in der Schweizer Politik ist die Zürcher Stadtpräsidentin Corinne Mauch (SP).

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Tamara Funiciello (29) tritt auf Ende August als Juso-Präsidentin ab. Im Oktober will sie in den Nationalrat gewählt werden. Im «Magazin» gibt sie nun einen Einblick in ihr Privatleben: Sie sei bisexuell, sagt sie der Zeitschrift. Nach teilweise langjährigen Beziehungen mit Männern lebe sie nun mit einer Frau zusammen.

Dass sie damit nun an die Öffentlichkeit gehe, habe verschiedene Gründe. So habe es im eidgenössischen Parlament noch nie eine Frau gegeben, die offen zu ihrer Liebe zu Frauen stehe. Diese Position fehle im Nationalrat. Zudem sei es ihr nicht wohl beim Gedanken, dass diese wichtige Facette nicht sichtbar sei: «Die Leute sollen nicht glauben, dass ich unehrlich bin», so Funiciello. Zudem wolle sie verhindern, von Dritten geoutet zu werden. Im Privaten sei ihre sexuelle Orientierung schon lange bekannt.

Weniger Arbeitszeit

Kritik übt Funiciello an den Männern in der SP. «Die Partei ist erfolgreich, weil die Frauen dermassen gut arbeiten. Aber sichtbar sind nicht sie, sondern die lauten ‹Dudes›. Das macht mich hässig und will ich ändern», so Funiciello. Eine Revolution könne nur von den Frauen ausgehen. Das ganze gesellschaftliche System würde ohne die unbezahlte Arbeit der Frauen einstürzen, so Funiciello.

Die Verringerung der Arbeitszeit sei eine ihrer wichtigsten Forderungen. Die Löhne hielten mit der Entwicklung der Produktivität nicht mit. Mit einer Verringerung der Arbeitszeit werde die unbezahlte Care-Arbeit höher bewertet und es werde weniger «Schrott produziert, den niemand braucht». Das helfe auch im Kampf gegen den Klimawandel.

Rückkehr wegen Euro

Gegenüber dem «Magazin» gibt Funiciello auch Einblicke in ihr Familienleben. Ihr Vater war italienischer Saisonnier, der 1970 aus einem Dorf bei Neapel in die Schweiz kam. Als Funiciello drei Jahre alt war, wanderte die Familie zurück in ein Dorf nach Sardinien, wo ihr Vater als Schuhmacher gearbeitet habe.

Die Einführung des Euros habe die Existenzgrundlage zerstört, worauf die Familie in die Schweiz zurückkehrte. Ihr Vater fand Arbeit in der Maschinenfabrik Wifag, die 2011 in Konkurs ging. Seither arbeite er als Importeur italienischer Bioprodukte. Funiciellos Mutter arbeitete demnach als Detailhandelsangestellte. Funiciello selbst arbeitete im Backoffice eines Rikschaunternehmens, als Serviceangestellte, als Wahlbüromitarbeiterin der italienischen Botschaft und als Lageristin.

Als Landhockey-Goalie spielte Funiciello im Nationaleteam, mit dem sie 2007 Europameisterin wurde. «Ich wünsche mir eine Welt, in der alle Menschen leben können wie in der Schweiz», so Funiciello zum «Magazin». Sie möge die direkte Demokratie – auch wenn diese «aus revolutionärer Sicht» ein Problem darstelle, weil sie eine stabilisierende Komponente habe. «Selbst wenn man das begrüsst, heisst es natürlich, dass die Revolution kaum je in der Schweiz ausbrechen wird.»

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