Müllers Rücktritt

16. Dezember 2015 07:04; Akt: 16.12.2015 07:29 Print

Wird Wasserfallen der neue FDP-Chef?

Als Ursache für den überraschenden Rücktritt Philipp Müllers wird sein Verkehrsunfall gehandelt. Mögliche Kandidaten für seine Nachfolge halten sich noch vornehm zurück.

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Eine Kandidatur von Ignazio Cassis, der erst gerade zum Fraktionspräsidenten gewählt wurde, wäre laut Politologe Balsiger unglaubwürdig, denn: «Ein Fraktionspräsident muss primär Allianzen schmieden, ein Parteipräsident ist vor allem medial stark gefordert.» FDP-Vizepräsidentin Isabelle Moret wäre an einer Nachfolge interessiert. «Angesichts des Tessiner Fraktionschefs Ignazio Cassis kommt aber nur ein Deutschschweizer Politiker infrage», räumt sie jedoch ein. Nationalrat Christian Wasserfallen ist dem Amt nicht abgeneigt. «Ich überlege mir über Weihnachten, ob ich als Nachfolger kandidiere. Ich will keine Türen schliessen.» Der junge Ständerat Andrea Caroni winkt ab: «Ich stehe nicht zur Verfügung. Ich suche das Amt des Parteipräsidenten nicht und angesichts meiner jungen Familie käme dies sowieso nicht infrage.» Laut dem Politologen Balsiger bedeutet ein «auf keinen Fall» gar nichts. Vorzupreschen, käme am Tag der Rücktritts-Ankündigung bei vielen Parteimitgliedern nicht gut an. Die St.Gallerin Karin Keller-Sutter zieht sich aus dem Rennen: «Ich bin Ständerätin und habe immer gesagt, dass das Amt des Parteipräsidenten aus meiner Sicht nicht mit dem Mandat des Ständerats vereinbar ist.» Zudem sei sie Vizepräsidentin des Ständerats und werde 2017, sofern sie gewählt werde, turnusgemäss das Präsidium übernehmen. Ständerat Ruedi Noser hat sich «keine Sekunde überlegt», Müllers Nachfolge anzutreten. «Die Rede ist von einem Generationenwechsel. Mit meinen 54 Jahren bin ich dafür zu alt.» Ein Generationenwechsel bedeutet in der Politik laut Politologe Balsiger «nicht mehr als zehn Jahre. Das wären also die 45 bis 55-Jährigen.» Beat Walti, Präsident der FDP Zürich, sagt, er sehe keine Möglichkeit, das Amt als Präsident mit seinen politischen, familiären und beruflichen Tätigkeiten unter einen Hut zu bringen. Auch FDP-Nationalrat Hans-Ulrich Bigler sieht sich nicht als Nachfolger. «Mit meiner Funktion als Direktor des Gewerbeverbands und neu gewählter Nationalrat bin ich völlig ausgelastet.» Die Präsidentin der Kantonalpartei Schwyz, Petra Gössi, fühlt sich geehrt, «Aber im Moment wäre das Präsidium nicht die richtige Aufgabe für mich. Da müsste man wirklich Profipolitikerin sein.» Unter diesen Umständen könne sie ihrem Beruf nicht mehr nachgehen. Für FDP-Vizepräsidentin Isabelle Moret käme auch der Bündner Ständerat Martin Schmid als Parteipräsident in Frage.

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Fehler gesehen?

Mutmasslich wegen eines Sekundenschlafs fuhr FDP-Präsident Philipp Müller im September mit seinem Mercedes eine Rollerfahrerin (17) an. Ein Strafverfahren ist im Gang. Doch einen Zusammenhang zwischen seinem Rücktritt als Präsident und dem Unfall dementiert Müller. Politologe Mark Balsiger ist jedoch skeptisch. Bis die Staatsanwaltschaft den Bericht veröffentliche, könne es wohl Frühling werden. «Der Autounfall ist für weitere Monate eine Belastung für Müller und auch für die Partei. Was, wenn die Untersuchung zu Tage bringt, dass Müller Fehler gemacht hat?»

Im Hinblick auf Müllers Nachfolge ist Balsiger aber zuversichtlich. «Bei einer Partei, die zugelegt hat, sind die Mitglieder motiviert und mit Schwung unterwegs.» Die Perspektiven für den Nachfolger seien nicht schlecht. Laut Balsiger muss ein Nachfolger jahrelange nationale Politik-Erfahrung mitbringen und in der Partei sehr gut abgestützt sein. «Ein Parteipräsident muss integrieren und motivieren können.»

«Generationenwechsel» an der FDP-Spitze

Das Kandidatenkarussell hat bereits Fahrt angenommen. Müller kündigte am Dienstag vor den Medien einen Generationenwechsel an. Balsiger sagt dazu: «Müller ist 63, eine Politikergeneration jünger sind die 45 bis 55-Jährigen.» Davon gebe es viele in der FDP. Ignazio Cassis, der kürzlich zum Fraktionspräsidenten gewählt wurde, komme nicht infrage. «Eine Kandidatur von Cassis wäre unglaubwürdig. Fraktions- und Parteipräsident müssen unterschiedliche Kompetenzen mitbringen.» Da die lateinische Schweiz mit Ignazio Cassis bereits in einer der beiden Schlüsselpositionen vertreten ist, werde der Nachfolger wohl aus der Deutschschweiz kommen.

FDP-Vizepräsidentin Isabelle Moret sagt es ganz offen: «Ich bin an einer Nachfolge als Parteipräsidentin sehr interessiert.» Aber auch sie räumt ein, dass wohl nur ein Deutschschweizer Politiker infrage komme. Als möglichen Kandidaten nennt sie den Berner FDP-Vizepräsidenten Christian Wasserfallen. Dieser ist nicht abgeneigt. «Ich überlege mir über Weihnachten, ob ich als Nachfolger kandidiere. Ich will keine Türen schliessen.»

Andrea Caroni winkt ab

Zudem nennt Moret den Ausserrhoder Ständerat Andrea Caroni. Doch der winkt ab: «Ich stehe nicht zur Verfügung. Ich suche das Amt des Parteipräsidenten nicht und angesichts meiner jungen Familie käme dies sowieso nicht infrage.» Moret hat noch weitere Kandidaten im Auge: Die Schwyzer Präsidentin Petra Gössi, den Bündner Ständerat Martin Schmid und die St. Galler Ständerätin Karin Keller-Sutter. «Das sind alles Spitzenparlamentarier, die Philipp Müllers Arbeit bestens fortführen könnten.»

Aber auch Keller-Sutter will offenbar nicht: «Ich bin Ständerätin und habe immer gesagt, dass das Amt des Parteipräsidenten aus meiner Sicht nicht mit dem Mandat des Ständerats vereinbar ist.» Petra Gössi zeigt sich geeehrt, aber: «Im Moment wäre das Präsidium nicht die richtige Aufgabe für mich.»

Noser: «Ich gehe jetzt in die Ferien»

Absagen erteilen auch Ruedi Noser, Beat Walti und Hans-Ulrich Bigler. Er habe sich «keine Sekunde überlegt», Müllers Nachfolge anzutreten, sagt Noser. «Mit 54 Jahren bin ich zu alt.» Er gehe jetzt in die Ferien und rechne damit, dass die Nachfolge bei seiner Rückkehr geregelt sei.

Die Absagen sind aber mit Vorsicht zu geniessen. Laut Balsiger muss heute jedes Wort potenzieller Kandidaten auf die Waagschale gelegt werden. «Am heutigen Tag vorzupreschen käme nicht nur bei Müller, sondern auch bei vielen Parteimitgliedern nicht gut an.»

(lnr/bz)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kurt am 16.12.2015 07:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aufräumen

    Aus welchen Gründen Herr Müller auch zurück tritt das sei dahingestellt . Fakt ist, es ist an der Zeit, dass auch noch andere Politiker/innen ihren Hut nehmen! Ein Aufräumen in Bern wäre angebracht!

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  • Grand Prix am 16.12.2015 09:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Symphatiefrage

    Für mich ist Christian Wasserfallen einer der unsympathischsten Politiker der Schweiz. Zumindest kommt er in politischen Diskussionen so rüber.. Habe ihn schon oft im TV beobachtet. Kaum ist jemand anderer Meinung, so kriegt der von Herrn Wasserfallen gleich den "Hypnose-Todesblick". Ob eine Partei von so einem Präsidenten profitiert? Ich weiss es nicht...

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  • Max Oppliger am 16.12.2015 09:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Politisches Leichtgewicht

    Wasserfallen, ein Politkarrierist und Lobbyist der Nuklearindustrie. Im Beruf nicht viel erreicht aber immer präsent, wenn eine Kamera da ist. Ein Schwätzer ohne Gewicht. Wo sind die Unternehmer geblieben?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Jacky M. am 16.12.2015 16:51 Report Diesen Beitrag melden

    Herr Wasserfallen

    wäre an und für sich eine gute Wahl. Was mich ein wenig "stört", ist sein jugendliches Alter. Ich denke, ein etwas "gesetzterer" Herr (oder Dame) wäre die geschicktere Wahl.

  • Libero am 16.12.2015 16:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rücktritt / Unfall

    Mueller hat seine Demission schon im März dem Vorstand mitgeteilt, sein Verkehrsunfall war jedoch um Monate später! Weshalb wird trotzdem konsequent das Unglück als möglicher Grund für seinen Rücktritt kolportiert?

  • Didi am 16.12.2015 14:26 Report Diesen Beitrag melden

    Kurt Wasserfallen's Sohn

    Ich kann immernoch nicht glauben, dass Christian Wasserfallen in Bern nur gewählt wurde, weil sein Vater in der Politik war und kurz zuvor verstorben ist... Sind wir nun schon bei den Dynastien nach amerikanischem Vorbild angelangt...

  • Franziska Strebelhof am 16.12.2015 13:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Christa Markwalder for Präsident !

    Ich wünsche mir eine verlässliche Präsidentin welche für gute, partnerschaftliche Beziehungen zu unseren Nachbarn einsteht den Weg der Bilateralen stärkt, sich klar von der SVP abgrenzt. Für weitere Steuererleichterungen für die Firmen einsteht und uns besitzende schützt.

    • Gustav Dietrich am 16.12.2015 14:19 Report Diesen Beitrag melden

      Markwalder EU-Marionette

      Gute partnerschaftliche Beziehungen. Ich würde das was Frau Markwalder will eher als Unterwerfung bezeichnen. Und hätte die Kasachstan-Geschichte z. B. Toni Brunner betroffen, wären die anderen Parteien und die Presse wie hungrige Wölfe über ihn hergefallen bis er zurückgetreten wäre. Markwalder niemals!

    • Schweizerin am 16.12.2015 14:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Niemals

      soll CM FDP-Präsidentin werden. Es ist schon unzumutbar, dass sie Nationalratspräsidentin ist, einfach über ihren massiven Fehltritt hinweggegangen wurde. Sie ist für mich nicht glaubwürdig, noch integer (war sie nie). Es scheint sowieso, dass Frauen in der Politik bestechlicher sind. Fr. Keller-Sutter ist eine der wenigen guten Politikerinnen.

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  • Der Berner am 16.12.2015 12:34 Report Diesen Beitrag melden

    Fossile Brennstoffe statt Wasserfallen

    Ich bezweifle das Herr Christian Wasserfallen das Zeug zum neuen FDP-Präsidenten hat wenn seine Argumentation ist, nicht auf fossile Brennstoffe verzichten zu wollen und auf erneuerbare Energie zu setzen, weil wir dann vom Ausland abhängig wären. Wo kommt denn das Rohöl her aus dem Heizöl, Diesel, Benzin usw. gemacht wird?

    • Telepromter am 16.12.2015 13:16 Report Diesen Beitrag melden

      Denkarbeit outsourcen

      Die Intelligenz von Wasserfallen ist absolut ausreichend für den Job. Als Befehlsempfänger von Lobbying-Agenturen muss er nicht selber denken, sondern nur die Ansichten der Lobbying-Agenturen wortgetreu wiedergeben. Seine Freundin, welche bei Burson-Marsteller arbeitet, kann im Notfall noch als Souffleuse einspringen, sollte er den Text doch irgendwann vergessen, weil er zu nervös ist. Ich weiss gar nicht, wo das Problem ist. Passt doch alles perfekt für das Stellenprofil.

    • Toni am 17.12.2015 17:20 Report Diesen Beitrag melden

      Wers glaubt

      Telepromter, als Linker sehe ich das auch so. Gut gibt es bei uns keine Lobbying-Agenturen, welche uns sagen was zu tun ist. Wir sind frei und bringen das Land weiter!!!!

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