Economiesuisse-Vorschlag

21. August 2015 09:28; Akt: 21.08.2015 09:28 Print

Wirtschaft plant eine Verkehrs-Revolution

von J. Büchi - Ob Auto, Zug oder Uber-Taxi: Geht es nach Economiesuisse, sollen wir künftig «fairer» für unsere Mobilität bezahlen. GA und Halbtax wären tabu.

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Ob Autofahrer oder Zugpassagier: Künftig soll jeder genau jene Kosten bezahlen, die er mit seiner Mobilität verursacht. (Bild: Keystone/Alessandro Della Valle)

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Eine Revolution auf den Schweizer Strassen und Schienen: Nichts Geringeres schlägt der Wirtschaftsverband Economiesuisse in der Anhörung zum Thema Mobility Pricing vor. «Das gegenwärtige Verkehrsfinanzierungssystem muss abgelöst werden, denn es ist nicht zukunftstauglich», heisst es in der noch unveröffentlichten Stellungnahme zuhanden des Bundesrats, die 20 Minuten vorliegt.

Damit die Finanzierung der Verkehrsinfrastruktur auch künftig sichergestellt werden kann, brauche es keine Ergänzung zum bestehenden System, wie etwa eine Verteuerung des Pendelns zu Stosszeiten. Vielmehr sei etwas völlig Neues nötig. Konkret schlägt Economiesuisse vor, dass langfristig der ganze Verkehr über eine einzige Plattform abgewickelt wird– vom Carsharing über die Zug- und Busfahrt bis hin zu Taxi-Anbietern wie Uber. Der Nutzer soll auf einer App abrufen können, mit welchem Verkehrsmittel er in welcher Zeit von A nach B kommt – und welche Kosten dadurch effektiv entstehen. Diese müsste er dann auch «verursachergerecht» bezahlen.

GA als Fehlanreiz

Heute wird dieses Verursacherprinzip aus Sicht der Wirtschaft ungenügend berücksichtigt: Die «GA- und Halbtax-Kultur» etwa setze falsche Anreize und führe zu einem «Überkonsum von Mobilität auf der Schiene». Auch auf der Strasse sieht Economiesuisse Probleme – in erster Linie, weil immer mehr Fahrzeuge mit alternativen Antriebstechnologien unterwegs sind. Elektroauto-Besitzer nutzten die Strasseninfrastruktur «praktisch ohne Gebühren», weil sie kein Benzin brauchen und folglich keine Mineralölsteuer zahlen.

Economiesuisse geht davon aus, dass die Entwicklung selbstfahrender Autos und die grösser werdende Bedeutung von Elektro-Autos sowie Car-Sharing-Modellen das Problem noch verschärfen werden. Ein «verkehrsträger- und anbieterunabhängiges» Bezahlsystem sei eine zentrale Voraussetzung, «um auch neue, disruptive Mobilitätsanbieter» und deren Nutzer verursachergerecht an den Infrastrukturkosten zu beteiligen. Nötig sei also ein Mobility-Pricing, bei dem die Preisgestaltung zwischen allen Verkehrsträgern abgestimmt ist. Es gilt nur ein Grundsatz: «Wer mehr fährt, soll mehr bezahlen.» Eine Steuerung der Verkehrsmittelwahl – etwa ein Anreiz, vom Auto auf den Zug umzusteigen –, dürfe aber nicht stattfinden.

«Zu futuristisch»

Rolf Steinegger, Dozent für Verkehrssysteme an der ZHAW, überzeugt das Konzept nicht. Er räumt zwar ein, dass die neuen Entwicklungen in der Mobilität gewisse Anpassungen erfordern. «Es ist klar, dass auch die Fahrer von Elektroautos etwas zur Strassenfinanzierung beitragen müssen.» Die Politik werde deshalb über Alternativen zu den Treibstoffzöllen nachdenken müssen. Sonst halte er die heutigen Finanzierungsinstrumente aber durchaus für zukunftstauglich. Man dürfe die Möglichkeiten der Digitalisierung auch nicht überschätzen. «Es macht keinen Sinn, heute schon die ganze Politik auf ein futuristisches Szenario mit selbstfahrenden Autos auszurichten – diese Entwicklung ist noch höchst ungewiss.»

Dass die Verkehrsteilnehmer ihre Kosten «verursachergerecht» bezahlen sollen, sei einfacher gesagt als getan. Denn es sei keineswegs klar, was alles in die Kosten einfliessen muss: «Wird berücksichtigt, dass die Strasse 30 Prozent der Siedlungsfläche beansprucht und die Schiene nur zwei Prozent – dann würde das Autofahren auf einmal massiv teurer.» Anders als Economiesuisse hält Steinegger einer gewisse Lenkungswirkung für unverzichtbar. «Bei der heutigen Siedlungsdichte brauchen wir einen effizienten ÖV. Fehlen entsprechende Anreize, versinkt die Schweiz früher oder später im Chaos.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Willie Frei am 21.08.2015 09:35 Report Diesen Beitrag melden

    Some Things Never Change

    Alles was die Economie Suisse denkt, sagt und tut bleibt grundsätzlich manipulativer Mist. Wenn die Economie Suisse mit Ihren Super-Schlau-Managern den gleichen Grundsatz "Kosten verursachergerecht" bezahlen würden, würden die Mitglieder dieser Organisation seit Jahren Null Franken Einkommen haben und hoch verschuldet sein bei Ihren eigenen Firmen.

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  • Johann Strauss am 21.08.2015 09:41 Report Diesen Beitrag melden

    Schnapsidee!

    Nicht praxis-tauglich mit nicht abschätzbaren Risiken. Kein Wunder bringt EconomieSuisse auch sonst nicht viel Brauchbares zustande.

  • Schweizer Bürger am 21.08.2015 09:34 Report Diesen Beitrag melden

    Zuwanderung, Grossverdiener

    Das Problem liegt nicht am Verkehr sondern ander Zuwanderung, das wird einmal zum Kollaps führen. Economiesuisse will nur das noch die Grossverdiener den ÖV und den Individualverkehr benutzen können. Das ist ein ganz schlechter Verband.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Nenad Sobajic am 24.08.2015 14:24 Report Diesen Beitrag melden

    Falscher Text

    Text unter Photo von Freitag 21.08.2015 auf Seite 9 ist falsh. Das ist Autobahn A6 und nicht A1, Ausfahrt 15 Kiesen

  • Andi am 23.08.2015 01:27 Report Diesen Beitrag melden

    Verteilen? Ja, aber richtig!

    Man sollte vielleicht mehr über die Verteilung von Arbeitszeit nachdenken, denn der Kosten... Unsere Infrastruktur is nur deshalb hoch ausgelastet, weil alle 0815-Schweizer in der selben Zeitspanne Arbeiten... Würde dies flexibler, zum Beispiel erst um 10 Uhr arbeiten, dafür bis 7 Uhr abends... wäre das Problem schon bald halbiert... Durch den Lopper (Zentralschweiz) fahren jährlich mehr Fz als durch den Gotthard, trotzdem gibt es keine 16 Km Staus oder denkt irgend jemand über eine zweite Röhre nach...

  • Peter Schenk am 22.08.2015 18:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lachhaft

    Kostenwahrheit? Verursacherprinzip? Dann mal voran bürgerliche Schwätzer, die ihr seit Jahren auf Kosten anderer Profite einfahrt und nichts Anständiges geschweige denn Nachhaltiges hinterlässt. Eine kaputte Umwelt und ausgebrannte Menschen fallen der Öffentlichkeit anheim. Das ist alles - schweigt endlich!

  • E-Fan am 22.08.2015 12:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    E-Auto = keine Gebühren?

    Hab ich da was verpasst? Hätte ich gar keine Vignette kaufen müssen? Das ein E-Auto-Fahrer keine Mineralölsteuer zahlt ist korrekt, aber die Vignette braucht es trotzdem!

  • David B. am 22.08.2015 12:01 Report Diesen Beitrag melden

    Eine Idee von den Reichen für die Reiche

    Eine Idee von den Reichen für die Reichen den die können sich das Autofahren auch noch leisten wenn der Benzinpreis bei 10 CHF/L ist (gilt auch für ÖV da ja Verursacherprinzip herschen würde). Aber der Normalbürger ist dann bereits Arbeitslos weil er sich den Arbeitsweg nicht mehr Finanzieren kann, ganz zu schweigen von einer Wohnung in der Nähe der Wirtschaftszentren! Anmerkung: Transporte würden teuerer was sich auch auf sämtliche Konsumgüter auswirken würde = Massive Teuerung.