Albinen

20. November 2017 11:28; Akt: 20.11.2017 15:55 Print

Würden Sie für 70'000 Franken hierhin ziehen?

Albinen im Kanton Wallis kämpft gegen die Abwanderung. Mit grosszügigen Geldsummen will das Bergdorf Neuzuzüger anlocken.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Für einen Euro ein Haus in Sizilien kaufen oder 70'000 Franken geschenkt bekommen und sich im Walliser Dorf Albinen ein Eigenheim bauen. In Europa und der Schweiz überbieten sich abgelegene Dörfer zurzeit mit Lockvogelangeboten, um die Abwanderung zu stoppen.

Umfrage
Würden Sie für 70'000 Franken nach Albinen ins Wallis zügeln?

Albinen liegt an einem sonnigen Berghang auf 1300 Metern über Meer. Um die Dorfkirche gruppieren sich charakteristische Walliser Bergbauernhäuser und Chalets, von denen viele zu Ferienhäusern und -wohnungen umgebaut wurden. Eine Strasse verbindet Albinen mit dem Ferienort Leukerbad und Leuk im Rhonetal.

Beat Jost, der Gemeindepräsident von Albinen, schwärmt von «seinem» Dorf. Albinen zeichne sich durch Ruhe, eine phantastische Aussicht, gute Luft und viel Sonne aus. Ausserdem liege der Ort nur sechs Kilometer vom Thermalbadeort Leukerbad entfernt. Arbeitsplätze gebe es zwar nicht sehr viele, aber die Hauptstadt Sitten und der Industriestandort Visp seien mit dem Auto in 35 Minuten erreichbar.

Dorfschule geschlossen

Jost betont diese Vorzüge, weil Albinen wie viele andere Bergdörfer gegen die Abwanderung kämpft. In den letzten Jahren habe die Gemeinde drei Familien mit insgesamt acht Kindern verloren, erzählt Jost der Nachrichtenagentur sda. Die Dorfschule habe schliessen müssen; es bestehe dringender Handlungsbedarf.

Heute leben im 240-Seelen-Dorf noch zwei Primarschulkinder und fünf Oberstufenkinder, die mit dem Bus ins je 20 Minuten entfernte Leukerbad respektive nach Leuk zur Schule gehen. Jost möchte den Abwanderungstrend brechen und den Jungen wieder eine Perspektive geben. Bauland stehe genügend zur Verfügung.

Junge unter 45 gesucht

Eine Gruppe junger Albinerinnen und Albiner hat im August eine Initiative für eine aktive Wohnbauförderung der Gemeinde eingereicht. Ihre Forderung, «der Abwanderung etwas Zählbares entgegen zu setzen», wurde von 94 Bürgerinnen und Bürgern unterzeichnet - der Hälfte der stimmberechtigten Einwohnerinnen und Einwohner.

Am 30. November wird die Gemeindeversammlung über die Initiative abstimmen können. Der Gemeinderat hat das Anliegen der jungen Leute aufgenommen und ein Reglement für eine aktive Wohnbauförderung erlassen, die fixe finanzielle Beiträge für Einzelpersonen, Paare und Familien mit festem Wohnsitz in Albinen beinhaltet. Die Beiträge sollen allen Interessierten unter 45 Jahren zugute kommen, die ein Eigenheim bauen oder eine Wohnung kaufen oder umbauen wollen.

Einzelpersonen sollen 25'000 Franken erhalten, Paare 50'000 Franken. Für jedes Kind würde die Gemeinde zusätzlich 10'000 Franken aufwerfen. Somit bekäme eine vierköpfige Familie 70'000 Franken geschenkt, eine fünfköpfige 80'000 Franken.

Nicht für Zweitwohnungen

«Zweitwohnungen und grosse Wohnüberbauungen von Investorengruppen kommen nicht in Frage», stellt der Gemeindepräsident klar. Und: «Wer vor Ablauf von zehn Jahren nach Baubeginn oder nach dem Wohnungskauf wieder wegzieht, muss das Geld zurückzahlen.» Voraussetzung ist zudem, dass die Investitionssumme mindestens 200'000 Franken beträgt.

Die Gemeinde will einen Fonds schaffen, der während fünf Jahren jährlich mit 100'000 Franken geäufnet werden soll. Somit stünde fürs Erste eine halbe Million Franken zur Verfügung.

Rabatt im Dorfladen

Die Abwanderung sei ein schleichender Prozess, der sich seit mehreren Jahrzehnten abspiele, hielt Thomas Egger, Direktor der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB), auf Anfrage der sda fest. Die Schliessung einer Poststelle möge für sich allein genommen noch kein ausreichender Faktor sein, aber wenn auch der Dorfladen schliesse, das letzte Restaurant zugehe und der Doktor keinen Hausbesuch mehr mache, könne es dramatisch werden.

Die Berggemeinden versuchten deshalb Gegensteuer zu geben und setzten dabei je nach ihren Möglichkeiten auf ganz unterschiedliche Massnahmen. Die Gemeinde Inden VS gewährt laut Egger zum Beispiel Rabatte für den Einkauf im Dorfladen, und die Gemeinde Safien GR gibt für ihre Jugendlichen ein Generalabonnement für den öffentlichen Verkehr innerhalb der Talschaft heraus.

Internet bis zuhinterst im Tal

Bemerkenswert ist laut dem SAB-Direktor auch das Beispiel der Walliser Gemeinde Gondo. Diese wurde im Jahr 2000 von einem gewaltigen Murgang zerstört und danach wieder aufgebaut. Heute installiere eine Computerfirma ein Rechenzentrum in dieser kleinen Gemeinde, weil sie von günstigen Strompreisen und kühlen Einrichtungen in der ehemaligen Zivilschutzanlage profitiere.

Neben klassischen Infrastrukturen braucht es laut Egger heute auch moderne Dienstleistungen wie schnelles Internet oder Kindertagesstätten. Mit der fortschreitenden Digitalisierung eröffneten sich gerade für die Berggebiete völlig neue Möglichkeiten. «Das Hochhaus in Zürich kann problemlos auch von Vrin GR oder eben Albinen aus geplant werden», so Egger.

Auch Gewerbe profitiert

Der Gemeindepräsident von Albinen ist zuversichtlich, dass die Initiative angenommen wird. Das Geld wäre in seinen Augen gut investiert. Die Gemeinde würde von Steuer- und Gebühreneinnahmen profitieren, der Dorfladen durch mehr Kunden, das Gewerbe durch Bauaufträge und die Vereine durch junge Leute, die sich im Dorfleben engagieren würden. Im besten Fall könnte sogar die Schule wieder geöffnet werden.

(sda)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Zürcher am 20.11.2017 11:51 Report Diesen Beitrag melden

    Sehnsucht nach Landleben

    schön und gut. Und dann sitzt man da oben und ist auf Ewig der Zugezogene.

    einklappen einklappen
  • Peter Jost am 20.11.2017 12:02 Report Diesen Beitrag melden

    Einmal fremd, immer fremd

    Der Neid der Einheimischen auf die geschenkte Kohle hörst du zusätzlich zum "Zugezogenen", du bist dann ein "Eingekaufter" Du kommst als Fremder und bleibst ein Fremder.

    einklappen einklappen
  • Thom am 20.11.2017 11:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So schön

    Eines der schönsten original Walliser Dörfer!!! Wenn es der Job zulassen würde, sofort!!!!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Emil Bumann am 02.12.2017 17:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die eigene Jugend?

    Da zieht die eigene Jugend aus verschiedenen Gründen weg. Wieso macht man diesen nicht günstige Angebote. Ich denke der eine oder andere würde zurück gehen! .

  • Ponty am 24.11.2017 05:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    !?!??!

    ich glaub das nicht! die wollen echt geld bezahlen das mehr leute zuziehen?!?!? gleichum betteln sie von denen die dort ein ferienhäule haben für geld das sie ihr bergbahnen aufrüsten können. zehn minuten weiter in leuker bad sieht man was aus einem turistenort wird wenn er von inwestoren ausgenuckelt wird. da wird seit jahren nichts mehr investiert!

  • Nora am 21.11.2017 12:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aus der schweiz oder auch aus dem ausland??

    Gilt das nur für die aus der schweiz oder könnte man auch aus dem ausland zuziehen wenn der kt. Wallis eine bewilligung ausstellen würde???

  • Steve am 21.11.2017 10:09 Report Diesen Beitrag melden

    Unverschämt

    Nur bis 45?? Ich bin 46 und werde altersdikriminiert? Unfassbar. Hätte mich echt inkl. zwei Kinder interessiert, aber an so einem Ort will ich nicht wohnen.

    • Mike Stoney am 21.11.2017 12:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Steve

      Wegen einem Jahr?? Das wäre mir egal

    einklappen einklappen
  • Dina am 20.11.2017 23:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht wie heidi und Peter leben

    Also liebe Leute , warum kriegen wir wenn wir nach baden ziehen 70000fr ? Neee weil baden eben beliebt ist man hat viele Möglichkeiten so wie geschäftlich so auch privat und viele Schulen und und und dort hat es ja nix ausser der Kirche das ist ja im kukerikuhhh use'!!!!!! Darum möchte das Dorf die Leute mit dem Trick anziehen

    • luis canas am 21.11.2017 22:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Dina

      wobei , baden auch nicht anziehend wirkt , albinen bietet mehr zum leben

    einklappen einklappen