Evakuierung in Weggis

03. Juli 2014 15:18; Akt: 04.07.2014 11:58 Print

Würden Sie für diese Aussicht sterben wollen?

von Roland Schäfli - Von der Aussicht auf den See werden sich die Evakuierten wohl am schwersten trennen – sie sind dafür bereit, das Risiko des Bergsturzes so lange wie nur möglich zu tragen.

Der Fels kann jederzeit auf die fünf Wohnhäuser in Weggis stürzen - die Bewohner folgen dem Evakuierungsbefehl, wenn sie auch bis zuletzt hoffen, dass sie doch noch bleiben dürfen. (Video: Roland Schäfli/Ruben Assenberg)
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Jürg Kirchmeier steht nur in seinem Blumengarten – gemäss dem Gefahrenplan der Gemeinde aber in einer Todeszone. Hier muss man jederzeit damit rechnen, von einem Felsen erschlagen zu werden. Doch der Mann, der die Aussicht auf den Vierwaldstättersee seit acht Jahren geniesst, will jeden verbleibenden Tag auskosten. Bis spätestens 1. August muss er ausgezogen sein. «Ausgerechnet der Nationalfeiertag», schüttelt er den Kopf. Kirchmeier fühlt sich von der Verfügung der Gemeinde überrumpelt, die fünf betroffenen Wohnhäuser seien zu evakuieren. «Ich will jetzt nicht kopflos reagieren», sagt er mit einem wehmütigen Blick über den See, «aber langsam muss ich mir nun überlegen, was eingepackt werden muss.»

Ein ganzes Leben in Bananenschachteln

In Oskar Riesens Eigenheim hingegen stapeln sich bereits die Umzugskisten. Seine Kronleuchter verkauft er zum Spottpreis, seine Bücher hat er schon zusammengeschnürt. Der heute 86-Jährige hat das Haus 1962 für seine Familie gebaut, darin zwei Buben grossgezogen. Seit drei Jahren ist er Wittwer. Viele Erinnerungen verbinden ihn mit seinem rustikalen Heim, das nun dem Berg weichen muss. Am Kleiderkasten mit der kunstvollen Bauernmalerei hängt er, der hat seiner Frau gehört, aber die Zeit ist zu knapp, für solche Schätze neue Besitzer zu finden. Die Urne seiner Frau steht für die Züglete schon bereit. Riesen wird sein Haus gegen eine 2,5-Zimmer-Wohnung im Ort eintauschen. Sein Büsi wird er voraussichtlich nicht mitnehmen können. «Vielleicht muss ich es einschläfern lassen.»

Unterdessen sucht Gemeindeammann Baptist Lottenbach mit Hochdruck nach neuen Plätzen für die Evakuierten. Bereits zeigt man in der Region Solidarität, bietet den Betroffenen Unterkünfte an. Lottenbach musste einen unpopulären Entscheid fällen, gegen den sich im Dorf bereits politischer Widerstand regt. «Noch unpopulärer wäre er aber», gibt er zu bedenken, «wenn jemand ums Leben kommt, weil wir nichts unternommen haben.»

Obwohl er noch gar nicht weiss, welchen Ersatz man ihm zur Verfügung stellen wird, macht Jürg Kirchmeier sich nun doch noch ans Packen. Dass er wieder hoch über dem See logieren wird, glaubt er nicht. «Solche Häuser sind in Weggis ja gar nicht mehr bezahlbar.» Die Schweizer Fahne über seinem Grundstück will er auf jeden Fall bis zuletzt flattern lassen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kurtli am 03.07.2014 15:36 Report Diesen Beitrag melden

    Komisch

    und in 3 Jahren stehen da unbezahlbare nobel Villen, wetten?

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  • Dina am 03.07.2014 15:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und in 5 jahren....

    Nach abriss der häuser und dem felsen werden dann dort teure villen gebaut und für millionen an reiche verkauft! Titelseiten-story in ca 5 jahren: federer zieht mit 5x zwillingen und frau nach weggis...

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  • B. Und am 03.07.2014 15:40 Report Diesen Beitrag melden

    Wir werden sehen...

    Wem gehört denn das Grundstück? Kann die Gemeinde nun einfach darüber verfügen? Wäre das nicht Enteignung? Naja, wenn Davos Leute für einen Golfplatz enteignen kann, geht dies wohl auch... schöne neue Welt! Wäre ich 86 Jahre alt, würde ich mit allen Mitteln dafür kämpfen dort bleiben zu dürfen. Jeden Abend eine gute Flasche Rotwein auf dem Balkon trinken unds mir so richtig gut gehen lassen in meinem Haus!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • A Gschockti am 04.07.2014 00:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bitte:

    Lasst die Katze am Leben!

  • Daniel am 04.07.2014 00:46 Report Diesen Beitrag melden

    Wieso

    Wieso die Katze einschläfern?

  • Sandra am 04.07.2014 00:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Büsi einschläfern??

    Gehts noch? Echt traurig...

  • andi jona am 04.07.2014 00:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wer nicht

    ich würde bleiben

  • Rühtli S. am 03.07.2014 23:50 Report Diesen Beitrag melden

    Kantonsstrasse abbrechen.

    Also, wenn sie die Häuser abbrechen, müssten sie logischerweise auch die Kantonsstrasse abbrechen. Alles andere wäre grobfahrlässig oder sehr seltsam...