Volksinitiative

23. Februar 2018 05:46; Akt: 23.02.2018 08:22 Print

«Ohne Pestizide würden die Preise massiv steigen»

von B. Zanni - Eine Initiative, die synthetische Pflanzenschutzmittel verbieten will, ist fast am Ziel. Die Bauern warnen vor 30 Prozent höheren Preisen.

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Schon 80'000 haben die Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» unterschrieben. Sie fordern ein Verbot von Pestiziden. Auch der Import behandelter Lebensmittel soll verboten werden. Gemäss Markus Ritter, Präsident des Bauernverbands, würde die Initiative zu einer Preiserhöhung bei Lebensmitteln von 20 bis 30 Prozent führen. Die Landwirtschaft reduziere den Verbrauch bereits heute. Bauern setzen bei ihrer Arbeit immer wieder auf die Hilfe von Pflanzenschutzmitteln. Etwa 2200 Tonnen werden jährlich auf den Böden verteilt. 20 Minuten zeigt, in welchen einheimisch produzierten Lebensmitteln Pestizide zurückbleiben können. Auch für die Produktion von Äpfeln werden Pestizide eingesetzt. Gegen den Apfelschorf, der bei den Früchten bräunliche Flecken verursacht, wird Captan gespritzt. Ein potenziell krebserregendes Gift. Greenpeace entdeckte bei einer Untersuchung 2015 in vier von acht konventionellen Schweizer Äpfeln Rückstände von Pestiziden, darunter Captan. Die Schweizer Grenzwerte wurden aber eingehalten. Laut der Stiftung Vision Landwirtschaft ist der hohe Pestizid-Einsatz bei Obst darauf zurückzuführen, dass die Händler makellose Ware forderten. Die Hauptquelle für das Schweizer Trinkwasser ist das Grundwasser: 80 Prozent wird aus dem Untergrund gepumpt. An jeder fünften Trinkwasserfassung wird laut der nationalen Grundwasserbeobachtung jedoch der Toleranzwert bei Pestiziden von 0,1 Mikrogramm pro Liter überschritten. Die Stiftung Vision Landwirtschaft hält in einer Analyse fest, «dass laut einer zunehmenden Anzahl von Studien die permanente Pestizidexposition über Nahrungsmittel einen relevanten Risikofaktor für Krebs, Parkinson, oder Entwicklungsstörungen bei Kindern» darstellt. «Angesichts des sehr verbreiteten Einsatzes von Pestiziden im Weinbau» untersuchte im Juni der Verband der Schweizer Kantonschemiker 156 Schweizer und 99 ausländische Weine. Laut dem Verband verwenden Schweizer Weinbauern häufiger verschiedene Pestizide als ihre ausländischen Kollegen, weil die Reben bereits gegen das Gift resistent geworden sind. Das Fazit der Untersuchung: Nur 20 von 255 Proben waren völlig frei von Pestiziden. Sechs Weine überschritten die Grenzwerte, wobei es sich ausschliesslich um Schweizer Weine handelte. Neonikotinoide sind Nervengifte und gehören zu den effektivsten Mitteln der Schädlingsbekämpfung. Schweizer Bauern verwenden es für die Behandlung von Rüben oder Raps. Laut Bundesrat sind die Rückstände in den essbaren Pflanzenteilen «sehr gering bis nicht nachweisbar». Zu schaffen machen sie den Bienen, die als Bestäuber mit dem Gift in Kontakt kommen. Im Honig sind ist das Mittel für den Menschen in der Regel unbedenklich. Laut Studien könnten Neonikotinoide aber schuld am Bienensterben sein, da die Bienen ihre Orientierung und das Gedächtnis verlieren.

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Gross war der Aufschrei der Landwirtschaft gegen die im Januar eingereichte «Initiative für sauberes Trinkwasser». In den Augen der Bauern gilt die Forderung, ihnen beim Einsatz von Pestiziden die Direktzahlungen zu streichen, als zu radikal.

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Noch viel mehr unter Druck setzt sie jedoch eine Initiative, die noch einen Schritt weiter geht und synthetische Pflanzenschutzmittel in der Schweiz ganz verbieten will. Darunter fällt auch die Einfuhr von Lebensmitteln, falls diese synthetische Pestizide enthalten oder mithilfe solcher hergestellt wurden. Bereits 80'000 Schweizer haben die Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» der Westschweizer Gruppe Future 3.0 unterzeichnet.

«Produktion geht um 30 Prozent zurück»

Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbands, prophezeit den Konsumenten im Falle einer pestizidfreien Landwirtschaft eine düstere Zukunft. «Die produzierte Menge an Gemüse, Früchten und Fleisch würde um 30 Prozent zurückgehen», sagt er. Nur Importe könnten die Ernährungslücke stopfen. «Da die Industrie aber nur noch Bioprodukte importieren dürfte, würden die Lebensmittelpreise in der Schweiz um mindestens 20 bis 30 Prozent steigen.»

Ritter zweifelt daran, dass Konsumenten bereit sind, solche Aufpreise zu bezahlen. «Nicht jeder Schweizer will Bioprodukte kaufen. Wer Wert darauf legt, kauft heute schon die teureren Bioprodukte.» Der Konsument solle auch in Zukunft eine gewisse Wahlfreiheit haben. «Nur noch pestizidfreie Produkte auf den Markt zu bringen, wäre eine Bevormundung.»

Laut Ritter sind die Bauern aber etwa im Rahmen des Aktionsplans Pflanzenschutzmittel bemüht, den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren. Der Aktionsplan will beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln die Risiken halbieren und Alternativen zum chemischen Pflanzenschutz fördern. Derzeit werden pro Jahr etwa 2200 Tonnen Pestizide auf Schweizer Böden versprüht, eine Zahl, die seit Jahren stagniert.

Konsumenten wollten nur das Schönste

Auch Landwirt und SVP-Nationalrat Andreas Aebi hält eine Landwirtschaft ohne Pestizide für utopisch. «Selbst Bioprodukte kommen nicht ganz ohne Pestizide aus», sagt er. Heute gebe es noch keine Möglichkeit, bei Kartoffeln ohne Spritzmittel gegen Krautfäule vorzugehen.

Nicht vergessen dürfe man, dass unbehandelte Produkte zudem weniger schön aussehen. Konsumenten wollten keine Früchte mit Flecken. «Genüsslich beobachte ich auf dem Markt immer wieder, wie Leute alle Äpfel abtasten und sich dann den schönsten herauspicken.» Einzig die Genmanipulation könne den Einsatz von Pestiziden unnötig machen. «Allerdings sind die Folgen dieser Methode nicht absehbar.»

«Schweiz kommt bestens mit weniger aus»

Solche Szenarien stellen die Unterstützer der Initiative in Abrede. «Die Schweiz kommt bestens mit einem geringeren Angebot an Gemüse und Obst aus», sagt Caspar Bijleveld, Biologe und Mitglied des Unterstützungskomitees «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide». Schliesslich landeten durch die Selektion 20 bis 30 Prozent der Lebensmittel, bevor sie in den Verkauf gingen, im Abfall. «Zudem werden viele Produkte, die in den Läden liegen bleiben, weggeschmissen.»

Damit eine pestizidfreie Landwirtschaft möglich sei, müssten aber auch die Konsumenten ihre Gewohnheiten ändern. «Dazu gehört das Bewusstsein, dass Lebensmittel wertvolle Güter der Natur sind.»

«Gift gegen Probleme ist einfacher»

Naturschutzorganisationen stimmen zu. «Der Bauer müsste sich umstellen. Mit gutem Willen ist eine pestizidfreie Landwirtschaft gut möglich», sagt Marcel Liner, Projektleiter Landwirtschaftspolitik bei Pro Natura. Dies bedeute, dass sich die Landwirte mehr mit der Natur und der Nützlingsförderung befassen müssten.

Blühstreifen mit Blumen, die explizit Nützlinge fördern, hätten etwa grosse Erfolge erzielt. «Viele Bauern sträuben sich dagegen, weil es einfacher ist, Probleme mit Gift zu bekämpfen.» Laut Liner hindern aber auch «alte Denkgewohnheiten und die veraltete landwirtschaftliche Ausbildung» an einem Umdenken.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Stefan am 23.02.2018 06:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    auch Wahlfreiheit für Wasser

    Genau diesen Satz finde ich toll: "...Der Konsument solle auch in Zukunft eine gewisse Wahlfreiheit haben..." Ich will pestizidfreies Hahnenwasser konsumieren!

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  • Anahí am 23.02.2018 06:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Endlich!

    Diese chronische Vergiftung der Gesellschaft muss endlich ein Ende haben. Es ist ja nicht nur der Konsument der vergiftet, sondern der Bauer und das Land ebenfalls. Es ist ein Rattenschwanz ohne den wir mit einem aprupten Stop nicht mehr rauskommen. Ob teurer oder nicht. Medikamente für Demenz/ Parkinson und weiteres sind im übrigen teurer... Was würdest du wählen: teueres Obst, oder die Krankheit? Ps: selber anpflanzen gäbe es auch noch... aber da müsste der Konsument plötzlich selber was tun.. das könmte schwierig werden. Der Konsument muss jetzt anfangen umzudenken.

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  • Boris am 23.02.2018 06:18 Report Diesen Beitrag melden

    Sehr verblödete Aussagen

    Es Ist also utopisch ohne Pestizide. Das hat doch aber über Jahrtausende bestens funktioniert früher.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • FASANO am 23.02.2018 15:29 Report Diesen Beitrag melden

    Konsequent sein ist nicht immer leicht.

    Wäre Herr Dähler nicht in die Bio-Landwirtschaft hineingeboren, dann würde er oftmals der Verzweiflung nahe sein, denke ich. Ich verarbeite in meinem Take away nur Bio-Produkte. Das bedeutet für mich bei Gemüse und Früchten sehr oft sehr viel Mehrarbeit gegenüber herkömmlichen Produkten, insbesondere bei Befall mit Läusen, Drahtwürmern usw.. Da ist die Verlockung manchmal gross, Standardprodukte zu verarbeiten. Oft schätzen die Kunden nicht genug, dass wir Bioprodukte verarbeiten und oft wollen sie den adäquaten Mehrpreis dafür nicht bezahlen. Trotzdem bin ich zufrieden.

  • Sabrina M. am 23.02.2018 13:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ohne Pestizide würden die Preise massiv steigen

    weniger schöne Lebensmittel sind besser , als das viele unötige Gift !

  • Back to the roots am 23.02.2018 13:07 Report Diesen Beitrag melden

    Und Früher?

    Die Quahl der Wahl. - lieber vergiftete aber perfekt aussehende Früxhte und Gemüse? - oder Giftfreies Gemüse und Obst, aber weniger schön aussehend? Ich bin der Überzeugung, dass Gifte einfach NICHT in die Natur gehört, schon gar nicht in den Mesch.

  • Monika am 23.02.2018 13:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gesundheit ist das Wichtigste

    das wünschen die Kinder im Kindergarten schon einander. erst jemand der nicht mehr gesund ist, weiss was es heisst. Wacht auf 80 % unserer Krankheiten kommt was wir uns zuführen. Ich glsube die Ärzte lernen jetzt such die Ernährung im Studium, war früher nicht so. Warum sehen das die Wenigsten ein???

  • Stefan am 23.02.2018 13:05 Report Diesen Beitrag melden

    Na dann

    Es ist ja jedem landwirt selbst überlassen ob er unter diesen rahmenbedingungen weiterproduzieren will, kann. Dann importieren wir halt lebensmittel aus dem ausland welche sicher unter besseren bedingungen produziert wurden, und stecken eine ganze branche inkl vor und nachgelagertem gewerbe in die sozialhilfe.