Manege frei

24. Juni 2014 11:52; Akt: 24.06.2014 11:52 Print

Zivildienstler können jetzt im Zirkus auftreten

von D. Pomper - Kunststücke einstudieren statt alte Menschen pflegen: Zirkusse suchen Zivildienstleistende. Das sei eine Pervertierung des Zivildienstgedankens, kritisiert ein Sicherheitspolitiker.

Der Circolino Pipistrello sucht zirkusbegeisterte Zivildienstler: «Die artistische Arbeit dient dem Zweck, Erfahrungen zu sammeln und das Wissen den Kindern weiterzugeben», sagt Mitarbeiterin Pascale Cardoit.
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Mit dem Wohnwagen durch die Schweiz tingeln, Akrobatikübungen mit Kindern einstudieren und selber in der Manege stehen: Zivildienstleistende, die schon immer einmal Zirkusluft schnuppern wollten, können sich jetzt beim Zirkus bewerben – etwa beim Circolino Pipistrello.

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Soll man seinen Zivildienst auch im Zirkus absolvieren dürfen?
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Insgesamt 968 Teilnehmer

Der Mitspielzirkus, der wöchentlich vor Schulhäusern oder Heimen seine Zelte aufschlägt, sucht für die Saison 2015 neue Teammitglieder: einen Handwerker, einen Koch, einen Animator und einen Mitarbeiter. Als Mitarbeiter muss der Zivildienstler eine Zirkusnummer einstudieren und einmal wöchentlich auftreten: Sei es als Clown, als Musiker oder als Akrobat am Trapez oder am chinesischen Masten. «Die Lust am Auftreten und eine gute körperliche Konstitution sind wichtig», sagt Mitarbeiterin Pascale Cardoit. Die artistische Arbeit diene dem Zweck Erfahrungen zu sammeln und das Wissen den Kindern weiterzugeben.

62 Franken Pro Tag

Der Zivi betreut als Animator auch Kinder, Jugendliche, Menschen mit einer Behinderung oder Senioren und studiert mit ihnen Zirkusnummern ein. 62 Franken pro Tag erhält man für diese Arbeit während den ersten 145 Ziviltagen. Danach 80 Prozent des Lohns. Ein bis zwei Personen der 17-köpfigen Crew sind Zivildienstleistende.

Neben dem Circolino Pipistrello suchen auch der Kinderzirkus Robinson, der Theater-Zirkus Wunderplunder und der Zirkus Lollypop Zivildienstleistende. Letzterer bietet Zirkuswochen in Schulen an. Die Zivis treten an den Vorstellungen selber auf.

Dass junge Leute während ihres Zivildienstes bei diesen Zirkussen arbeiten, ist laut dem Sprecher der Vollzugsstelle für den Zivildienst Zivi, Olivier Rüegsegger, kein Problem: «Private gemeinnützige Organisationen, die Kinder und Behinderte betreuen, dürfen Zivildienstleistende anstellen.»

«Dem Land dienen statt den Clown machen»

Damit ist SVP-Nationalrat Hans Fehr aber nicht einverstanden: «Das ist eine Pervertierung des Zivildienstgedankens.» Wenn Zivildienstleistende jetzt im Zirkus auftreten würden und den Clown machten, dann nehme das dem Ganzen die Ernsthaftigkeit. «Auch beim Zivildienst sollten sich die jungen Männer körperlich anstrengen und dem Land dienen», findet Fehr, der eine «Verweichlichung des Mannes» feststellt.

Ausserdem seien diese Zivis ein schlechtes Vorbild für die Kinder: «Die haben dann das Gefühl, dass man statt ins Militär in den Zirkus geht.» Das Argument, dass die Zivis mit der Arbeit mit Kindern und Behinderten einen sozialen Dienst leisteten, lässt Fehr nicht gelten: «Man muss aufpassen, dass man unter dem Stichwort sozial nicht plötzlich alles durchgehen lässt.»

«Das ist eine soziale Arbeit»

Pascale Cardoit vom Circolino Pipistrello kontert: «Es ist nicht so, dass unser Zivi hier einfach den Clown spielt. In erster Linie ist er als Coach tätig, der einen sozialen Dienst absolviert und durch die Arbeit mit Kindern und Behinderten pädagogisch tätig ist.» Der Zirkus sei auch kein normaler Zirkus, der nur Vorstellungen macht, sondern ein Mitmachzirkus: «Wir begleiten diese Menschen, die während einer Woche ihren Traum vom Zirkus leben dürfen und bereiten ihnen damit eine grosse Freude», sagt Cardoit.

Auch Karola Rühs vom Zirkus Lollypop findet die Kritik nicht angebracht: «Die Zivis gehen bei uns einer sozialen Arbeit nach.» Die Kinder lernten im Zirkus den Umgang miteinander. Rühs: «Ob man seinen Zivildienst im Altersheim oder im Zirkus macht, spielt eigentlich keine Rolle.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Antichrist am 24.06.2014 12:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gleiche Rechte und Pflichten für alle!

    Ich warte immer noch auf den Tag, an dem Frauen auch Dienst/Wehrpflichtersatz leisten müssen. Die Zivis dürften von mir aus auch in einem Striplokal ihren Dienst leisten, wenn ihnen das Spass macht. Immer noch sinnvoller als im Militär Steuergelder zu verballern und der Wirtschaft die jungen Leute wegnehmen.

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  • Sdt. Patrick Seiler am 24.06.2014 13:10 Report Diesen Beitrag melden

    Lieber Herr Fehr

    Tagtäglich mit Kindern, Jugendlichen, Behinderten oder Betagten zu arbeiten ist weitaus anstrengender (körperlich und psychisch) als drei Wochen in einem WK herumzuhocken. Auch einen Clown spielen ist eine anstrengende Arbeit. Das sollten Sie mit Ihrer Erfahrung im Parlament ja selber am besten wissen. Diese jungen Menschen leisten für unsere Gesellschaft jedenfalls weitaus mehr, als es ein Soldat je tun wird.

  • Patrick R. am 24.06.2014 16:26 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Zuckerschlecken!

    Ich gehe sehr stark davon aus, dass Herr Fehr und weitere 95% der 20 Minuten Leser es keinen Tag da aushalten würden. "Hauptaufgabe ist die Betreuung/Begleitung von Jugendlichen in schwierigen Lebenssituationen". Alleine mit dieser winzigen Teilaufgabe seit Ihr alle bereits überfordert, aber statt den positiven Sinn zu hinterfragen, wie das Zusammenarbeiten mit behinderten sowie schwererziebaren Kindern wird einfach alles schlecht geheissen und als "Clown Artist" dargestellt. Ich finde das eine Frechheit! lest euch zuerst die Pflichtenhefter durch, bevor ihr von Clown spielen redet!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Patrick R. am 24.06.2014 16:26 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Zuckerschlecken!

    Ich gehe sehr stark davon aus, dass Herr Fehr und weitere 95% der 20 Minuten Leser es keinen Tag da aushalten würden. "Hauptaufgabe ist die Betreuung/Begleitung von Jugendlichen in schwierigen Lebenssituationen". Alleine mit dieser winzigen Teilaufgabe seit Ihr alle bereits überfordert, aber statt den positiven Sinn zu hinterfragen, wie das Zusammenarbeiten mit behinderten sowie schwererziebaren Kindern wird einfach alles schlecht geheissen und als "Clown Artist" dargestellt. Ich finde das eine Frechheit! lest euch zuerst die Pflichtenhefter durch, bevor ihr von Clown spielen redet!

  • Wachtmeister a.D. am 24.06.2014 16:20 Report Diesen Beitrag melden

    Wahl zwischen Zirkus und Zirkus

    Ob man sich nun für den grünen Zirkus oder den richtigen Zirkus entscheidet ist doch einerlei. Solange man bei letzterem Kindern und Behinderten Freude bereitet, ist beides ein Dienst an der Schweiz.

  • Iela A. am 24.06.2014 16:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Manege frei

    Eigendlich sind ja die Jungs von der Arme als Clowns unterwegs , gemein das nun die Zivis ihnen den auftrag klauen ! Aber Zirkus ist halt beides

  • Gilbert Grunder am 24.06.2014 16:12 Report Diesen Beitrag melden

    private Kassen entlasten

    und was gemeinnützig ist, bestimmen die Zivildienst-Chefs selber bzw. in froher Eintracht mit den privaten Veranstaltern. Gleich wie wenn Soldaten für die Infrastruktur an Sportanlässen etc. eingesetzt werden. Den privaten Unternehmern/Arbeitnehmern entgehen diese Aufträge/Stellen, sie dürfen aber ihre Bundeskonkurrenz via Steuern mitfinanzieren. Pervers.

  • ein Clown am 24.06.2014 15:44 Report Diesen Beitrag melden

    An alle Skeptiker

    Für alle Kritiker: Es ist bewiesen, dass z.B. gerade lachen verbindet und die Gesundheit fördert. Nicht vergeben gibt es z.B. auch die Theodora Stiftung, bei welcher ausgebildete! Clowns in Spitäler gehen, um Patienten von ihren alltäglichen Sorgen ein paar Minuten ab zu lenken. Versuchen Sie mal seriös 5-10 Minuten das Publikum aufmerksam zu halten und auch zum lachen zu bringen. Clown zu sein bedeutet wesentlich mehr, als nur blöd drein zu schauen und die Ausbildung zum Clown ist oft sehr persönlichkeitsbildend. So ein Zirkusaufenhalt als "Seitenwechsel" würde wohl noch manchem sehr gut tun