12 Stunden Pause

09. August 2019 04:43; Akt: 05.09.2019 11:57 Print

Zivilschützer protokolliert stundenlanges Rumhocken

von Pascal Michel - Vier Stunden Arbeit, vier Stunden frei oder Pause: Zivilschützer kritisieren die «ständige Warterei». Politiker orten ein «Führungsproblem».

Ein Ausriss aus dem Zivilschutz-Logbuch von Flurin Conradin.
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Zivilschützer Flurin Conradin ist frustriert. Der Zürcher hatte sich 2011 freiwillig für den Dienst als Pionier gemeldet, weil er sich in Katastrophen und Notlagen engagieren wollte. Doch oft hat er nun in den Wiederholungskursen, zu denen er an mindestens zwei Tagen pro Jahr aufgeboten wird, «Pause» oder «gar nichts zu tun».

Die Auswüchse, die Conradin in einem «Protokoll der Warterei» zusammengefasst hat: Badi-Besuche im Dienst; fünf Rauchpausen von je bis zu einer halben Stunde pro Tag; ein Zivilschützer bedient die Motorsäge, während die restlichen sechs zuschauen. Er hat ausgerechnet: Über drei Diensttage hinweg hatte er 12 Stunden und 8 Minuten Pause (siehe Video).

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Vogelkunde büffeln statt Dienst leisten

Conradin will die «lamentablen» Zustände nicht weiter hinnehmen und hat deshalb pünktlich zur Totalrevision des Zivilschutzgesetzes eine Petition an das Parlament eingereicht. Unterzeichnet haben Dutzende Zivilschutzkollegen, die ebenfalls unzufrieden sind. «Ein Kollege nutzte die Dienstzeit dazu, für sein Ornithologie-Examen zu lernen», berichtet Conradin.

Auch auf Twitter dokumentierte Conradin seinen Zivilschutzalltag.

Die Zivilschützer fordern, dass die heutige Mindestzahl an Wiederholungstagen pro Jahr gestrichen wird. Zudem sollen WKs abgebrochen werden, sobald es nichts mehr zu tun gibt. «Es kann nicht sein, dass wir auf Kosten der Allgemeinheit herumstehen», sagt Conradin. Die Einsätze entschädigt die Erwerbsersatzordnung (EO).

WKs nur abhalten, wenn es Arbeit gibt

Conradins Vorschlag: Falls überhaupt nötig, sollen Zivilschützer an einem WK-Tag pro Jahr die Zeit nutzen und die Übungen mehrfach wiederholen, und bei Arbeitsmangel sollen sie zurück an den Arbeitsplatz. «Das würde die Wirtschaft entlasten und die Zivis nicht mit unnötiger Warterei bestrafen.» Kommt hinzu: Der Zivilschutz hat ein Rekrutierungsproblem. Statt der nötigen 6000 Personen konnten letztes Jahr nur 3700 ausgehoben werden. Für Conradin zeigt dies, dass «der Dienst effizienter und attraktiver werden muss».

Im Parlament wird gerade jedoch das Gegenteil von Kürzungen der WK-Tage diskutiert: Neu sollen pro Jahr Zivilschützer mindestens drei Tage einrücken, damit sie «Instandstellungsarbeiten vornehmen», der «Wissensverlust vermieden» und die Kader die nötige «Führungspraxis» erlangen können. Das Gesetz kommt demnächst in den Ständerat

Zivilschutzkommandant ist erstaunt

In der nächsten Sitzung der vorberatenden Sicherheitspolitischen Kommission dazu will Ständerat Thomas Minder die Anliegen der Petitionäre ansprechen. «Wenn sie aufgeboten werden, sollen sie auch etwas Sinnvolles tun.» Zwar gebe es immer tote Zeiten, auch in der Armee. «Wenn aber nur rumgestanden wird, ist das ein Führungsproblem.» Ihn beschäftige derzeit vor allem der sinkende Bestand an Zivilschützern. Im Rat wird deshalb auch über eine Zusammenlegung von Zivildienst und Zivilschutz debattiert werden.

«Ich bin erstaunt, dass es Kommandanten gibt, die so ein Programm machen», sagt Franco Giori, selbst Zivilschutz-Kommandant und Vizepräsident des Zivilschutzverbandes. Er erwarte von Kadern, dass sie bei Einsätzen, die nicht so lange dauern wie erwartet, ihre Leute früher entlassen. «Ich habe noch nie jemanden in die Badi geschickt, dafür aber schon mal am Mittag den Einsatz beendet, damit die Zivilschützer zurück zum Arbeitgeber konnten.»

WK-Tage zu kürzen, sei keine Option

Es dürfe nie das Ziel sein, einfach Zeit abzusitzen, auch wenn der Auftrag beendet sei. Aber grundsätzlich die Zahl der WK-Tage zu kürzen, sei gefährlich, ergänzt Nationalrat Walter Müller (FDP): «Dann sind wir im Notfall nicht gerüstet – und laufen Gefahr, nicht die notwendige Hilfestellung den Partnerorganisationen und Bürgerinnen und Bürgern bieten zu können.»

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz, das für die Ausbildung der Instruktoren und Kommandanten zuständig ist, wehrt sich. «Die Zivilschutzorganisationen bemühen sich, sinnvolle und zweckmässige Wiederholungskurse durchzuführen sowie die Ausbildungs- und Führungsstandards zu optimieren», sagt Sprecher Kurt Münger. Gewisse Warte- und Leerzeiten lägen jedoch in der Natur der Sache und liessen sich nicht verhindern. Dem Bundesamt sei keine Häufung von Beschwerden über «Beschäftigungsprobleme» in WKs bekannt.

Bund verteidigt sich

In der Erhöhung der obligatorischen WKs durch die laufende Totalrevision des Zivilschutzgesetzes sieht der Bund kein Problem für noch mehr Leerzeiten, im Gegenteil: «Die neuen Einsätze zugunsten der Gemeinschaft – etwa Unterstützung von Grossveranstaltungen – bieten zusätzliche Möglichkeiten, WKs sinnvoll zu gestalten und entsprechende Aufgaben zu erteilen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Armeeler am 09.08.2019 06:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bei der Armee ist das ganz anders ;-)

    Zum Glück habe ich bei der Armee immer etwas zu tun und hocke nie unnötig rum ;-)

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  • Querdenker am 09.08.2019 06:27 Report Diesen Beitrag melden

    Wer durchs Leben hetzt, altert schneller

    Wem Pausen oder Entschleunigungstage zu langweilig sind, der hat wohl schon einen sehr stressfreien Berufsalltag.

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  • roll2go am 09.08.2019 06:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eigeninitiative

    Mag sein, dass hier ein gewaltiges Führungsproblem vorliegt. Ich frage mich aber ob diejenigen, die z.B. keine Motorsäge bedienen, nichts tun, weil sie die Arbeit nicht sehen (wollen)?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Michi am 09.08.2019 19:33 Report Diesen Beitrag melden

    Führung als Referenz

    Tia die Zivi Führung ist froh um jeden der nicht wegrennt wenn es um Laufbahn in diesem Verein geht. Wenn das schwächste Glied bereits in der Führung liegt, wundert der rest auch nicht....

  • Theodorius am 09.08.2019 19:29 Report Diesen Beitrag melden

    War schon immer so

    Einmal mussten wir beim Turnfest Frauenfeld hungern, wir durften unsere Posten nicht verlassen und der Furier vergeigte 3 Tagesmahlzeiten für alle Zivis im Dienst der Wachposten, weil er einer Taschenlampen Batterie nachrennte statt seinen job zu tun...meine Frau brachte uns allen selbstgekochte Fresspäckli und getränke. Ich sage euch...alles echte Helden bei der Zivi Führung...

  • Valnes am 09.08.2019 18:41 Report Diesen Beitrag melden

    Gemütlich

    Ich weiss nicht, worüber der Typ sich aufregt. Mir hat die WK-Woche (5 Tage pro Jahr) immer gefallen. Ich kam mal aus dem Büro, die Arbeit mit den historischen Geräten war cool, es gab immer etwas zu tun, ohne dass man sich ein Bein ausreissen musste. Mit der richtigen Einstellung kann man im Zivilschutz eine gute Zeit verbringen.

  • Zivilschutz pionier am 09.08.2019 18:23 Report Diesen Beitrag melden

    Zivilschutz ist keine Zeitverschwendung

    Ok mag sein das man ab und zu etwas herum steht, aber Mann kann die Zeit auch nutzen um sich mit Anderen auzutauschen. Auf gut Deutsch: Erfahrungen, Tipps und Tricks weiter geben. Bei meinen Katastrophen-Einsätzen war ich auch schon froh um dieses Wissen. Ohne das wäre es vielleicht auch lebensbedrohlich für mich und meine Kameraden geworden. Ein kleines Beispiel: 1. bauernhaus überschwemmt 2. Tiere kein futter 3. Keine Maschinen 4. Bauer kein geld oder versicherung zickt rum. = keine landwirtschaft und somit keine Lebensmittel. Also muss jemand dem Bauern helfen früh wieder zu produzieren!

  • Kathrin am 09.08.2019 16:50 Report Diesen Beitrag melden

    Unwissende Führung

    Da sieht man das die Führungspersonen keine Ahnung haben, was überhaupt läuft.. schon vor 10 Jahren war dass nicht ander...