Grenzwache

20. Juli 2014 06:06; Akt: 20.07.2014 07:42 Print

Zug fuhr bald ab – darum half man Syrerin nicht

Die Schweizer Grenzwache will erst 45 Minuten vor Zugsabfahrt von medizinischen Problemen der hochschwangeren Syrerin erfahren haben. Das Verfahren gegen die Schweiz wurde eingestellt.

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Im Fall der hochschwangeren Syrerin, die ihr Baby verlor, gab es laut italienischen Angaben seitens der Schweiz keinen Hinweis auf den Ernst der Lage. Ansonsten hätte die italienische Polizei die Rückführung von Suha Jneid, 22, vermutlich abgelehnt, schreibt die «SonntagsZeitung». Jneid und ihr Mann Omar hatten vergangene Woche schwere Vorwürfe gegen die Schweizer Grenzwächter erhoben. Sie hätten es unterlassen, der schwangeren Flüchtlingsfrau Hilfe zu leisten.

Ganz anders die Version der Grenzwächter: Die Beamten hätten zwar gewusst, dass es der jungen Syrerin bereits im Wallis schlecht ging. Die Grenzwächter widersprechen Omar Jneids Aussagen, dass er in Vallorbe VD oder noch während der Fahrt in einem Kleinbus nach Brig VS Alarm geschlagen habe. Der Vater habe sich erst eine Dreiviertelstunde vor dem Einsteigen in den Zug nach Domodossola bemerkbar gemacht. Weil der Zug bald abfuhr, hielten die Beamten an der Rückschaffung fest. Sie verzichteten darauf, medizinische Hilfe zu holen, dafür informierten sie die italienischen Behörden über die Ankunft der Frau.

Anwalt kämpft gegen Einstellung des Verfahrerns

Laut Angaben ihrer beiden italienischen Anwälte habe die Flüchtlingsfamilie mittlerweile entschieden, nicht nach Deutschland zu ihren Verwandten weiterzureisen, sondern in Italien ein Asylgesuch zu stellen. Suha und Omar Jneid sollen in den nächsten Tagen zusammen mit den drei Kindern eine eigene Wohnung beziehen können. Laut Anwalt Daniele Fortis erhalte die Familie «sicher Asyl». Sie würden nun einen Antrag auf vorzeitige Gewährung stellen.

Die zuständige Staatsanwaltschaft in Verbania hat das in Italien laufende Verfahren gegen die Schweiz am Donnerstag eingestellt. Anwalt Fortis kündigt an, kommende Woche gegen den Entscheid Einspruch zu erheben. «Die Familie wurde ihrer Freiheit beraubt und laut Autopsiebericht hätte das Baby überlebt, wenn die Mutter rechtzeitig Hilfe erhalten hätte», sagt er.

(ann)