Urteil gegen Thomas N.

17. März 2018 10:34; Akt: 17.03.2018 10:34 Print

Hebt nächste Instanz die Verwahrung wieder auf?

Laut Strafrechtlern ist die Verwahrung von Thomas N. noch nicht im Trockenen. Es wird erwartet, dass er das Urteil anficht.

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Als das Urteil im Fall des Vierfachmordes verkündet wurde, weinte Thomas N. Wie seine Verteidigerin Renate Senn nach der Urteilsverkündung sagte, sei für ihn insbesondere die ordentliche Verwahrung schwer zu verstehen. «Wir werden nun das schriftliche Urteil abwarten und gemeinsam analysieren, ob wir das Urteil weiterziehen wollen und müssen – insbesondere wegen der Verwahrung.»

Der bekannte Strafverteidiger Thomas Fingerhuth geht davon aus, dass der Fall durch alle Instanzen gezogen wird. «Für Thomas N. geht es um alles oder nichts.» Als Verteidiger würde er ihm raten, den Fall anzufechten: Er habe es schon einige Male erlebt, dass ein Gericht ein hartes Urteil fälle und dann schaue, wie die nächsthöheren Gerichte entscheiden würden.

Das «harte Urteil» führt Fingerhuth auch auf den taktisch geschickten Auftritt der Staatsanwältin zurück: «Sie hat Anträge, insbesondere die Verwahrung, durchgebracht, die normalerweise aussichtlos sind.» Er bezweifle aber, dass die Verwahrung einem höherinstanzlichen Urteil standhalte, zumal es sich bei Thomas N. um einen Ersttäter handelt.

«Widersprüche im Urteil»

Auch laut dem emeritierten Basler Strafrechtsprofessor Peter Albrecht ist im Fall Rupperswil das letzte Wort wohl noch nicht gesprochen: «Es handelt sich um einen jungen Ersttäter, der noch nie eine Therapie gemacht hat. Soweit ich ohne Akteneinsicht sehe, attestieren beide Gutachten keine Untherapierbarkeit – dies wäre aber auch für eine Verwahrung die Voraussetzung.» Entsprechend brauche es sehr gute Gründe, um von den psychiatrischen Gutachten abzuweichen. Widersprüchlich sei auch, dass die Richter neben der Verwahrung eine ambulante Therapie angeordnet hätten, die gerade eine Behandelbarkeit voraussetze.

Es sei möglich, dass der öffentliche Druck und die Zusammensetzung des Richtergremiums – drei von fünf Richtern sind SVP-Mitglieder – zum «ungewöhnlichen» Urteil geführt hätten. Sollte der Fall weitergezogen werden, werde die Verwahrung erneut zur Diskussion stehen. Doch selbst wenn die Verwahrung von einer höheren Instanz aufgehoben würde, wäre es laut Albrecht unwahrscheinlich, dass N. wieder auf freien Fuss kommt. «Eine lebenslange Haftstrafe dauert grundsätzlich ein Leben lang.» Frühestens nach 15 Jahren werde eine Entlassung geprüft. Auf freien Fuss komme N. aber nur, wenn von ihm keine Gefahr mehr ausgehe.

«Den Gutachtern fehlte es am Mut»

Für Doris Vetsch wäre es ein Horrorszenario, würde auch die ordentliche Verwahrung kassiert. Sie hatte zusammen mit ihrer Schwester Anita Chaaban die Verwahrungsinitiative lanciert, die 2004 vom Stimmvolk angenommen wurde, und hatte auf eine lebenslange Verwahrung gehofft: «Thomas N. hat es verwirkt, je wieder auf freien Fuss zu kommen.» Insbesondere die Gutachten sind für Vetsch ein Schlag ins Gesicht: «Man hatte keinen Mut zu sagen, dass so ein Täter für immer verwahrt werden muss.» Die Initiantin fragt sich, wer die Verantwortung übernimmt, «wenn solche Täter nach der Entlassung wieder morden».

Ist die heutige Verwahrungspraxis ein Fehlkonstrukt? «Genau für solch krasse Fälle hätte ich mir eine lebenslängliche Verwahrung gewünscht», so die Initiantin. Vetsch und Chaaban hätten sich aber in der Arbeitsgruppe zur Umsetzung mit ihren Argumenten nicht gegen die Mehrheit der Fachleute durchsetzen können.

So reagierten Beteiligte nach dem Prozess auf das Urteil gegen Thomas N.:

(daw/bus/dk)