Özils Rassismus-Vorwurf

25. Juli 2018 09:46; Akt: 25.07.2018 10:30 Print

«Migranten müssen weltweit mehr leisten»

von V. Fehlmann - Die Rassismus-Debatte um Mesut Özil stürzt Deutschland in eine Identitätskrise. In der Schweiz würde das nicht passieren, sagt der Integrationsexperte Thomas Kessler.

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Am Tag vor der Nominierung des vorläufigen WM-Kaders tauchen Fotos auf, die die deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan in London mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zeigen. Gündogan schreibt auf sein Trikot-Geschenk: «Für meinen Präsidenten, hochachtungsvoll.» Auch Özil überreicht Erdogan ein Trikot. Der DFB reagiert pikiert, Präsident Reinhard Grindel sagt, das Duo habe sich für Erdogans «Wahlkampfmanöver missbrauchen» lassen. Gündogan erklärt via Instagram: «Es war nicht unsere Absicht, mit diesem Bild ein politisches Statement abzugeben.» Jogi Löw beruft Özil und Gündogan in sein vorläufiges WM-Aufgebot, obwohl auch er verstimmt ist. «Das war keine glückliche Aktion», sagt der Bundestrainer und kündigt ein Gespräch an. Sanktionen oder ein Verzicht auf beide seien aber «zu keiner Sekunde» ein Thema gewesen. Özil und Gündogan unterbrechen ihre Ferien, treffen in Berlin Löw, Grindel und DFB-Direktor Oliver Bierhoff zur Aussprache. Im Schloss Bellevue besuchen sie Frank-Walter Steinmeier (r.). Der Bundespräsident sagt: «Beiden war es wichtig, entstandene Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.» Im WM-Test in Klagenfurt gegen Österreich (1:2) werden Özil und Gündogan ausgepfiffen. Thomas Müller stellt sich vor seine Teamkollegen, beide seien «ein wichtiger Teil unseres Teams. Für uns ist das Thema abgehakt.» Es sollte ein Trugschluss sein. Am Medientag im Trainingslager im Südtirol stellt sich Gündogan den Fragen ausgewählter Pressevertreter. «Einige Reaktionen haben mich getroffen, vor allem auch die persönlichen Beleidigungen», sagt er und fügt an: «Ich verstehe, dass man die Aktion nicht gut finden muss.» Özil schweigt weiter. Steinmeier äussert sich in der «Zeit» befremdet über die Foto-Aktion, sie habe ihn «ein bisschen ratlos gemacht». Ob die Spieler sich entschuldigt hätten, sei «eine Interpretationsfrage». DFB-Direktor Bierhoff versucht, die Debatte vor dem Match gegen Saudiarabien zu beenden. «Was hätten wir noch mehr machen sollen? Jetzt reicht es dann auch», sagt der Teammanager in Eppan. Bei der WM-Generalprobe in Leverkusen gegen Saudiarabien (2:1) wird Gündogan bei seiner Einwechslung ausgepfiffen. Löw reagiert getroffen, die massive Ablehnung habe ihn «geschmerzt», sagt er. Der Bundestrainer fürchtet, das Thema auch in Russland nicht loszuwerden. Gündogan twittert, er sei «immer noch dankbar, für dieses Land zu spielen». Özil schweigt. Captain Manuel Neuer verspricht Özil und Gündogan «totale Rückendeckung» der Kollegen im Nationalteam. Bierhoff versucht vor dem WM-Start, die Affäre abzuhaken und erneut Ruhe in die Thematik zu bringen. «Ich sehe nicht die Notwendigkeit, das Thema hier noch mal aufzugreifen», sagt er zwei Tage vor dem Auftaktspiel gegen Mexiko. Beim 0:1 gegen Mexiko steht Özil in der Startelf, Pfiffe sind im Luschniki-Stadion jedoch nicht zu vernehmen. Gündogan sitzt 90 Minuten auf der Bank. Das Thema Erdogan ist innerhalb der Mannschaft noch nicht durch. Die «Sport Bild» berichtet von Rissen im Team, von einer Grüppchenbildung. Es gebe zwei Lager, die vor allem in zwei Punkten sehr unterschiedlicher Meinung seien. Einerseits hinsichtlich der Nicht-Nomination von Jungstar Leroy Sané, andererseits betreffend die Erdogan-Debatte. Gerade die Bayern-Fraktion habe sich von Özil eine öffentliche Stellungnahme gewünscht, damit endlich Ruhe einkehre. Im zweiten WM-Spiel gegen Schweden muss Özil erstmals bei einem Turnier unter Coach Löw zuschauen. Gündogan wird eingewechselt, spielt aber schwach. Ein spätes Tor von Toni Kroos rettet den 2:1-Sieg. Gegen Südkorea ist Özil wieder in der Startelf, kann das 0:2 und das erstmalige WM-Vorrundenaus eines DFB-Teams aber trotz guter Leistung nicht verhindern. Gündogan ist nur Zuschauer. Sami Khedira (r.), der als Vertrauter Özils gilt, stellt die DFB-Führung in einem «Bild»-Interview bloss. Der Umgang mit «Erdogan-Gate» sei nicht richtig gewesen: «Das war ein Riesen-Thema und wurde unterschätzt, ja.» «Ich werde einige Zeit brauchen, um darüber hinwegzukommen», schreibt Özil auf Twitter über das WM-Aus. Gündogan versichert in den sozialen Netzwerken, es habe ihn «stolz gemacht, an meiner ersten Weltmeisterschaft für Deutschland teilnehmen zu dürfen». Bierhoff räumt Fehler im Umgang mit der Erdogan-Affäre ein. «Man hätte überlegen müssen, ob man sportlich auf Özil verzichtet», sagt er in der «Welt» und macht den Spieler damit zum Sündenbock. Einen Tag später rudert er zurück und meint, er habe sich falsch ausgedrückt. Was er genau hatte sagen wollen, bleibt unklar. DFB-Präsident Grindel fordert Özil zu einer öffentlichen Stellungnahme für die Zeit nach den WM-Ferien auf. Die Fans seien enttäuscht, weil sie noch keine Antworten auf ihre Fragen erhalten hätten, sagt Grindel dem «kicker». Über zwei Monate nach dem Treffen mit Erdogan bricht Özil sein Schweigen, äussert sich erstmals öffentlich zur Debatte und tritt aus der Nationalmannschaft zurück. «Schweren Herzens und nach gründlicher Überlegung werde ich wegen der zurückliegenden Vorkommnisse nicht länger für die deutsche Nationalmannschaft spielen», teilt der 29-Jährige auf seinen Profilen in den sozialen Netzwerken mit. Er kritisiert «Rassismus und fehlenden Respekt». Ausserdem greift er Grindel scharf an: «Ich äussere mich jetzt nicht wegen Grindel, sondern weil ich es will. Ich werde nicht länger der Sündenbock für seine Inkompetenz sein.» Das Bild mit Erdogan verteidigt er. Der DFB reagiert auf die Rassismus-Vorwürfe gegen Grindel. «Dass der DFB mit Rassismus in Verbindung gebracht wird, weisen wir (...) in aller Deutlichkeit zurück», schreibt der Verband in einer Stellungnahme.

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Herr Kessler, ganz Deutschland diskutiert derzeit über die Rassismus-Vorwürfe von Mesut Özil gegenüber dem DFB. Auch in der Schweiz berichten bestens integrierte Türken, dass sie bei schlechter Leistung als Ausländer, bei guter hingegen als Schweizer angesehen würden. Hat die Schweiz ein Rassismus-Problem?
Wenn Leute aufgrund ihres Namens oder ihrer Herkunft Nachteile erfahren, ist das Alltagsdiskriminierung – etwa bei der Wohnungs- oder Arbeitssuche. Das ist global so, fast auf der ganzen Welt müssen Zugezogene mehr leisten als Einheimische. Umgekehrt gibt es Privilegien für Ausländer, die offensichtlich Vorteile bringen – etwa tiefe Besteuerung bei viel Vermögen und ohne Erwerb in der Schweiz oder rasche Einbürgerung in vielen südlichen Ländern.

Warum müssen Zugezogene mehr leisten?
Es hat etwas Menschliches: Gegenüber Bekannten wenden wir andere Kriterien an als gegenüber Fremden. Das gilt nicht nur bei Nationen. Auch ein Zürcher, der nach Basel zieht, hat eine doppelte Identität. Auch er wird bei schlechter Leistung auf den Zürcher reduziert, bei guter auf den Basler. Wer von einem Dialekt oder einer Sprache abweicht, gilt als weniger greifbar. Die Gesellschaft sieht die Person doppelt, genauso sieht sich aber auch der Betroffene doppelt und versucht, seine Identitäten so einzusetzen, dass es ihm am meisten bringt.

Wird die Diskriminierung von Secondos also so bleiben?
Was die Türken erleben, haben auch die Bergler, Italiener, Tamilen und Ex-Jugoslawen durchgemacht, das ändert sich schnell. Im Bankenwesen oder bei Versicherungen sind Türkischstämmige beliebt, weil sie sich in Auftritt und Disziplin gut in die hierarchischen Strukturen einfügen können. Albanischstämmige sind hingegen im Militär, bei Sicherheitsfirmen und Hauswartdiensten stark vertreten, Tamilen in der Gastronomie und im Handel.

Profitiert man also davon, ist Migration gut, wenn nicht, ist sie schlecht?
Sowohl Einheimische als auch Zuwanderer gehen von ihren Interessen aus. In den Bergtälern mit Abwanderung ist man froh um Migranten. Es gibt auch Länder, die fast nur aus Migranten bestehen. In Nordamerika etwa spielte das Herkunftsland lange keine Rolle, sondern Leistung und Gesetz. Wer okay war, gehörte zur Gesellschaft – Länder wie Schweden, die Schweiz oder die Slowakei wurden gar nicht unterschieden. Was wir derzeit in Amerika erleben, ist allerdings ein gefährliches Spiel der Regierung mit Ressentiments gegen verschiedene Migrationsgruppen. Die Mauer zu Mexiko wird jetzt gebaut, wo mehr Mexikaner zurück- als zuwandern. Und rassistische Gewalt ist ein Dauerproblem.

Warum wird die Debatte in Deutschland derart heftig geführt?
Der Diskurs in Deutschland ist ideologisch aufgeladen und bundesweit. In der Schweiz wäre er regional verschieden. Deutschland hat gerade eine heikle Identitätsdebatte, eine mittlere Staatskrise. Das Land ist wie andere Nationen im Norden mit der Migration überfordert. Wer sich migrationskritisch äussert, riskiert sofort moralische Belehrungen. Auch in Schweden sieht man dieses Phänomen. Die dortige utopische Vorstellung einer vollkommen gleichen Gesellschaft führt zu Tabus und behördlichen Scheindiskussionen. So etwas wäre in der Schweiz nicht denkbar, hier gilt das gerade, offene und ehrliche Wort als ehrbar. Zudem haben wir praktisch Vollbeschäftigung und gute Aufstiegschancen auch für Secondos.

Wie geht die Schweiz dann mit solchen Debatten um?
Das zeigt etwa das Beispiel mit dem Doppeladler: In der Schweiz wurde darüber zwei Wochen lang breit diskutiert. Schliesslich haben alle bemerkt, dass es viele Doppelbürger und Doppeladler gibt, zum Beispiel in Rathäusern. Die Schweizer kauen solche Themen immer gründlich durch. Das macht die direkte Demokratie möglich. Wir sind ständig offen am Diskutieren über alles, insbesondere auch über Migrationsthemen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Roi72 am 25.07.2018 10:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    gekränkter Millionär

    Integration am Bsp. von Özil zu diskutieren, macht überhaupt keinen Sinn. Bei Özil handelt es sich um einen gekränkten Fussballmillionär, der, wie viele andere seiner Berufskollegen, nicht zu seinen begangenen Fehlern stehen will. Nichts anderes...

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  • Death Parade am 25.07.2018 10:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hat nix mit rassismus zutun

    özil heult wegen nichts rum. es ging allen darum das er ein foto mit erdogan macht während er am stimmen sammeln war. und er als deutscher national fussballer politik "betreibt" in der türkei

  • Ramses III am 25.07.2018 10:16 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Bock mehr

    Ja sobald man sie nicht mehr hätschelt und tätschelt ist man ein Rassist, ich fühle mich aufs äußerste Diskriminiert weil ich gezwungen werde jeden zu mögen. Ich habe keine Lust mehr die ganze Zeit Politisch korrekt zu sein, ich möchte meine Meinung frei äussern können ohne den Vorwurf als Rassist und Menschenhasser betitelt zu werden. Ich möchte mich mit den Menschen abgeben die ich will, ohne da mir ein Gutmensch schlechtes Gewissen einreden will.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Mike Meier am 25.07.2018 12:45 Report Diesen Beitrag melden

    ist doch alles nur vom Thema abgelenkt

    Sich mit einem Typen wie Erdogan zu präsentieren, war ein Fehler. Genau so wäre es auch, wenn man sich von einem Putin, einem Maduro oder einem Kim instrumentalisieren lässt.

  • Öko Logisch am 25.07.2018 11:01 Report Diesen Beitrag melden

    Schau an

    Eine gerade und offene Antwort wird bevorzugt? Wirft man das nicht uns Deutschen vor, wir wären zu direkt, würden einfach sagen was wir denken und was wir wollen, ohne Umschweife? Und die Doppeladler-Diskussion war doch auch nur zu WM-Zeiten von Solidarität geprägt. Schon am Tag des Ausscheidens hat sich der Wind wieder gewaltig gedreht, liest man hier wieder die ewig gleichen Vorwürfe, wurde die Nati wieder als Nicht-Schweizerisch gesehen.

  • Thomas D am 25.07.2018 10:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Immer das gleiche

    Es ist immer das gleiche sobald man Leute mit Migrationshintergrund etwas heftig anpackt wird sofort die Rassismuskarte gezogen. Ist wie in den USA mit den Farbigen.

  • SecondoParExcellence am 25.07.2018 10:54 Report Diesen Beitrag melden

    Mein Vater hat immer gesagt:

    Hat das Schweizer Kind eine 4 in Schule, musst du eine 5 haben um die gleichen Chancen wahrnehmen zu können. Diese Aussage hat sich weit über die Schule hinaus bewahrheitet. Glücklicherweise habe ich seinen Ratschlag befolgt.

  • Bedenklich am 25.07.2018 10:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nichts als Geschwätz

    Ja diskutieren können wir Schweizer, und wie gehts weiter? Die Deutschen können ja auch viel reden, aber handeln kann dennoch keiner der Politiker