Armut

04. Dezember 2019 06:00; Akt: 04.12.2019 09:16 Print

«Viele Kinder waren mit Flip-Flops im Schnee»

Laut Unicef wächst jedes vierte Kind derzeit in einem Konflikt- oder Katastrophengebiet auf. Eine Schweizerin erzählt von ihrer Arbeit für die Organisation im Libanon.

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Mehr als 30 Millionen Kinder weltweit wurden durch Konflikte aus ihrem Zuhause vertrieben. Viele von ihnen leiden unter Versklavung, Kinderhandel, Missbrauch oder Ausbeutung. Dieses Fazit zieht das Kinderhilfswerk der UNO (Unicef) im neusten Jahresbericht. Die Schweizerin Rahel Vetsch ist als Emergency Officer für Unicef in einer Krisenregion tätig. Sie unterstützt in ihrer Funktion Kinder armer Familien im Libanon, darunter auch viele palästinensische oder vom syrischen Bürgerkrieg Geflüchtete. Mit 20 Minuten spricht sie über ihre Erlebnisse. «Ich bin für Unicef seit einem Jahr im Libanon in der Nothilfe tätig. Das heisst, ich stelle sicher, dass die Hilfe in einem Notfall schnell ankommt», so Vetsch. Vetsch: «Der Libanon ist das Land mit den meisten Flüchtlingen pro Kopf: Auf 4 Millionen Libanesen kommen 1,5 Millionen Flüchtlinge. Die ärmsten Flüchtlinge besitzen zu wenig Geld, um sich feste Unterkünfte zu leisten. Deshalb mieten sie Land und wohnen dort in Zelten. Insgesamt leben rund 300'000 Flüchtlinge in Zelten.» «Viele Familien sind extrem arm und halten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Wer sich beispielsweise keine gute Unterkunft leisten kann, hat auch kein sauberes Trinkwasser aus dem Wasserhahn und braucht mehr Heizöl zum Wärmen. Das führt zu höheren Folgekosten», so Vetsch. Laut Vetsch haben die Flüchtlingskinder ohne Unterstützung kaum Chancen auf ein besseres Leben: «Viele Kinder müssen ihre Eltern finanziell unterstützen, 44 Prozent der syrischen Kinder besuchen aktuell keinen Schulunterricht. Es wird für sie später schwierig, eine gut bezahlte Stelle zu finden, um aus der Armut herauszukommen.» Vetsch: «Jedes dritte Mädchen wird noch vor 18 Jahren verheiratet, was Auswirkungen auf die Schulbildung hat und die Mädchen einem erhöhten Risiko für sexuellen Missbrauch aussetzt. Es sind aber nicht nur Flüchtlingskinder, die im Libanon unter prekären Verhältnissen aufwachsen müssen.» «Die Schere zwischen Arm und Reich ist im Libanon gross und Armut sehr gut sichtbar. So ist beispielsweise in vielen Quartieren Beiruts Kinderarbeit omnipräsent, da die Eltern zu wenig verdienen. Deshalb unterstützen wir auch libanesische Kinder aus armen Verhältnissen mit speziellen Programmen», sagt Vetsch. Vetsch sagt: «In Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium verbessern wir beispielsweise das öffentliche Schulsystem, unter anderem indem Lehrer ausgebildet werden. Daneben verbessern wir den Zugang zu Trink- oder Abwassersystemen und zu Arztkontrollen oder den wichtigsten Medikamenten.» «Im Libanon wird es in höhergelegenen Regionen extrem kalt. Damit die Kinder den Winter gesund überstehen, brauchen sie warme Kleidung. Deshalb verteilen wir Winter-Kits mit Handschuhen, Jacken, Stiefeln sowie Blachen zur Verbesserung der Zelte an die ärmsten Teile der Bevölkerung», so Vetsch. Die Allerärmsten werden zudem mit einer kleinen Geldsumme unterstützt, damit sie sich individuell die wichtigsten Dinge kaufen können, so Vetsch: «Denn jede Familie hat andere Bedürfnisse, so braucht eine Familie beispielsweise gewisse Medikamente oder muss den Transport für die Schule bezahlen.»

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Die Schweizerin Rahel Vetsch (35) ist als Emergency Officer für Unicef in einer Krisenregion tätig. Sie unterstützt Kinder armer Familien im Libanon, darunter auch viele palästinensische oder vom syrischen Bürgerkrieg Geflüchtete. Mit 20 Minuten spricht sie über ihre Erlebnisse.

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Was tun Sie im Libanon und wie lange sind Sie schon dort?
Ich bin für Unicef seit einem Jahr im Libanon in der Nothilfe tätig. Das heisst, ich stelle sicher, dass die Hilfe in einem Notfall schnell ankommt. Dazu gehört auch, dass vorgängig die nötigen Utensilien wie warme Kleider, Hygieneartikel oder Medikamente bereitgestellt werden, damit sie in einer Notfallsituation umgehend verteilt werden können, beispielsweise bei einem Wintersturm oder Überschwemmungen.

Unter welchen Bedingungen leben Flüchtlinge im Libanon?
Der Libanon ist das Land mit den meisten Flüchtlingen pro Kopf: Auf 4 Millionen Libanesen kommen 1,5 Millionen Flüchtlinge. Viele syrische Kinder wurden bereits hier geboren und kennen nichts anderes. Flüchtlingslager im klassischen Sinne gibt es hier aber nicht. Es sind eher informelle, kleine Siedlungen, in denen zwischen zehn und dreissig Familien zusammenwohnen. Denn die ärmsten Flüchtlinge besitzen zu wenig Geld, um sich Wohnungen oder sonstige feste Unterkünfte zu leisten. Deshalb mieten sie Land und wohnen dort in Zelten. Insgesamt leben rund 300'000 Flüchtlinge in Zelten.

Wie muss man sich ihre Situation vorstellen?
Viele Familien sind extrem arm und halten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Wer sich beispielsweise keine gute Unterkunft leisten kann, hat auch kein sauberes Trinkwasser aus dem Wasserhahn und braucht mehr Heizöl zum Wärmen. Das führt zu höheren Folgekosten. Viele Familien müssen sparen, wo sie können. Das führt dazu, dass auch einmal ein Arztbesuch ausgelassen wird oder es zu wenig Geld für warmes Essen und Kleidung gibt.

Was bedeutet das für Flüchtlingskinder?
Ohne Unterstützung haben sie kaum Chancen auf ein besseres Leben. Zwar ist die öffentliche Schule für alle Kinder gratis, doch müssen viele Kinder ihr Eltern finanziell unterstützen, 44 Prozent der syrischen Kinder besuchen aktuell keinen Schulunterricht. Es wird für sie später schwierig, eine gut bezahlte Stelle zu finden, um aus der Armut herauszukommen. Jedes dritte Mädchen wird noch vor 18 Jahren verheiratet, was Auswirkungen auf die Schulbildung hat und die Mädchen einem erhöhten Risiko für sexuellen Missbrauch aussetzt. Es sind aber nicht nur Flüchtlingskinder, die im Libanon unter prekären Verhältnissen aufwachsen müssen.

Was heisst das?
Die Schere zwischen Arm und Reich ist im Libanon gross und Armut sehr gut sichtbar. So ist beispielsweise in vielen Quartieren Beiruts Kinderarbeit omnipräsent, da die Eltern zu wenig verdienen. Deshalb unterstützen wir auch libanesische Kinder aus armen Verhältnissen mit speziellen Programmen. Unicef arbeitet zudem stark an der Verbesserung von öffentlichen Diensten. In Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium wird beispielsweise das öffentliche Schulsystem verbessert, unter anderem, indem Lehrer ausgebildet werden. Es wird versucht, Kinder mit Lernschwierigkeiten oder anderen Beeinträchtigungen schulisch besser zu integrieren, und wir arbeiten auf eine Stärkung des Kinderschutzes hin.

An was fehlt es sonst noch?
Wir arbeiten ebenfalls daran, den Zugang zu Trink- oder Abwassersystemen zu verbessern und die Gemeinden dabei zu unterstützen, diese Dienste selbst zu ermöglichen. Daneben arbeiten wir mit dem Gesundheitsministerium zusammen, um der Bevölkerung Zugang zu Arztkontrollen oder den wichtigsten Medikamenten zu sichern.

Wie bereitet Unicef die Menschen auf den Winter vor?
Im Libanon wird es in höhergelegenen Regionen extrem kalt. Damit die Kinder den Winter gesund überstehen, brauchen sie warme Kleidung. Deshalb verteilen wir Winter-Kits mit Handschuhen, Jacken, Stiefeln sowie Blachen zur Verbesserung der Zelte an die ärmsten Teile der Bevölkerung. Die Allerärmsten unterstützen wir zudem mit einer kleinen Geldsumme, damit sie sich individuell die wichtigsten Dinge kaufen können. Denn jede Familie hat andere Bedürfnisse, so braucht eine Familie beispielsweise gewisse Medikamente oder muss den Transport für die Schule bezahlen. Zudem stellen wir schlecht isolierten Schulen Benzin und Generatoren zur Verfügung, da sich Kinder in der Wärme besser konzentrieren und lernen können.

Können Sie von einem besonders prägenden Erlebnis erzählen?
Der letzte Winter war extrem kalt, mit Schneestürmen und Überschwemmungen. Viele Kinder hatten nur eine Zeltblache als Schutz und waren ohne Handschuhe und teils in Flip-Flops im Schnee draussen. Zu wissen, dass diese Kinder ohne Unterstützung keine Zukunftschancen haben, ist belastend.

Was ist Ihre Motivation für Ihre Arbeit?
Ich finde es extrem spannend und bereichernd. Insbesondere freut es mich als Schweizerin, Verbesserungen im öffentlichen System zu sehen – denn jedes Kind hat ein Recht auf Bildung und Gesundheit und verdient eine Chance im Leben. Zu sehen, dass Kinder eine solche Chance erhalten, freut mich sehr.



Das Kinderhilfswerk der UNO

Mehr als 30 Millionen Kinder weltweit wurden durch Konflikte aus ihrem Zuhause vertrieben. Viele von diesen leiden unter Versklavung, Kinderhandel, Missbrauch oder Ausbeutung. Dieses Fazit zieht das Kinderhilfswerk der UNO (Unicef) im neusten Jahresbericht. «Bei Konflikten oder Katastrophen leiden Kinder als Erste und am stärksten. Heute lebt eines von vier Kindern auf der Welt in einer Konflikt- oder Katastrophenregion», heisst es dort.

Im Jahr 2019 erreichten demnach über 57'000 Flüchtlinge Europa, ein Viertel davon sind Kinder. Viele von ihnen flohen ohne Begleitung von Erwachsenen und sind deshalb besonders anfällig dafür, Opfer von Missbrauch, Ausbeutung oder genderbasierter Gewalt zu werden.

Konflikt- und Krisenregionen

Der mittlerweile acht Jahre andauernde Konflikt in Syrien führte laut Unicef dazu, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung, also 11 Millionen Menschen, dringend Unterstützung benötigt. In den umliegenden Regionen wie der Türkei, dem Libanon, Jordanien oder dem Irak und Ägypten leben 5,6 Millionen syrische Flüchtlinge, davon sind über 2,5 Millionen Kinder.

Ein weiterer Krisenherd: die Demokratische Republik Kongo. Sie verzeichnete den zweitgrössten Ebola-Ausbruch. Es ist der erste, der sich in einer Konfliktzone ereignet und er betrifft über 900 Kinder. Das Risiko, dass sich das Virus auf die Nachbarländer überträgt, ist laut Unicef unverändert gross.

Die weltweit grösste humanitäre Krise ereigne sich aber derzeit im Bürgerkriegsland Jemen. Über 368'000 Kinder unter fünf Jahren litten dort unter akuter Mangelernährung. Aber auch in Lateinamerika und der Karibik würden 1,9 Millionen Kinder humanitäre Unterstützung benötigen.

Ziele von Unicef

Deswegen möchte Unicef im Jahr 2020 rund 59 Millionen Kindern in prekären Verhältnissen humanitäre Hilfe zukommen lassen. Diese umfasst die Sicherstellung von lebensnotwendigen Gütern wie Wasser, Nahrung oder sanitären Anlagen.

Sie beinhaltet aber auch den Ausbau der Möglichkeit zur schulischen Bildung oder die nachhaltige Unterstützung von Gesundheitsministerien sowie der Zivilgesellschaft vor Ort, damit diese schlechte Lebensbedingungen wie beispielsweise Unterernährung erkennt, damit umzugehen und diese auch präventiv zu verhindern lernt.

Unicef Schweiz ist auf private Spenden angewiesen

Für die Unterstützung dieser Kinder und ihrer Familien benötigt Unicef ein Budget von 4,2 Milliarden US-Dollar. Die Schweiz ist eine der zehn grössten Spenderinnen: Laut dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) leistet die Schweiz für die Zeitspanne von 2018 bis 2020 einen Kernbeitrag von 59,6 Millionen Franken für die Unterstützung von Kindern an Unicef – pro Jahr also rund 20 Millionen Franken.

Darüber hinaus finanziert die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) auch humanitäre Einsätze und Entwicklungsaktivitäten von Unicef auf globaler und nationaler Ebene und entsendet Experten für die Durchführung von Unicef-Programmen.

Unicef Schweiz und Liechtenstein ist aber trotzdem weiterhin auf Spenden von Privaten und Unternehmen angewiesen. Denn die Spenden des Staates an die Unicef-Hauptorganisation fliessen nicht in ihr Budget ein.


(ihr)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • 8004 am 04.12.2019 06:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was passiert mit dem Geld

    Wäre ich sicher, dass das gespendete Geld 1:1 zu den Menschen in Not gelangen würde, würde ich mehr spenden. Aber für mich sind Unicef usw. immer noch zu untransparent.

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  • S@m.W am 04.12.2019 06:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das Spenden

    Sorry, es ist traurig das es den Menschen in Libanon schlecht geht, die Schweiz sind in der Regel spendefreudig, aber die normalen Bürger können nicht überall helfen. Eigentlich sollten wir in unserem Land selbst zuerst helfen. In dieser welt gibt es genug Milliardäre die spenden können

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  • Dave74 am 04.12.2019 07:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schon das Grosi erzählte

    Ein einst blühendes Land von Machtgierigen geschändet.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Polimag am 04.12.2019 19:32 Report Diesen Beitrag melden

    Keiner Will

    Also wir haben da so eine AG. Wo Kinder ihre Spielsachen, Kleider spenden. Wir haben überall bei uns gefragt! Keiner will mehr was, ausser Geld

  • Steve Wonder am 04.12.2019 19:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ecuador

    In Ecuador gibt es diese Situation auch .... aber dieses Land wird sehr viel vergessen ! Auch das es Regionen gibt da es kein Regen bekommen hat in den letzen Monaten ist für die Medien nicht interessant...

  • Wie auch immer am 04.12.2019 18:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Negative Gefühle

    Schon krass was man hier für menschenverachtende Statements liest. Ich frage mich wie die Menschen aufgewachsen sind, die so viel Bosheit in sich anhäufen. Ich selber hatte eine glückliche Kindheit und habe gelernt diese positiven Gefühle auch weiter zu geben.

  • Svarupo am 04.12.2019 17:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selber nicht Sorgenfrei

    Sorry, ich habe 3 Kids, 3 Jobs und das Geld reicht nach wie vor nicht um ein sorgloses Leben als Alleinerziehende zu führen. Und dann wird einem mit solchen Geschichten noch ein schlechtes Gewissen gemacht.

  • Lizzy am 04.12.2019 17:50 Report Diesen Beitrag melden

    zuerst hier schauen

    Hier in der Schweiz geht es auch vielen alten Menschen so. Sie haben keine Lobby und man sieht es nicht unbedingt. Zuerst hier ansetzen und nicht andauernd mit armen Kindern Spenden einholen wollen. Komischerweise härt man nur in der Weihnachtszeit solche Dinge.