Jugendliche in Psychiatrie

24. November 2019 15:06; Akt: 25.11.2019 12:46 Print

«Mitschüler verprügelten und beleidigten mich»

von B. Zanni - Fast doppelt so viele unter 18-Jährige wie früher gehen laut neuen Zahlen zum Psychiater. Eine Chefärztin macht den Schuldruck verantwortlich.

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Rund 48'300 Kinder und Jugendliche und damit fast doppelt so viele wie noch 2006 (27'480) liessen sich 2017 in einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Praxis ambulant behandeln, wie neue Zahlen des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums zeigen. Auch D. M.* (21) erzählt: «Als ich 16 Jahre alt war, schickte mich mein Vater in eine psychiatrische Klinik. Ich wollte nicht mehr leben, fand alles nur scheisse und dass alles keinen Sinn mehr hatte.» Er sei in der Schule immer gemobbt worden. «Ich war ein Einzelgänger. Meine Mitschüler verprügelten und beleidigten mich. Sie sagten, ich sei nichts wert.» Er habe sich in der Folge von der Familie abgekapselt und kaum mehr gegessen. Auch die 24-jährige V. S.* fand nur mit psychiatrischer Hilfe aus ihrem Tief heraus. «Mit 16 Jahren hatte ich morgens keine Kraft mehr zum Aufstehen», sagt S. Sie habe sich im Lehrbetrieb jeweils krank gemeldet und den ganzen Tag geschlafen. «Ich hatte Depressionen, weil mich der Druck kaputtmachte. Man muss schon fast perfekt sein, um überhaupt eine Lehrstelle zu bekommen.» Gleichzeitig verzeichnet die ambulante Spitalpsychiatrie mehr als doppelt so viele Konsultationen bei den höchstens 18-Jährigen. Immer mehr Kinder und Jugendliche werden auch auf den stationären Abteilungen der Kliniken therapiert. Dagmar Pauli, Chefärztin der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, führt die Zunahme an psychiatrischer Betreuung auf einen gestiegenen Leistungsdruck zurück. «Sobald ein Schüler eine schlechte Note schreibt, wird er abgeklärt und in die Nachhilfe geschickt. Dass Schüler auf unterschiedlichen Niveaus gut funktionieren können, wird heute nicht mehr akzeptiert», sagt Dagmar Pauli ist Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Dagmar Pauli: «Man muss überall eine Topleistung bringen. Die Folgen sind grosse Unsicherheiten, Angst vor der Zukunft und Orientierungslosigkeit. Wenn dann all das nicht mehr funktioniert, dann kommt es oft zu einem Zusammenbruch und dann kommt es zur Anmeldung bei uns.» Franziska Peterhans, Zentralsekretärin des Schweizer Lehrerverbands, sagt, sie stelle fest, dass die Leistungsüberprüfung enorm zugenommen habe. «Um zum Beispiel eine Lehrstelle zu erhalten, müssen Schüler zusätzlich zu den Zeugnisnoten Checks machen.» Gleichzeitig verlangen die Eltern laut Peterhans von ihren Kindern übermässige Leistungen, sind in einem höheren Ausmass berufstätig und bieten zu wenig Geborgenheit.

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Die psychischen Probleme werden so gross, dass nur noch eine professionelle Behandlung hilft: Solche Situationen sind für junge Menschen in der Schweiz zunehmend Realität. Rund 48'300 Kinder und Jugendliche und damit fast doppelt so viele wie noch 2006 (27 480) liessen sich 2017 in einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Praxis ambulant behandeln, wie neue Zahlen des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums zeigen.

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Gleichzeitig verzeichnet die ambulante Spitalpsychiatrie mehr als doppelt so viele Konsultationen bei den höchstens 18-Jährigen. Immer mehr Kinder und Jugendliche werden auch auf den stationären Abteilungen der Kliniken therapiert: Die Zahl der Hospitalisierungen zwischen den Jahren 2012 und 2017 stieg von 3400 auf 5100 um mehr als die Hälfte. In jedem dritten Fall diagnostizieren die Ärzte affektive Störungen, wozu Depressionen und Manien zählen.

«Keine Kraft mehr zum Aufstehen»

Auch die 24-jährige V. S.* fand nur mit psychiatrischer Hilfe aus ihrem Tief heraus. «Mit 16 Jahren hatte ich morgens keine Kraft mehr zum Aufstehen», sagt S. Sie habe sich im Lehrbetrieb jeweils krank gemeldet und den ganzen Tag geschlafen. «Ich hatte Depressionen, weil mich der Druck kaputtmachte. Man muss schon fast perfekt sein, um überhaupt eine Lehrstelle zu bekommen.»

Als sie gemerkt habe, dass ihr die Lehre als Hotelfachfrau nicht zusage, sei sie in ein Loch gefallen und habe ihre Lehrstelle verloren, so S. «Ich fühlte mich wertlos und hatte Angst vor dem Leben und Selbstmordgedanken.» Ihre Eltern seien zerstritten gewesen und hätten sie nicht unterstützen können. S. liess sich darauf mehrere Monate in einer Klinik stationär und später ambulant behandeln. Heute sei sie in ihrem Praktikum als Fachfrau Betreuung glücklich. «Ich kämpfe aber auch jetzt manchmal noch mit Depressionen und habe Mühe, morgens aufzustehen. Die Angst, es wieder nicht zu schaffen, ist einfach ein Teil von mir.»

In der Schule gemobbt

Auch D. M.* (21) erzählt: «Als ich 16 Jahre alt war, schickte mich mein Vater in eine psychiatrische Klinik. Ich wollte nicht mehr leben, fand alles nur scheisse und glaubte, dass alles keinen Sinn mehr hatte.» Er sei in der Schule immer gemobbt worden. «Ich war ein Einzelgänger. Meine Mitschüler verprügelten und beleidigten mich. Sie sagten, ich sei nichts wert.» Er habe sich in der Folge von der Familie abgekapselt und kaum mehr gegessen.

Seit dem fünfwöchigen Klinikaufenthalt und einer ambulanten Therapie habe er keine Depressionen mehr, sagt M. «Es geht mir tipptopp.» Rückblickend kritisiert er die Schulbehörden: «Bei Mobbing schauen die Schulbehörden viel zu lange weg.»

«Ich war oft paranoid»

A. T.* wurde als 13-Jähriger erstmals in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. «In der ersten Klinik war ich 1,5 Jahre, der zweite Aufenthalt in einer anderen Psychiatrie dauerte ein Jahr», sagt der heute 20-Jährige. «Ich hatte kein Selbstwertgefühl, bildete eine Mauer um mich und war oft paranoid.» Er habe immer Verlustängste gehabt. «Sobald sich meine Mutter mal zwei Stunden nicht meldete, hatte ich Angst.»

Den Grund sieht er in seiner Familie. Er sei ohne Vater aufgewachsen und habe viele schlimme Konflikte seiner Eltern mitbekommen. «Meine Mutter hatte wenig Zeit für mich, weil sie den ganzen Tag arbeitete.» Besonders schlimm gewesen sei, wenn seine Mutter abends einfach nur genervt gewesen sei. «Ich dachte dann, schuld an allem zu sein.» Die Ärzte in den Psychiatrien hätten ihm in einigen Punkten sehr geholfen. «Manchmal fühlte ich mich dort aber noch kränker als ich eigentlich war und noch mehr als Aussenseiter.»

«Absolut besorgniserregend»

Dagmar Pauli, Chefärztin der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, führt die Zunahme an psychiatrischer Betreuung auf einen gestiegenen Leistungsdruck zurück (siehe Interview unten). «Diese Entwicklung ist absolut besorgniserregend», sagt Franziska Peterhans, Zentralsekretärin des Schweizer Lehrerverbands. Sie stelle fest, dass die Leistungsüberprüfung enorm zugenommen habe.

«Um zum Beispiel eine Lehrstelle zu erhalten, müssen Schüler zusätzlich zu den Zeugnisnoten Checks machen», so Peterhans. Gleichzeitig verlangten einige Eltern von ihren Kindern übermässige Leistungen, hätten aber wenig Zeit und böten zu wenig Geborgenheit. «Es mangelt einigen Kindern an Sicherheit und fixen Bezugspersonen.»


«Der Druck in der Schule ist zu gross»

Frau Pauli*, noch nie haben sich so viele Kinder und Jugendliche in einer Psychiatrie behandeln lassen. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus?
Tatsächlich behandeln wir immer mehr unter 18-Jährige, die unter Depressionen leiden. Dabei stellen wir fest, dass bei vielen der Schuldruck der Auslöser ist. Viele Jugendlichen bleiben dem Schulunterricht fern, leiden unter Angststörungen und Burnouts. Häufiger als früher verletzten sie sich auch selbst und sind suizidgefährdet. Der Druck in der Schule ist zu gross.

Was bringt die Schüler so weit, den Gang in die Psychiatrie zu wählen?
Sobald ein Schüler eine schlechte Note schreibt, wird er abgeklärt und in die Nachhilfe geschickt. Dass Schüler auf unterschiedlichen Niveaus gut funktionieren können, wird heute nicht mehr akzeptiert. Man muss überall eine Topleistung bringen. Die Folgen sind grosse Unsicherheiten, Angst vor der Zukunft und Orientierungslosigkeit. Wenn dann all das nicht mehr funktioniert, dann kommt es oft zu einem Zusammenbruch und dann kommt es zur Anmeldung bei uns. Noch verschlimmert wird der Zustand, weil sie auch ausserhalb der Schule perfekt funktionieren wollen.

Wie meinen Sie das?
In den sozialen Medien müssen sie sich ständig inszenieren und werden mit Fotos überflutet, die zeigen, wie man aussehen soll. Sie müssen online ständig verfügbar sein, alle Instagram-Posts sehen und alle Whatsapp-Nachrichten beantworten. Verschärft wird die Situation dadurch, dass die Eltern da auch nicht heraushelfen können.

Warum nicht?
Die Eltern sind auch ständig online und müssen beruflich und privat überall präsent sein. Ihr Verhalten wirkt sich automatisch auf die jüngere Generation aus. Familien haben kaum noch Zeit, zusammen zu relaxen.

*Dagmar Pauli ist Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.

*Name der Redaktion bekannt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Beat Fehr am 24.11.2019 17:22 Report Diesen Beitrag melden

    DRUCK der SCHULE und ELTERN

    Liebe Eltern, wenn ihr wegen jeder schlechten Note einen Aufstand macht, erreicht ihr beim Kind (in der Regel) genau das Gegenteil. Entweder hat das Kind die Voraussetzungen (Leistungsfähigkeit) oder nicht, in allen Schulfächern zu bestehen. Wenn nicht, macht doch Kompromisse, setzt Prioritäten. Entlastet das Kind, indem ihr nicht nur für eine ausgleichende Freizeitbeschäftigung sorgt. Lernt es auch, Rückschläge zu verarbeiten, Fehlentwicklungen selbst zu korrigieren. Im Übrigen sind im Berufsleben viele Faktoren entscheidend, am wenigsten die Grundschulnoten.

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  • Frau am 24.11.2019 15:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auch erlebt

    Gemobbt und geschlagen, schon auf dem Weg zum Kindergarten. Natürlich habe ich mich gewehrt, aber 2 gegen 1 ist schwierig. Später in der Primar (mit den gleichen Kindern) wurde ich in der Pause vom Spielen ausgeschlosden, durfte nicht mitmachen. Der Grund war, dass ich ein Einzelkind war und als "verwöhnt"galt, was überhaupt nicht stimmte.. Ich hatte nicht mehr als die andern. Diese Mädchen sind später Pädagoginnen geworden. Wie ich auch. Will nie mehr etwas mit ihnen zu tun haben. Das hat mich geprägt für mein Leben.

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  • D.H am 24.11.2019 17:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jugendliche Psychiatrie

    Unsere Welt ist schon krank wenn schon junge Leute zum Psychiater müssen.Leider ist da unsere Gesellschaft stark mitschuldig.Verantwortung geben ist ja gut und recht.Aber hört auf die Lehrstellen für B und C Schüler zu Vernichten auch diese Menschen wollen eine Chance für einen Job.Und Eltern welche nur Druck ausüben auf ihre Kinder und nicht auf das Wohl des Kindes schauen ebenfalls. Hört endlich auf nur Theoretiker zu Züchten welche null Lebenserfahrung haben und nicht mit Leuten umgehen können(Machtmenschen).Gesunder Menschenverstand bringt mehr als nur Schulen!!!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Walt1 am 26.11.2019 12:09 Report Diesen Beitrag melden

    Wenig geredet

    Als Kind hatte ich es nicht wirklich verstanden, warum ich jetzt zum Schulpsychologen musste und andere nicht. Oder warum ich jetzt in die Therapie musste. So hatte ich ständig das Gefühl anders zu sein, nicht gut genug zu sein. Teilweise begleitet mich das heute noch. Heute weiss ich man wollte mir helfen, hat das aber mir nie wirklich rübergebracht. Somit war das ganze ein Muss und kein Wollen, so verbesserte es sich auch kaum. Wenn man das Kind zur Therapie schickt, wünsche ich, dass man das anders anstellt als bei mir. So hat man es nur verschlimmbessert.

  • Rigorosa am 26.11.2019 10:35 Report Diesen Beitrag melden

    keine Lust

    Mobbing an Schulen und auch am Arbeitsplatz gab es schon immer. Wir haben dies einfach damals selbst geregelt und nicht gleich bei einer Behörde oder einem Psychiater geklingelt (gab es auch nicht für sowas). Eine Begleitung der Eltern, die einen lebenstauglich macht, ist etwas vom wichtigsten. Dazu gehören Erfolge und auch Rückschläge. Und ich denke, jeder hat Tage, wo er morgens keine Lust hat, aufzustehen und arbeiten zu gehen. Trotzdem rafft man sich dazu auf, denkt vielleicht auch mal an andere, die es ausbaden müssen, statt ständig nur an sich und sein Befinden.

  • Nikita P. am 26.11.2019 10:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Extrem

    Man vergisst den immensen Druck heutzutage, gute Noten dazu darf man in instagram kein Streber sein sondern eher beliebt und lässig, dann noch der Druck bei Freunden immer irgendwelche Markenkleider zu besitzen.. Lehrstelle finden und behalten, durchziehen. Ich persönlich finde das es für viele schwierig ist, weil die Angriffsfläche ist auf social media und dem Schulhof gross. Sobald man kein anständiges Profil hat wird man gemobbt und ausgeschlossen. Sobald du keine Marken Kleider hast, wirst du gesteinigt. Früher hat man sich geprügelt und gut war, heute mobbt man sich und wünscht sich den Tod. (alles bei der kleinen Schwester miterlebt)

  • Dr.e am 26.11.2019 09:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    mobber

    Ich wurde auch gemobbt (klein, da wachstumshormon problem und schmächtig dazu) und selbst ich konnte mich mit den Mobbern arrangieren. Man muss einfach wissen wie und dementsprechend gleichgültig mit den jeweiligen Situationen umgehen. Wenn man ihnen keine Angriffsfläche bietet, kann man auch nicht genervt werden.

  • Feiveline am 26.11.2019 08:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht die Öffentlichkeit ist schuld

    Hier sind wohl die Eltern schuld an der Misere. Denn diese akzeptieren meist Ihre Kinder nicht so wie Sie sind und Ihre Kinder werden falsch unterstützt. Statt den Druck von Ihrem Kind zu nehmen erhöhen Sie es, z.Bsp. Wichtig ist die Freizeitgestaltung, mehrere HobbysReiten,Golfen, Instrument spielen..., ob das Kind das möchte, fähig ist oder überhaupt will, Du musst - komplett falsch. Zuerst mal Schulaufgaben usw. Nicht die Verantwortung abschieben, der Gesellschaft unterschieben.