Schläger-Opfer von Kreuzlingen

07. Mai 2015 17:03; Akt: 07.05.2015 17:19 Print

«Das Urteil zeigt, dass Kuscheljustiz herrscht»

von Qendresa Llugiqi - Das Bundesgericht hat das Urteil gegen zwei Schläger von Kreuzlingen aufgehoben. Eines der Opfer, Kieran Wohlgemuth, sagt, was für Gefühle dies bei ihm auslöst.

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Kieran Wohlgemuth ist froh, dass er den Angriff überlebt hat. (Bild: zvg)

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Drei Jugendliche hatten im Jahr 2009 am Bahnhof Kreuzlingen zwei Jungs grundlos verprügelt und anschliessend verletzt liegen gelassen. Dafür wurden sie vom Thurgauer Obergericht zu hart bestraft – zu diesem Schluss kam das Bundesgericht. Es hat am Mittwoch die Beschwerden von zwei Tätern gutgeheissen.

Der Entscheid des höchsten Schweizer Gerichts stiess bei vielen 20-Minuten-Lesern, aber auch bei Politikern auf Unverständnis. Kieran Wohlgemuth (25), eines der Opfer, kann die Aufregung verstehen. Für ihn sei aber bereits klar gewesen, dass es so kommen werde, sagt er zu 20 Minuten: «Dass in der Schweiz Kuscheljustiz herrscht, kann ich nach diesem Urteil klar bestätigen», so Wohlgemuth. «Es wird viel geredet, gehandelt wird aber kaum.» Er selber könne nichts dagegen machen. Deshalb habe er das Schreiben des Bundesgerichts bereits ins Altpapier geworfen und schaue in die Zukunft.

«Sie wollten einfach zuschlagen»

Immerhin seien die Täter dadurch bestraft worden, dass die Polizei Videoaufnahmen der Schläger veröffentlicht hat. «Die ganze Schweiz weiss, was das für Leute sind», sagt Wohlgemuth, der heute als Deckenmonteur arbeitet. «Jeder kennt ihre Gesichter und alle werden mit dem Finger auf sie zeigen – ihr Leben lang.»

In der Nacht des Angriffs hatte Wohlgemuth mit einem Kollegen in einem Club in Konstanz gefeiert. Als sie später zum Kreuzlinger Bahnhof liefen, um nach Hause zu fahren, wurden sie in der Unterführung plötzlich von drei anderen Jugendlichen attackiert. Wieso die Schläger sie angegriffen haben, wisse er bis heute nicht. «Sie wollten einfach zuschlagen, was dabei herauskommt, war denen egal», so Wohlgemuth.

Die Täter haben sich nie richtig entschuldigt

Er sei froh, dass er den Angriff überlebt und keine schwerwiegenden Verletzungen davongetragen habe: «An diesem Tag hatte ich wohl einen Schutzengel, der gut auf mich geschaut hat», so Wohlgemuth. Als er das Schläger-Video kurz danach gesehen habe, sei er aber geschockt gewesen. «Ich konnte nur noch daran denken, wie viel Glück ich eigentlich hatte, dass ich nur mit blauen Flecken davonkam.»

Das Bundesgerichtsurteil habe ihn trotzdem aufgewühlt: «Mir wurde zum ersten Mal bewusst, dass sich eigentlich keiner der Täter richtig bei mir entschuldigt hat», sagt er. «Nur einer hat mir einen Brief geschrieben.» Das Schreiben kam bei Wohlgemuth aber nicht so gut an: «Man merkte sofort, dass es nicht von Herzen kam», so der 25-Jährige. «Es wirkte wie von seinem Anwalt diktiert.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Monica Gähwiler am 08.05.2015 03:23 Report Diesen Beitrag melden

    Wer bezahlt das Ganze eigentlich?

    Wie kommen solche Typen eigentlich immer ans Bundesgericht? Wer bezahlt das eigentlich? Der Steuerzahler! Und dafür wird man mit Kuscheljustiz bestraft. Statt mal unpopuläre, sprich, harte Urteile zu fällen. Kein Wunder dass das Vertrauen in die Justiz immer mehr schwindet!

  • Küsche am 07.05.2015 18:11 Report Diesen Beitrag melden

    Freizeitschläger

    Richter die solchen Freizetschlägern mit unverhältnismässigen, milden Urteilen entgegenkommen,haben keine Gefühle für die Opfer.Wer wehrlose Menschen attakiert und zusammenschlägt nimmt in kauf, dass er sein Opfer tödlich treffen kann und dafür gibt es keine Entschuldigung,denn es handelt sich nicht um eine Affekthandlung

  • Sandro am 07.05.2015 21:18 Report Diesen Beitrag melden

    Vorbild Deutschland

    es ist doch einfach nicht zu fassen.... genau solche attacken endeten in deutschland schon X mal tödlich. müssen wir hier wirklich auch darauf warten bis jemand zu tode geprügelt wird ? solche richter sollten evtl. bei anderen delikten urteilen, wenn es um einen nachbarschaftsstreit geht oder sonstige bagatellen. solch ein urteil lädt doch gerade dazu ein einfach los zuprügeln... schämt euch !

Die neusten Leser-Kommentare

  • Felix Heinzer am 08.05.2015 14:57 Report Diesen Beitrag melden

    Aktiv oder Passiv

    Für fast alles in diesem Lanf machen sich Leute stark und gehen für ihr Anliegen auf die Strasse demonstrieren. Ich frage mich warum in diesem Fall niemand die Initiative ergreift und die Leute auf die Strasse mobilisiert ? Was für ein Zeichen wenn am Samstag Tausende von Menschen auf die Strasse gehen würden um gegen dieses Urteil zu demonstrieren ! Ja ich weiss - ich gehöre auch zu den vielen passiven - aber warum sind wir alle in dieser Sache so passiv und beschränken uns aufs Kommentarschreiben ? Ich frage in die Runde und auch mich ?

  • Anlu von der Heide am 08.05.2015 13:46 Report Diesen Beitrag melden

    Schweizer Justiz?

    Gerechtigkeit für die Opfer gibt es nicht,nur sehr viel MILDE für die Schläger!Die Justiz ist für die Täter da,die Opfer bleiben auf der Strecke! Hoffe für uns alle ,wir werden nie,nie zum OPFER!

  • Walter R am 08.05.2015 12:47 Report Diesen Beitrag melden

    Kuscheljustiz.

    Dass in der Schweiz Kuscheljustiz herrscht ist schon lange bekannt. Dieses skandalöse, nicht nachvollziehbare Urteil ist nur eine weitere Bestätigung dafür. Ich frage mich nur, was uns dieses Gericht eigentlich beweisen will mit derartigen Urteilen, die nicht die Täter, sondern die Opfer bestrafen.

  • Johannes Holder am 08.05.2015 10:57 Report Diesen Beitrag melden

    Kinderschutz viel ernster nehmen!!!

    Was ein Kind während dem Aufwachsen durch die sog. Erziehung oftmals erleben und erleiden muss, schlägt unweigerlich auf die ganze Gesellschaft zurück! Kriminelle Taten jeglicher Art, ebenso wie Depressionen, Süchte oder Suizide, sind ein verschlüsselter Ausdruck von frühesten Erfahrungen! Vielleicht sickert diese Erkenntnis den Richtern langsam ins Bewusstsein? Der nächste Schritt wäre dann, endlich die eigentlichen Täter, nämlich die leider immer noch oft gewalttätigen, erziehenden Eltern, in die Pflicht zu nehmen und den Kinderschutz endlich wirklich ernst zu nehmen!

  • W. Spahni am 08.05.2015 10:42 Report Diesen Beitrag melden

    Da nützen auch Wahlen nichts mehr!

    Da hilft nur mal ein Knall, aber einer mit Erdbebencharakter! Alternativ eine Massendemo gegen die Misstände.