Callgirl-Prozess

28. September 2010 07:15; Akt: 28.09.2010 15:10 Print

«Die DNA-Spuren hat die Polizei manipuliert»

Der 43-jährige Schweizer Mike A. bestreitet vehement, mit der Tötung des Callgirls Ladarat Chitphong etwas zu tun zu haben. Doch die Beweise gegen ihn sind erdrückend. 20 Minuten Online berichtet laufend vom Prozess.

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An dieser Strassenkreuzung in Märstetten TG soll der Angeklagte Mike A. am 27. August, kurz nach Mitternacht, auf das Callgirl Ladarat Chitphong gewartet haben. (Bild: Annette Hirschberg)

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Der mehrfach vorbestrafte Mike A. streitet trotz klarer Beweise ab, mit der Tötung des Callgirls Ladarat Chitphong am 27. August 2008 etwas zu tun zu haben. «Ich war die ganze Nacht weg, zuerst im Pöstli in Märstetten und dann bin ich zu Fuss nach Weinfelden gegangen», sagt er gegenüber dem Gericht mit monotoner Stimme.

Mit starrem Blick murmelt er in seinen Bart

Sein Blick wirkt starr und emotionslos und er sitzt vorgeneigt in einer schwarzen Jacke am Tisch. Beim Reden murmelt er in seinen dicken Bart, der den grössten Teil seines käseweissen, vernarbten Gesichts verdeckt. Er sei erst am nächsten Morgen nach Hause gekommen, fährt er gegenüber dem Gericht mit seinen Erklärungen fort.

Das Handy mit dem er das Callgirl am Abend zuvor zu sich nach Hause bestellt hat, habe er an jenem Abend irgendwo verloren. Den Anruf habe er nie gemacht. Zu den in seiner Wohnung gefundenen DNA-Spuren sagt er: «Das sind für mich ominöse Spuren, ich habe die Frau nie getroffen.» Das ganze sei ein Betrug der Polizei und manipuliert, behauptet der Angeklagte.

Sein Vorbild, so gab der Schweizer am Morgen vor Gericht preis, ist ein Wrestler, der sich der Undertaker (der Bestatter) nennt. «Mir gefällt die Show, die der abliefert», erklärte er gegenüber dem Gerichtspräsidenten am Dienstagmorgen. Ob der Undertaker auch bei seinen Vergehen ein Vorbild war, ist schwer zu sagen, da er keine Angaben zur Tötung von Ladarat Chitphong macht.

Sein angebliches Alibi, das er am Nachmittag dem Gericht vorlegte, hält aber der Überprüfung nicht stand. Vielmehr sind die Beweise gegen ihn erdrückend, wie Staatsanwältin Deborah Schalch bereits am Morgen in ihrem Plädoyer aufzeigte.

Blutspuren und Haarproben

«Auf dem Sofa wurde ein Haar des Opfers gefunden, im Lavabo und in der Dusche Blutspuren», so Schalcher. Spuren von weggewischtem Blut gab es zudem im Flur der Wohnung und im Treppenhaus der Liegenschaft. Weitere DNA-Spuren wurden auf dem Vorplatz vor dem Mehrfamilienhaus und auf dem Tank des Mofas des Angeklagten sichergestellt.

Alles gewaschen und gesäubert

Staatsanwältin Schalch geht in diesem Indizienprozess davon aus, dass Mike A. versucht hat, alle Spuren zu beseitigen. Das Messer, das als Tatwaffe in Frage kommt und von einem Bewohner des Hauses früh morgens auf dem Vorplatz gesehen wurde, fanden die Kriminalbeamten gewaschen in der Spülmaschine. Eine Waschmaschine voller Tücher, Lappen und seiner Unterwäsche lief ebenfalls noch in der Nacht, wie Zeugenaussagen offenbar belegen.

Auch Mike selbst hat am Morgen geduscht. Dennoch konnte die Polizei unter seinen Fingernägeln und an seinem Penis DNA-Spuren des Opfers feststellen. In der Befragung soll Mike A. dazu laut Staatsanwältin Schalch gesagt haben: «Ich weiss nicht, wie die da hinkommen, ich habe ja geduscht.» Doch nicht nur bei Mike A. konnten DNA-Spuren gefunden werden. Auch beim Opfer gab es DNA-Spuren unter den Fingernägeln.

Nicht einfach ist aufgrund der erdrückenden Beweise die Rolle des Verteidigers von Mike A. «Die DNA-Spuren sprechen für die Täterschaft meines Mandanten», sagt Humbert Entress. Dennoch sei Mike A. überzeugt, die Tat nicht begangen zu haben. «Ob dies nun erfolgreiche Verdrängung oder einfach nur eine Lüge ist, überlasse ich dem Gericht», sagte er am Morgen scheinbar resigniert.

War Tat von Anfang an geplant?

Der Tatverlauf soll sich laut Staatsanwaltschaft so zugetragen haben: Am 27. August 2008 bestellte der arbeitslose Lagerist Mike A. die ihm bereits bekannte Zürcher Prostituierte Ladarat Chitphong zu sich in seine Wohnung nach Märstetten TG, heisst es in der Anklageschrift. Bleiben sollte die zierliche Thailänderin gleich die ganze Nacht – obwohl Mike A. gar nicht über die dafür nötigen 2200 Franken verfügte. Ob er schon von Anfang an geplant hatte, die Frau umzubringen? Seinen wahren Namen gab Mike A. jedenfalls am Telefon nicht an.

Was in Mikes Wohnung genau geschah, ist unklar. Es kam aber zum sexuellen Akt. Während diesem oder danach stach Mike gemäss Gutachten Ladarat zweimal in die Brust und traf dabei Herz und Lunge. Die 30-Jährige verstarb kurze Zeit später. Kaltblütig soll Mike A. die Leiche der 157 Zentimeter grossen Frau in einen Koffer gepackt, auf sein Töffli gehievt und im Wald eine Böschung hinuntergeworfen haben.

Zwanzig Jahre Haft und Verwahrung

Nun muss sich Mike A. für die mutmassliche Tat vor dem Bezirksgericht Weinfelden verantworten. Die Thurgauer Staatsanwältin Deborah Schalch fordert zwanzig Jahre Haft und Verwahrung.

Die Verhandlung ist für heute beendet. Morgen Mittwoch kommen die Gerichtspsychiater zu Wort, die über Mike A.s saddistische Neigungen reden werden. 20 Minuten berichtet auch am Mittwoch laufend vom Prozess.

(ann)