Oberstufe St. Gallen

07. Juli 2019 14:37; Akt: 07.07.2019 16:19 Print

«Entsetzliche Angst war alles, was ich fühlte»

Schüler einer St. Galler Sekundarstufe bekamen von ihrer Lehrerin umstrittene Arbeitsblätter zum Thema Abtreibung. Diese schocken mit drastischen Schilderungen.

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«Das Baby wird lebend zerschnitten und stückweise aus der Gebärmutter entfernt. Es sind Fälle bekannt, wo sich das Kind so weit als möglich von der Gebärmutteröffnung entfernt hat, bevor es brutal von einer Zange zerdrückt und zerschnitten wird.» Dies steht gemäss dem «St. Galler Tagblatt» auf einem Arbeitsblatt, das Schülern der 3. Sekundarstufe an der Oberschule Blumenau in St. Gallen verteilt wurde. Die Klasse behandelte gerade das Thema Fortpflanzung. Die beiden Arbeitsblätter mit Themen-Schwerpunkt Abtreibung, die die Lehrerin verteilte, «lässt auch hartgesottenen, erwachsenen Lesern den Atem stocken», wie das «Tagblatt» schreibt.

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Von Ausschaben, über Absaugen, bis hin zu Verätzen: Kein schauriges Detail blieb den Teenagern erspart. Auch wird die Abtreibung mit dem Holocaust verglichen. So heisst es etwa: «Weltweit werden jährlich 45 Millionen Kinder abgetrieben. Zum Vergleich: Das Naziregime forderte 55 Millionen.»

Pro-Life-Bewegung als Urheberin

Auf der zweiten DIN A4-Seite wird an das Gewissen der Schüler appelliert: In einem aus christlicher Warte verfassten Brief, erzählt ein fiktiver Fötus, wie er abgetrieben wurde. «Entsetzliche Angst war alles, was ich fühlte. Ich schrie und schrie bis ich nicht mehr konnte. Dann riss das Monster mir den Arm aus. Es tat so weh, ein unbeschreiblicher Schmerz», sind nur einige der Zeilen. Der Brief kursiert bereits seit rund zehn Jahren im Internet.

Tonalität und Inhalt der Arbeitsblätter weisen auf die christlich-konservative «Pro-Life-Bewegung» als Quelle hin. Wie die Blätter in den Unterricht gelangen konnten, bleibt dem «Tagblatt» zufolge unklar. Mehrere Eltern sollen daraufhin das Gespräch mit der Biologielehrerin gesucht haben. Dort habe man ihnen mitgeteilt, dass ein Team das Material Jahr für Jahr aufs Neue zusammenstelle.

Behörde geht dem Fall nach

«Es ist in der Tat nicht vorstellbar, dass die von Ihnen geschilderte Art von Sexualkundeunterricht an einer öffentlichen Schule im Jahr 2019 gewünscht oder gar mit dem Lehrplan vereinbar sein kann», sagte Marlis Angehrn, Leiterin der städtischen Dienstelle Musik und Schule, als sie vom «Tagblatt» auf die Vorgänge angesprochen wird. Kurios sei vor allem, dass der moralische Aspekt des Themas in einem Naturwissenschaftlichem Fach abgehandelt worden sei. Laut Lehrplan 21 müssten die Schüler nämlich nur über ein altersgerechtes Grundwissen der menschliche Fortpflanzung verfügen. Die Behörde werde dem Fall nun nachgehen.

Der Schulleiter der Oberschule Blumenau war am Wochenende für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

(juu)