St. Gallen

28. August 2019 16:45; Akt: 28.08.2019 16:58 Print

«Es war eine Art perverse Liebesbeziehung»

Ein 78-jähriger Priester soll jahrelang einen Buben missbraucht haben. Sein Anwalt spricht von einer Liebesbeziehung. Der Priester ist freigestellt.

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Der St. Galler Bischof Markus Büchel ist sehr betroffen. Er sagt: «Der Schmerz bei mir ist sehr gross.» Er musste einen seiner Priester des Amtes entheben. Der beschuldigte Priester arbeitete bis im April noch in der Region Goldach SG. Nun wurde ihm vom Bistum St. Gallen jede seelsorgerische Tätigkeit per sofort untersagt, heisst es am Mittwoch in einer Mitteilung. Der Priester soll über neun Jahre einen Buben missbraucht haben. Bei der ersten Tat 1987 war der Bub 13-jährig.

Wie Max Imfeld, der Anwalt des Priesters, sagt, hatten die beiden bis vor wenigen Monaten noch Kontakt miteinander. Er erklärt: «Damals baute mein Mandant mit dem Jungen eine Art perverse Liebesbeziehung auf. Der Kontakt riss übrigens erst vor einigen Monaten ab.» Während all dieser Jahre habe der inzwischen pensionierte Priester den heute 46-jährigen Mann auch finanziell unterstützt. Der Anwalt glaubt, es sei eine Art Wiedergutmachung. «Mein Mandant hat den Jungen damals verführt. Was er gemacht hat ist furchtbar. Er hat seine Position als Priester ausgenutzt», sagt er. Gleichzeitig habe der Priester aber auch viel Gutes getan. Das dürfe nun nach dem Bekanntwerden des Missbrauchfalls nicht vergessen werden.

Erleichtert und reumütig

Der Priester hat die Taten zugegeben und sich schon vor Jahren beim Opfer entschuldigt. Er bereut, was damals passiert ist, sagt sein Anwalt. Gleichzeitig sei er aber auch erleichtert, dass die Übergriffe nun bekannt sind. Es sei nicht einfach gewesen für den 78-Jährigen, so Imfeld weiter. Ständig habe er damit rechnen müssen, dass der sexuelle Missbrauch ans Licht kommt. Denn in den letzten Jahren wurden weltweit vermehrt Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche bekannt.

Bistum greift durch

Das zuständige Bistum St. Gallen hat erst vor vier Monaten vom Opfer selbst von den sexuelle Handlungen erfahren. Als Sofortmassnahme wurde der Priester freigestellt. Zudem hat das Bistum bei der Staatsanwaltschaft und auch in Rom Anzeige erstattet. In Rom wird ein kirchenrechtliches Verfahren eröffnet. Der Kanzler des Bistums, Claudius Luterbacher, sagt: «Obwohl die Tat nach unseren Kenntnissen verjährt ist, haben wir Anzeige erstattet. Es ist nicht an uns, dies zu entscheiden.» Der Anwalt des Priesters hält fest: «Die Vorfälle sind strafrechtlich seit über 20 Jahren verjährt und auch nach Kirchenrecht ist die Verjährung vor vielen Jahren eingetreten.»

Bischof Markus Büchel war überrascht, als die Missbrauchsfälle in seinem Bistum gemeldet wurden. Es habe keine Anzeichen dafür gegeben. Er fordert Offenheit in seinem Bistum: «Opfer sollen sich melden. Wir wollen nichts verschweigen.» Gerade in den letzten Jahren sei immer mehr gegen sexuellen Missbrauch unternommen worden. Seit 2002 gibt es in St. Gallen auch ein Fachgremium. Doch auch dieses ist im aktuellen Fall machtlos: Verjährt ist verjährt.

(mig)