Callgirl-Prozess

07. Oktober 2010 12:17; Akt: 07.10.2010 16:32 Print

«Es braucht nicht noch mehr Opfer»

von Sascha Schmid, Weinfelden - Der 43-jährige Mike A. wird als erster Straftäter bis an sein Lebensende hinter Gitter verbannt. Anita Chabaan, die Mutter der Verwahrungsinitiative, ist erfreut.

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Regungslos sitzt Mike A. im Stadtratssaal von Weinfelden, während der Gerichtspräsident erklärt, dass er als erster Straftäter in der Geschichte der Schweiz lebenslänglich verwahrt wird. «Um die Öffentlichkeit vor dem Straftäter zu schützen», so Gerichtspräsident Pascal Schmid.

Bevor der heute 43-Jährige Ende August 2008 das Callgirl Ladarat Chitphong (30) umbrachte, sei er schon zweimal wegen schwerer Vergewaltigung verurteilt worden. Beide Male sei er frühzeitig entlassen und wieder straffällig geworden. «Es braucht nicht noch mehr Opfer», so Schmid weiter. Mit dem Urteil will das Richtergremium, das den Entscheid einstimmig fällte, auch den Volkswillen respektieren. «Wir hatten keine andere Wahl, als die lebenslängliche Verwahrung.»

«Ich glaubte gar nicht mehr daran»

Anita Chabaan, die Mutter der Verwahrungsinitiative, zeigte sich gegenüber 20 Minuten Online sehr erfreut über das Urteil. «Endlich hatte ein Richter den Mut, die lebenslängliche Verwahrung auszusprechen.» Seit der Annahme Verwahrungsinitiative habe man immer wieder versucht sich vor dem Volkswillen zu drücken. «Ich glaubte gar nicht mehr daran, dass dieses Gesetz je angewendet wird.»

Wieso diese Urteil gefällt wurde, zeigten letzte Woche die Gutachter auf. Wie die Verwahrungsinitiative verlangt, war Mike A. von zwei Gerichtspsychiatern beurteilt worden. Beide hatten dem Sexualverbrecher eine schlechte Prognose gestellt: Mike A. sei hochgradig rückfallgefährdet, lautete ihr Urteil. Laut Gutachter Christian Benz verspürt der 43-Jährige sexuelle Lust am Leiden anderer. Er sei ein chronischer Vergewaltiger und ein «sexueller Sadist».

Auf der Fotres-Prognose-Skala erreiche Mike den Höchstwert von vier Punkten bezüglich Rückfallgefahr. «Das ist sehr selten», sagte Christian Benz an der Verhandlung.

Rückfallgefahr und Therapierbarkeit entscheidend

Der zweite Gutachter Thomas Knecht machte in seiner Analyse auch einen Ausflug in die Kindheit des Straftäters. Schon damals hatte Mike A. Tiere gequält, neigte zum Lügen und liebte es mit Blut zu spielen. Darum kam auch Knecht zum fast gleichen Schluss wie Christian Benz. «Mike A. verspürt Lust am Töten und wird darum eine ähnliche Tat wieder begehen», sagte er während dem Gerichtsprozess. Sein Urteil: Die Rückfallgefahr bei Mike A. sei sehr hoch.

Hinzu kommt, dass Mike von beiden Gutachtern wegen seiner schweren dissozialen Persönlichkeitsstörung als dauerhaft nicht therapierbar eingestuft wird. Diese beiden Faktoren – die mangelnde Therapierbarkeit und die Rückfallgefahr - sind entscheidend für die Verwahrung.

Kleine und grosse Verwahrung

Nach der Verwahrungsinitiative gibt es seit August 2008 die «kleine» und die «grosse» Verwahrung. Bei der kleinen Verwahrung wird regelmässig überprüft, ob der Täter weiterhin verwahrt bleiben soll. Bei der grossen Verwahrung spricht das Gericht beim Urteil eine lebenslängliche Verwahrung aus. Eine Überprüfung findet nicht mehr statt. Der Täter bleibt sein Leben lang in Haft, auch wenn er im Gefängnis 90 oder gar 100 Jahre alt wird.

Mike A. ist der erste Täter, der lebenslänglich verwahrt wird. Dieselbe Strafe hätte dieses Jahr auch dem 51-jährigen Roland K. gedroht. Der verwahrte Sexualstraftäter hatte im Januar 2008 einen 25-jährigen Mithäftling in der Strafanstalt Pöschwies umgebracht. Diesen April wurde ihm deshalb der Prozess gemacht. Weil er seine Tat aber vor dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes (August 2008) beging, konnte keine lebenslängliche Verwahrung ausgesprochen werden.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jeromy am 07.10.2010 18:15 Report Diesen Beitrag melden

    Eingesperrt ohne Rückkehr

    Ja... zum Glück sind wir unfehlbar, sonst könnte es ja passieren, dass mal einer zu Unrecht lebenslang verwahrt wird... ! Also keine Angst: Unsere Richter entscheiden immer 100% korrekt, Justizirrtümer sind nie vorgekommen.

  • Tom am 07.10.2010 16:55 Report Diesen Beitrag melden

    Verwahrung

    Bevor der Autor Angaben über die Verwahrung gibt, sollte er selber mal ins StGB und die BV schauen!

  • Erich Angst am 07.10.2010 17:25 Report Diesen Beitrag melden

    Persönlichkeitsschutz?

    Als Bewohner des MFH hätte ich sicher Freude, dass mein Haus nochmals in der Zeitung abgelichtet wird. Auch der Witwer ist sicher froh, endlich in der Zeitung zu erscheinen. Der Polizist sieht sich auch liebend gerne in der Zeitung. Aber ohalätz: Für den Mörder gilt dann aber der Persönlichkeitsschutz, sein Gesicht ist retouchiert.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • kayla am 08.10.2010 13:08 Report Diesen Beitrag melden

    paradox

    wenn man keine härteren strafen einführen würde, würden diese geistesgestörten menschen letztendlich trotzdem unter uns verweilen... zu unserem wohl ist es ja dann doch besser, wenn härtere massnahmen getroffen werden... ob es dann abschreckend auf andere wirkt, weiss niemand...

  • Bürger am 08.10.2010 12:49 Report Diesen Beitrag melden

    Verwahrung

    Wieso wird das Gesicht des Verbrechers immer verpixelt? Wir Bürger haben ein Grundrecht darauf den Täter zusehen und auch die vollständige Adresse gehört dazu. Das muss bei allen Verbrechern zum Standart gehören, dass die Fotos inklusive Adresse klar und kenntlich veröffentlicht werden. Alles andere ist falschverstandener Täterschutz und hat mit Datenschutz nichts zu tun.

  • M.C. am 07.10.2010 21:15 Report Diesen Beitrag melden

    Wer weiss wie lange er wohl...

    da drin bleibt. Ich habe erst vorletzte Woche mit absolutem Unverständnis im TV gesehen, wie in Baden Wüttemberg einige Straftäter nach verbüssten Strafe aus der Sicherungsverwahrung befreit wurden, weil das nach EU Recht (Brüssel natürlich) gegen das Menschenrecht verstösst. Diese Menschen sind jetzt wieder freie Bürger nur stehen sie halt unter ständiger Observierung. (Benötigter Personalaufwand pro Straftäter: 5- 7 Polizisten) Mal schauen wie lange es dauert bis Brüssel sich meldet.

    • Martina M. am 08.10.2010 11:21 Report Diesen Beitrag melden

      Der Europäische Gerichtshof befindet sic

      Das Urteil des Europäischen Gerichtshofes beeinflusst die Haftdauer von vor 1998 verurteilten Sicherungsverwahrten. Bis 1997 war die Höchstdauer von Sicherungsverwahrung auf 10 Jahre begrenzt, dennoch blieben Verurteilte darüber hinaus weiter in Sicherungsverwahrung...leider nicht zu Recht. Daher sind Sicherungsverwahrte mit Urteilsspruch ab 1998 nicht von dem Urteil betroffen, sie haben dass Recht lebenslang einzusitzen, wenn deren Straftat / Rückfallgefahr es rechtfertigte. Ein Gesetz muss in Kraft treten, dass auch vor 1997 Verurteilten schützt - geschlossene Unterbringung hilft dabei.

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  • Tom am 07.10.2010 21:10 Report Diesen Beitrag melden

    in jedem anderen Land

    wäre er spätestens nach zwei Vergewaltigungen verwahrt worden. Nur in der Schweiz glaubt man immer noch an das Gute im Menschen, versucht alles auf psychologischer Ebene zu entschuldigen und möchte Täter thearpieren bzw. resozialisieren. Opfer dagegen werden von Politik und Staat mutterseelenallein gelassen. Die Initiative um die Todesstarfe war ganz kler ein Hilferuf verzweifelter Opfer, und niemand hat das kapiert! Es wird Zeit, dass härtere Strafen ausgesprochen werden und die Opfer wieder im Vordergrund stehen. Schluss mit dieser Kuscheljustiz!!!

  • Dr. Hans Meier am 07.10.2010 20:20 Report Diesen Beitrag melden

    Schwachstelle Kuscheljustiz

    Wenn unsere Richter endlich mal richtig Rechtsprechen würden, auch gegenüber Raser und vorallem schneller. Es ist heute immer wieder möglich (wenn keine Fluchtgefahr besteht), dass der Täter 4 Jahre lang bis zum Prozess Frei herumläuft !!! Eine Absurde Situation! Unsere Justiz ist ein Lacher, nein es ist zum weinen!