Forensikerin spricht

24. Juli 2014 16:23; Akt: 27.07.2014 09:02 Print

«Hochstapler leisten oft Bemerkenswertes»

Der Heiratsschwindler Reiner H. hat ein halbes Dutzend Frauen verführt und abgezockt. Eine Forensikerin erklärt, was in solchen Hochstaplern und Betrügern vorgeht.

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Der Heiratsschwindler Reiner H. liess jegliches Mitgefühl vermissen. (Bild: Colourbox.de)

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Am Mittwoch hat die Thurgauer Polizei den international gesuchten Heiratsschwindler Reiner H*. dingfest gemacht. Nicht weniger als sechs Frauen soll der Hochstapler um ihre Ersparnisse gebracht haben. Die Deliktsumme beträgt rund eine halbe Million Franken.

Seine Opfer verführte H. mit galantem und vor allem protzigem Auftreten: Er imponierte ihnen mit Luxuskarossen und grosszügigen Geschenken. Nachdem er das Vertrauen der Frauen erschlichen hatte, gab er vor, deren Geld anzulegen und fingierte mit gefälschten Kontoauszügen Gewinne. Wurden die Frauen misstrauisch, machte sich der 56-Jährige davon.

Bemerkenswerte Leistung

Dass H. wegen seines Treibens schlaflose Nächte hatte, glaubt Anna Gerig kaum. Die Forensikerin der Kantonalen Psychiatrischen Dienste in Wil erklärt: «Gerade Heiratsschwindlern fehlt oft jegliches Mitgefühl.» Betrüger wie H. seien oft intelligent und verfügten über ein grosses Mass an krimineller Energie. So auch H., der seine Hochstapelei mit enormem Aufwand betrieb: Zeitweise soll er zwei Beziehungen parallel unterhalten haben. Gerig dazu: «Es ist bemerkenswert, was Heiratsschwindler leisten können.» Nervosität, Spannungen oder Angst seien den meisten Betrügern fremd.

Sind sich selbst die Nächsten

H. sei vermutlich eher am Geld denn am Kick interessiert gewesen. «Betrüger leben in einer Scheinwelt, meist bereits als junge Erwachsene. Sie stehen sich selbst am nächsten und wollen häufig Luxus um jeden Preis», sagt die Forensikerin.

Andererseits seien da aber die positiv wirkenden Eigenschaften wie Charme, intuitives Gespür für die Verführbarkeit anderer, Redegewandtheit und Überzeugungskraft. Die Frauen, die auf H. hereinfielen, seien nicht zwingend dumm oder naiv, sagt Gerig. Denn Hochstapler verstünden es nun einmal, die Gefühle und Wünsche ihres Gegenübers auszunutzen – nicht nur Heiratsschwindler. Der Wunsch nach Partnerschaft dürfte bei den betroffenen Frauen eine Rolle gespielt haben. Gerig hält fest: «Auch erfahrene Geschäftsleute fallen auf Hochstapler rein.»

*Name der Redaktion bekannt

(tso)