Ex-Frau von Thurgauer Sadist

15. Dezember 2010 09:41; Akt: 15.12.2010 10:55 Print

«Ich habe Mike A. wirklich geliebt»

Der 43-jährige Mike A. quälte, vergewaltigte und tötete Frauen. Nur einer hat der Sadist aus dem Thurgau nie etwas angetan: seiner Ex-Frau. «Bei mir war er ganz anders», sagt sie.

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Regungslos sass Mike A. im Stadtratssaal von Weinfelden TG am 7. Oktober 2010 und hörte dem Präsidenten des Bezirksgerichts zu, als dieser zum ersten Mal in der Geschichte der Schweiz einen Straftäter lebenslänglich verwahrte. Der 43-Jährige wurde wegen vorsätzlicher Tötung eines Callgirls und weiteren Delikten zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren und anschliessender Verwahrung verurteilt. «Um die Öffentlichkeit vor dem Straftäter zu schützen», so Gerichtspräsident Pascal Schmid. Mike A. hat nachweislich Frauen gequält, vergewaltigt und getötet. Der forensische Psychiater Christian Benz erklärt, dass Mike A. «sexuelle Lust am Leiden anderer verspürt». Seine Akte liest sich wie ein Horror-Thriller, nur eine Ausnahme gab es offenbar in seiner Geschichte: die Zeit mit seiner Ex-Frau.

«Bei mir war Mike ganz anders als bei den anderen Frauen», sagt die 42-Jährige im Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Er habe sie in den fünf Jahren Ehe weder geschlagen noch beim Sex brutal behandelt. Wieso, kann sich die dreifache Mutter nicht erklären. «Ich habe manchmal das Gefühl, dass Mike zwei Persönlichkeiten hat.» Vielleicht lag es auch am Alkohol, wie sie sagt. «Als wir zusammenlebten, schaute ich immer sehr genau darauf, dass er nicht zu viel trinkt.» Kennen und lieben gelernt haben sich die beiden Thurgauer 1996 in Mikes Stammkneipe. Der 43-Jährige arbeitete dort als DJ und ihr Eindruck war «sehr positiv». Etwas Ernstes entwickelte sich aber erst, als Mike zwei Jahre später ins Gefängnis musste und der 42-Jährigen seine Möbel hinterliess.

Liebesgeschichte begann mit Knastaufenthalt

Zuerst war ihr nicht klar wieso, doch es war ihr offenbar auch egal. «Ich nahm mit Michael im Gefängnis Frauenfeld Kontakt auf und meldete mich für einen Besuch an.» Es blieb nicht bei dem einen: In der Folge schrieb sie ihm und besuchte ihn regelmässig. «So hat sich unsere Liebesgeschichte entwickelt und vertieft.» Im September 2001 heiratete das Paar, als Mike in den offenen Vollzug kam. «Im Januar 2002 kam unser Sohn auf die Welt, ein Wunschkind.» Der 42-Jährigen war zu diesem Zeitpunkt nicht klar, dass Mike bereits vorher verurteilt gewesen ist (1992/93, siehe Box). Über die zweite Verurteilung wusste sie Bescheid, hielt ihn nach Akteneinsicht aber für unschuldig, wie sie im «Tagi» sagt. «Wir haben über die Vergangenheit nie gross diskutiert. Er wollte nicht darüber sprechen.» Nach der neuerlichen Verurteilung weiss sie allerdings nicht mehr, was sie glauben soll.

«Er spielte mir Lieder und schenkte mir Rosen»

Angezogen hat die 42-Jährige die Ausstrahlung von Mike A. «Beispielsweise hat er für mich ein Lied gespielt, das mir gefiel, oder er hat mir auf den Knien eine Rose geschenkt. Das hat mich stark beeindruckt.» Mike habe sie auch in die Arme genommen und gesagt, dass er sie möge. «Ich habe Wärme und Geborgenheit gespürt.» Zu den Kindern war er eher kühl, ausser zu seinem leiblichen Sohn. «Er ist nie recht ’z Gang’ gekommen.» Gegen Ende der Ehe stritt er sich oft mit den Kindern und rastete aus. Die Beziehung begann zu bröckeln, als Mike wieder anfing vermehrt zu trinken und seine Ex-Freundin traf. Einmal habe er ihren ältesten Sohn dann so fest gepackt, dass er blaue Flecken bekommen habe. «Da war mir klar, dass Mike gehen muss», so die 42-Jährige. Inzwischen habe nicht nur sie sich von ihm immer weiter entfernt, sondern auch die Familie: Seine Mutter spreche seit der Verurteilung nicht mehr mit ihm und auch sein Sohn, wolle im Moment noch keinen Kontakt. Dennoch bereut die Ex-Frau die Beziehung nicht: «Ich habe ihn wirklich geliebt.»

(amc)