Thurgau

10. Juli 2019 16:40; Akt: 10.07.2019 16:40 Print

«Ich hatte nie Sex gegen den Willen einer Frau»

Ein 31-Jähriger, der vier Ex-Partnerinnen schwer misshandelt haben soll, war vom Thurgauer Obergericht bereits verurteilt worden. Nun wurde der Prozess wiederholt.

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Die Exfrau hatte den Beschuldigten wenige Monate nach der Heirat angezeigt, weil er sie geschlagen, gewürgt und mit dem Tod bedroht haben soll. Zudem habe er sie gezwungen, 250'000 Franken vom Bankkonto ihrer Kinder aus einer früheren Beziehung abzuheben.

Während der Strafuntersuchung kam heraus, dass der Schweizer auch gegenüber drei Ex-Partnerinnen massive physische, psychische und sexuelle Gewalt ausgeübt haben soll. Die Opfer sprachen von einem eigentlichen Terrorregime des Mannes, der von einem Moment zum anderen vom liebenswürdigen Liebhaber zum kaltblütigen Sadisten werden konnte. Ein falsches Wort oder ein schräger Blick hätten genügt und er sei ausgerastet.

Das Thurgauer Obergericht hatte den Mann wegen mehrfacher Körperverletzung, Drohung, Vergewaltigung, Schändung, Gefährdung des Lebens, Erpressung und weiterer Delikte schuldig gesprochen. Die Freiheitsstrafe von acht Jahren wurde zugunsten einer stationären Massnahme aufgeschoben. Der Mann sitzt seit seiner Verhaftung in Sicherheitshaft und erhält eine stationäre Psychotherapie.

Mangelhafte Prozessführung

Das Bundesgericht hob das Urteil mangels Beweisen auf. Das Thurgauer Obergericht habe den Beschuldigten nicht befragt und ihm so die Gelegenheit verweigert, sich gegen die schweren Vorwürfe zu wehren. Zudem seien die Opfer nicht gerichtlich einvernommen worden, rügte das höchste Schweizer Gericht.

Auch der Verteidiger fand deutliche Worte: Das Thurgauer Obergericht in alter Besetzung habe seine Pflicht zur Wahrheitsfindung auf krasse Weise verletzt. Statt den Beschuldigten anzuhören hätten die Richter totales Desinteresse an den Tag gelegt und den 31-Jährigen aufgrund blosser Indizien vorverurteilt.

Partnerinnen manipuliert

Das Gericht, dessen Präsident inzwischen pensioniert ist, wiederholte den Prozess am Dienstag und Mittwoch in neuer Besetzung und wegen des Opferschutzes unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Bei der Befragung sagten die Ex-Freundinnen, die Zeit mit dem Beschuldigten sei die schlimmste ihres Lebens gewesen. Er habe sie kontrolliert und von Familie und Freunden isoliert – etwa indem er ihnen das Handy wegnahm. Wenn eine Partnerin ihn verlassen wollte, habe er ihr gedroht, sie auf grausame Art umzubringen.

Laut dem psychiatrischen Gutachten hat der Beschuldigte eine narzisstische und dissoziale Persönlichkeit und verfügt über «machiavellische» Intelligenz. Damit habe er seine Partnerinnen manipuliert, sodass diese trotz Todesangst bei ihm blieben oder gar zu ihm zurückkehrten.

Opfer schwer traumatisiert

Der Staatsanwalt und die Opfervertreter stellten dieselben Anträge, welchen das Obergericht in dem inzwischen kassierten Urteil vom November 2017 gefolgt war. Die schwer traumatisierten Opfer hätten vor Gericht eindrücklich geschildert, was ihnen widerfahren sei. Ihre detaillierten und mit früheren Aussagen übereinstimmenden Angaben reichten als Beweise.

Selbst wenn der Beschuldigte nur wegen der eingestandenen Taten verurteilt werde, müsse eine stationäre Psychotherapie angeordnet werden, verlangte der Staatsanwalt.

Als Monster vorverurteilt

Der Beschuldigte gab zu, dass ihm gelegentlich die Hand ausrutschte. Er habe sich wie eine Cola-Flasche gefühlt, die vor dem Öffnen geschüttelt worden sei. «Er ist immer wieder ausgerastet und hat sich gegenüber seinen Ex-Partnerinnen auf unakzeptable Weise verhalten», sagte sein Verteidiger vor Gericht. Der stark tätowierte Heavy-Metal-Fan sei aber nicht das Monster, als welches er von den Ex-Partnerinnen, der Staatsanwaltschaft und den Richtern an den Pranger gestellt werde. Die drogensüchtige Frau habe ihren Ex-Mann angeschwärzt und die anderen Frauen zu Falschaussagen angestiftet.

Verschwörungstheorie

Die Mutter habe das Vermögen ihrer Kinder selber verprasst und wolle ihrem Ex-Mann die Schuld dafür in die Schuhe schieben. Die vier Frauen hätten sich gegen ihn verschworen. Es gebe keine Beweise für die angeblichen Gewaltexzesse. «Ich hatte nie Sex gegen den Willen einer Frau», sagte der Beschuldigte beim Schlusswort.

Wegen mehrfacher einfacher Körperverletzung und mehrfacher Tätlichkeit solle er mit einer Freiheitsstrafe von maximal 24 Monaten bestraft werden. Zudem solle das Gericht eine ambulante Psychotherapie anordnen, forderte der Verteidiger.

Das Urteil wird schriftlich eröffnet.

(sda)