St. Gallen

03. Juli 2018 15:04; Akt: 03.07.2018 15:11 Print

«Ich wollte ihn nicht töten, das ist doch Familie»

Angeblich wollte er seinen Cousin nur zur Rede stellen, weil er glaubte, dieser hätte ein Verhältnis mit seiner Frau. Doch dann erschoss er ihn. Am Montag musste der 61-Jährige vor Gericht.

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«Ich wollte nur mit meinem Cousin sprechen», so der Beschuldigte B.R.* am Dienstag vor dem Kreisgericht St. Gallen. Ihm wird vergeworfen, am 12. Mai 2016 seinen Cousin Haki S.* (42) in St. Gallen erschossen zu haben. Die Verhandlung fand im Saal des Kantonsgerichtes statt. Alle Zuschauer mussten durch einen Metalldetektor. Der Beschuldigte wurde mit Fussfesseln in den Saal geführt. Ein Dolmetscher musste übersetzen.

Er sei am Tag der Tat extra früh aufgebrochen, damit sonst niemand in der Nähe sei und er in Ruhe mit seinem Cousin reden könnte, gab der Mann an. Zuvor habe er es mehrmals vergeblich telefonisch versucht. Die Waffe habe er aus Angst mitgenommen, dass die Situation eskaliere.

Tat auf Video

Die Bluttat wurde von der Überwachungskamera eines Lokals aufgenommen. Das Video zeigt, wie R. die Waffe mit ausgestrecktem Arm hält und von hinten auf S. zugeht. Er drückt ab, doch es löste sich kein Schuss. Er lädt erneut durch und schiesst. Daraufhin sackt das Opfer zu Boden.

Der Beschuldigte kennt das Video, dennoch hält er an seiner eigenen Version fest. Er habe ihn nicht von hinten erschiessen wollen, sondern nur gerufen und gesagt, er wolle reden. Dann habe S. nach einem Stuhl gegriffen. «Ich bekam Angst, er könnte mich angreifen und so wollte ich ihn mit der Waffe einschüchtern und habe spontan abgedrückt.» Dann sei er geflüchtet. Er habe S. nicht töten wollen – das sei doch Familie. Sein Vater und die Mutter von Haki S. seien Bruder und Schwester. Es sei Notwehr gewesen. Auf dem Video ist von einem Stuhl allerdings nichts zu sehen.

Auch zum angeblichen sexuellen Verhältnis zwischen seiner verstorbenen Frau und S. wurde er befragt. Dies hatte er als Motiv für das Zur-Rede-Stellen angegeben. Doch weder Freunde noch Verwandte von S. glauben das. Auch die Kinder von R. gaben zu Protokoll, dass ihre Mutter «tausendprozentig» kein Verhältnis zu S. hatte. Die Mutter selbst kam 2015 im Kosovo bei einem mysteriösen Sturz vom Balkon ums Leben. Auf sie lief eine Lebensversicherung: Diese 50'000 Franken hob der Beschuldigte kurz nach der Tat ab und versteckte sie bei der Tochter.

«Hinterhältige Bluttat»

Die Staatsanwaltschaft beantragt wegen Mordes sowie mehrfachen Vergehens gegen das Waffengesetz eine Freiheitsstrafe von 18 Jahren und eine bedingte Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 30 Franken. Die Staatsanwältin spricht von einer «hinterhältigen und kaltblütigen» Tat. Eine regelrechte Hinrichtung sei es gewesen. Von Notwehr könne keine Rede sein, das zeige auch das Video klar. Es gebe auch keinen Zweifel an der Planmässigkeit der Tat.

Auch für die Vertretung des Privatklägers, des jüngeren Bruders von S., ist klar: «Skrupelloser und kaltblütiger kann man sich eine Tötung kaum vorstellen.» Für seinen Mandanten fordert er 15'000 Franken Genugtuung. Zudem bringt er als mögliches Motiv für die Tat Geld ins Spiel. Die Brüder von S. seien überzeugt, dass das Opfer dem Beschuldigten Geld anvertraut hatte. Dies hatten auch Bekannte gegenüber 20 Minuten bereits angegeben.

Laut dem Verteidiger von R. handelt es sich zwar um ein schweres Tötungsdelikt, dennoch sei nicht alles so klar, wie es scheine. Entscheidend sei, was seinen Mandanten dazu gebracht habe. Er habe gelaubt, S. habe ein Verhältnis mit seiner Frau gehabt. «Ein anderes Motiv gibt es nicht», so der Verteidiger. Er spricht sich deshalb gegen Mord aus. Sein Mandant habe nicht skrupellos oder gefühlskalt gehandelt, das Motiv sei nicht Habgier oder Mordlust gewesen: Er habe aus einem aufgestauten Affektzustand gehandelt. Damit sei es Totschlag oder eventuell vorsätzliche Tötung. Der Verteidiger beantragt deshalb eine Freiheitsstrafe nicht über zehn Jahre im Falle einer Verurteilung wegen Totschlags und nicht über zwölf für vorsätzliche Tötung. Für den Bruder von S. wird eine Genugtuung von 5000 Franken anerkannt, für die Mutter 10'000 Franken.

Keine Pläne für die Zukunft

Derzeit sitzt R. im vorzeitigen Strafvollzug. «Ein gutes Leben im Gefängnis gibt es nicht», sagt der 61-Jährige. Aber es sei eben so und das müsse er akzeptieren. Pläne für die Zukunft habe er keine. Er müsse nun erst seine Strafe verbüssen und wünsche sich, nach der Strafe sein Leben zusammen mit seinen vier Kindern in der Schweiz normal fortsetzen zu können.

«Ich habe nie in meinem Leben gedacht, dass so etwas je passiert», so R. in seinem Schlusswort. Er wolle sich auch von Herzen entschuldigen und sein Beileid aussprechen, vor allem bei der Mutter von S. und auch bei seinen Kindern. «Es ist einfach passiert. Es war nicht nötig, aber es ist passiert.» Es war das erste Mal, dass er sich für seine Tat entschuldigte.

Das Urteil wird in den nächsten Tagen schriftlich eröffnet.

* Namen der Redaktion bekannt

(taw)