Schwarzenbach SG

19. März 2020 17:52; Akt: 19.03.2020 17:52 Print

«Ich wollte nicht, dass meine Freundin so stirbt»

Bei einem Unfall nach einem mutmasslichen Rennen mit zwei Mercedes ist eine Autofahrerin (25) gestorben. Beide Frauen waren angetrunken. Die Überlebende stand am Donnerstag vor Gericht.

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Wegen eines mutmasslichen Raser-Rennens im März 2017 musste sich am Donnerstag eine heute 27-jährige Coiffeuse vor dem Kreisgericht Wil verantworten. Ihre Freundin kam in der fraglichen Nacht ums Leben, nachdem sie mit über 150 km/h in eine Mauer prallte (20 Minuten berichtete). Beide Frauen waren zum Zeitpunkt angetrunken. Wegen des Coronavirus wurde die Verhandlung im Lindensaal in Flawil statt am Kreisgericht durchgeführt.


Aufnahmen der Bergungsarbeiten von damals. (Video: Beat R. Kälin)

«Es geht mir nicht gut», sagt die Beschuldigte auf Frage des Richters nach ihrem Befinden. Sie versuche den Unfall zu verdrängen. Doch das gelinge schlecht. «Ich muss fast jeden Tag daran denken.» Sie sei in psychologischer Behandlung gewesen und habe auch einen Verkehrspsychologen aufgesucht. Auto sei sie seit dem Unfall nicht mehr gefahren.

Bei der Befragung durch den Richter gibt sich die Beschuldigte wortkarg. Sie wolle ihre verstorbene Freundin nicht belasten. Zudem habe sie keine Erinnerungen an die Minuten vor dem Unfall. Nur: «Als ich S.* neben mir fahren sah, da habe ich abgebremst.»

Airbagsteuergerät liefert Infos

Erinnern kann sie sich an die Untersuchungshaft und die Befragungen. «Die Staatsanwältin war giftig und gemein.» Diese Staatsanwältin ist allerdings nicht am Prozess beteiligt, sie hat ihre Arbeitsstelle mittlerweile gewechselt.

Für den Staatsanwalt, der den Fall übernommen hat, ist klar, dass ein Rennen stattgefunden hat. Er stützt sich auf Zeugenaussagen von Insassen eines Autos, das überholt wurde und auf Auswertungen aus der Untersuchung, die unter anderem aus dem Airbagsteuergerät der Unfallautos stammen.

Kein Rennen

Der Verteidiger stellte sich auf den Standpunkt, dass kein Rennen stattgefunden haben könne. «Die beiden Autos fuhren rund fünf Kilometer hintereinander her.» Als die Verstorbene überholte, habe seine Klientnin zudem abgebremst. Dies, «weil die Verstorbene wie verrückt gefahren ist». Als die Coiffeuse diese Fahrweise festgestellt habe, habe sie sich zurückgehalten. Bereits fünf Sekunden vor dem Unfall habe sie gebremst. «Das ist kein Rennen.»

Der Staatsanwalt sah das anders und verlangte eine Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren sowie eine bedingte Geldstrafe. «Diese Verkehrstote war unnötig.» Zudem seien durch die Fahrweise auch andere Personen unnötig in Gefahr gebracht worden.

Der Verteidiger forderte einen Freispruch beim Antrag der fahrlässigen Tötung. Für die Raserei und das Fahren in angetrunkenem Zustand schlug er eine Verurteilung zu 16 Monaten Freiheitsstrafe bedingt vor. Die Coiffeuse ist seit acht Monaten Mutter einer Tochter. «Diese wäre wohl unglücklich, wenn ihre Mutter ins Gefängnis muss.»

Freundin fehlt jeden Tag

Im Schlusswort sagt die Beschuldigte, dass ihr ihre Freundin jeden Tag fehle. «Ich wollte nicht, dass meine Freundin so ums Leben kommt.»

Das Gericht verurteilte die Coiffeuse zu 24 Monaten bedingter Freiheitsstrafe. Ebenfalls bedingt auf zwei Jahre wurde eine Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu 70 Franken ausgesprochen. Die 27-Jährige muss somit nicht ins Gefängnis. Sie muss aber neben der Busse (1500 Franken) viel Geld für die Untersuchungskosten in die Hand nehmen. Insgesamt belaufen sich diese auf über 65'000 Franken. Die Hälfte muss der Staat übernehmen,

Der Richter begründete das Urteil damit, dass ein Rennen nicht zwingend nachgewiesen werden konnte. Zudem sei die Verstorbene mit 1,7 Promille stark alkoholisiert gewesen und daher in der Fahrfähigkeit eingeschränkt. Auch von der fahrlässigen Tötung wurde die Frau freigesprochen. «Sie ist dafür nicht verantwortlich.» Es sei nicht vorhersehbar gewesen, dass Z. sterben werde.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

* Name der Redaktion bekannt

(jeb)