Behörden überrascht

18. August 2010 23:31; Akt: 18.08.2010 23:32 Print

’Ndrangheta-Clan ist im Thurgau aktiv

von Antonio Fumagalli - Dokumente der italienischen Polizei belegen: Die grösste italienische Mafia ist auch im Thurgau verankert.

storybild

Super-Pate Oppedisano: «Segen» für die Thurgauer ’Ndrangheta? (epa)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der über 2500 Seiten starke Bericht der italienischen Staatsanwaltschaft, der dem ARD-Politmagazin «Report München» zugespielt wurde, ist hochbrisant: In jahrelanger Kleinarbeit haben die italienischen Behörden mutmassliche Mitglieder der kalabresischen Mafia-Organisation ’Ndran­gheta überwacht und deren Telefonate abgehört – und dabei auch eindeutige Hinweise für die Existenz von Schweizer Ablegern des Clans gefunden.

In einem der aufgezeichneten Gespräche geht es um einen Territorialstreit zwischen dem ’Ndrangheta-Arm in der deutschen Nachbarschaft und dem Ableger in Frauenfeld. Ein Capo aus Singen sitzt seit Juli in Haft. In der Schweiz sind noch einige mutmassliche Mafiosi auf freiem Fuss: Am 18. August 2009 beobachteten die italienischen Fahnder einen Wagen mit Thurgauer Kennzeichen auf dem Grundstück des mittlerweile inhaftierten Super-Paten Domenico Oppedisano in Kalabrien. Darin sassen vier Männer, drei davon wohnen im Thurgau. Wie die Polizei beschreibt, zelebrierten die Männer in der Zitrusplantage des Paten einen «esoterischen Ritus» – laut Mafia-Kennerin Stephanie Oesch möglicherweise ein Aufnahmeritual.

Der Besitzer des Autos konnte gestern in seiner Thurgauer Wohngemeinde nicht kontaktiert werden. Eine Nachbarin sagte aber: «Ich habe mich schon oft gefragt, wie er sein Leben finanziert, zu arbeiten scheint er jedenfalls nicht.»

Von 20 Minuten angesprochen, zeigen sich die Schweizer Behörden überrascht: Die Kapo Thurgau wisse nichts von «erkennbaren mafiösen Strukturen im Kanton», und die Bundesanwaltschaft nimmt die Dokumente «mit Interesse zur Kenntnis».