Schulbuch in Wil SG

18. Februar 2019 10:14; Akt: 18.02.2019 11:16 Print

«Negerhäuptling» ruft Experten auf den Plan

In Wil SG verbessern die Schüler ihre Lesefertigkeit mit einer Geschichte über einen «Negerhäuptling». Eine Expertin spricht von rassistischen Stereotypen.

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Fünftklässern der Primarschule Wil SG wurde neulich ein Buch zur Verfügung gestellt, das einigen sauer aufstösst. Der Grund: Protagonist der Serie «Lesespur» ist Grosser Löwe. Grosser Löwe ist ein «Negerhäuptling» mit schwarzer Haut und krausem Haar. Mit diesem Heft sollen die Schüler ihre Lesefertigkeiten verbessern, wie das «St.Galler Tagblatt» berichtet.

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Eine Schwarz-Weiss-Zeichnung zeigt ergänzend das Bild eines wilden Eingeborenen. Die Geschichte handelt von Frauenraub und einer Rettungsaktion: Grosser Löwe rettet Kleine Blume.

Alma Wiecken, Geschäftsführerin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus, ist empört: «Lehrmittel, die rassistische Stereotype reproduzieren, gehören selbstverständlich nicht in den Unterricht», sagt sie gegenüber dem «Tagblatt».

Seit 1999 als abwertend eingestuft

Der Begriff Neger stehe nämlich im Glossar belasteter Wörter der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus. Auch im Duden wird der Begriff seit 1999 als abwertend eingestuft. Doch viel älter ist das grüne Heft, das den Kindern kürzlich verteilt wurde, nicht. Es wurde erst 1991 herausgegeben und 1995 überarbeitet. Im selben Jahr trat ausserdem das Antirassismusgesetz in Kraft.

Die Schulleitung räumt ein, dass das Buch «ein gewisses Alter» erreicht habe. So sei es möglich, dass ältere und nicht mehr passende Ausdrücke verwendet würden. Die Schule toleriere im Schulalltag weder Verunglimpfungen noch Diskriminierungen. Im neuen Jahr sei eine Überprüfung der Lehrmittel geplant.

Kein offizielles Lehrmittel

Bei besagtem Heft handelt es sich laut «Tagblatt» nicht um ein obligatorisches Lehrmittel. Es habe weder einen offiziellen Lehrmittel-Status noch stamme es von einem Lehrverlag. Doch das Thema beschäftigt auch den Lehrmittelverlag St.Gallen, der regelmässig prüft, ob ältere Lehrmittel den Anforderungen noch entsprächen: «Lehrmittel nehmen in gesellschaftlichen Fragestellungen eine Vorbildrolle ein, weshalb mit der Thematik sehr sensibel umgegangen wird», erklärt Geschäftsleiterin Rabea Huber der Zeitung.

So werde etwa auf Gleichberichtigung viel Wert gelegt. Man achte darauf, dass beide Geschlechter abgebildet, verschiedene Hautfarben dargestellt und auch Menschen mit Behinderungen abgebildet würden. Aber auch eine politisch korrekte Sprache gehöre dazu. Diese verhindere nämlich, dass Menschen mit Vorurteilen überzeichnet dargestellt würden, so Huber.

(juu)