St. Gallen

12. November 2018 16:29; Akt: 13.11.2018 07:55 Print

«Profis haben den Laden in 2 Minuten leer geräumt»

Unbekannte haben am frühen Montagmorgen eine Bijouterie in St. Gallen ausgeraubt. Experten erklären, wie solche Täter agieren und was mit der Beute passiert.

So gingen die Täter vor. (Video: Leser-Reporter)
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Das Juweliergeschäft Bucherer in der Multergasse in St. Gallen wurde am Montagmorgen gegen 3.40 Uhr von drei Männern ausgeraubt. Sie verschafften sich Zugang zum Laden, indem sie ein Auto als Rammbock benutzten. Laut Markus Stauffer, Geschäftsstellenleiter Sicheres Wohnen Schweiz und bis vor kurzem Projektleiter Schweizerische
Kriminalprävention, sind solche Rammbocktäter stets gut organisiert und agieren in Gruppen.

«Er fuhr rückwärts mit Vollgas gegen den Laden»

Dass einer dabei die Führung übernimmt, wie von der Leser-Reporterin beschrieben, sei üblich. Anhand des ruhigen und koordinierten Vorgehens geht der Experte davon aus, dass dies nicht das erste Delikt dieser Täter ist. «Gut möglich ist auch, dass sie im Vorfeld bereits im Laden waren und daher genau wussten, wo sich die besonders wertvollen Stücke befinden», sagt Stauffer. Dabei könne es auch sein, dass nicht die gleichen Männer, die dann tatsächlich den Überfall verübten, vorher im Geschäft waren, um sich umzusehen. Auf den Überwachungskameras im Geschäft könne man vielleicht verdächtige Personen erkennen, die nur in den Laden kamen, sich umsahen und wieder gingen.

Aufstellen von Pollern ratsam

Dass die Täter nicht direkt mit dem Auto in den Laden donnerten, sondern die Stahlwand mit Brechstangen oder ähnlichem aufzubrechen versuchten, erklärt er damit, dass sie nicht direkt grossen Lärm verursachen wollten. «Weil es aber nicht klappte, griffen sie dann wohl zum Auto.» Eine Steigerung der «Tatwaffe» quasi. Baseballschläger und Brechstangen würden zur Standard-Ausrüstung gehören. Die hätten Bijouterieräuber ohnehin dabei, um die Vitrinen zu zerstören. Auch müsse so ein Überfall schnell gehen: «Profis haben so ein Geschäft in ein bis zwei Minuten leer geräumt. Die Zeit ist begrenzt, denn sie wissen, wie lange es ungefähr dauert, bis die Polizei kommt.»

Schützen gegen diese brachiale Vorgehensweise können sich Geschäfte nur, indem sie Poller vor dem Eingang aufstellen. Diese müssten gut verankert sein, da sie sonst sogar in Wurfgeschosse umfunktioniert werden können. Das sei aber stets auch ein Abwiegen, ob das ins Stadtbild passt. Je nach baulichen Veränderungen brauche es auch eine Baubewilligung und sei natürlich mit Kosten verbunden.

Das passiert mit der Beute

Die erbeuteten Wertgegenstände werden möglichst nicht im Originalzustand verkauft: «Weil die meisten Bijouterien untereinander vernetzt sind und sich gegenseitig warnen können, wäre das viel zu riskant. Stattdessen wird die Beute ausser Landes geschafft und dann verwertet», erklärt Markus Melzl, ehemaliger Kriminalkommissär und Sprecher der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt.

Gold beispielsweise würde eingeschmolzen, Edelsteine herausgebrochen und umgeschliffen und Uhren online verkauft. Letztere werden laut Melzl nicht etwa im Darknet, sondern ganz normal auf legalen Plattformen angeboten – dort, wo auch potenzielle Kunden sind. Bei neuer, aktueller Ware ohne Gebrauchsspuren verlangen die Täter häufig noch die Hälfte des Originalpreises.

Herkunftsnachweis beim Onlinekauf verlangen

«Der indische sowie der asiatische Markt sind häufig bevorzugte Umschlagsplätze für Hehlerware», weiss der Experte, der regelmässig für die «Basler Zeitung» schreibt. Wer auf Nummer sicher gehen will, solle daher einen Herkunftsnachweis verlangen, wie etwa einen Garantieschein oder ein Verkaufszertifikat.

Existieren die nicht, könne man alternativ auch die Fabriknummer verlangen, um sich beim Hersteller direkt nach dem Produkt zu erkundigen. Wer eine gestohlene Uhr oder Schmuckstück im Internet gekauft hat, sollte wissen, dass die Polizei sie beschlagnahmen könnte, sollte sie als gestohlen identifiziert werden. In der Regel bleibt der Kunde dann auf dem Schaden sitzen.

(taw/sis)