Kantonspolizei SG

28. Dezember 2016 06:05; Akt: 28.12.2016 17:46 Print

«Sie wollten wissen, ob der Täter ‹Allah› rief»

Zuerst die Attacke in einem Zug in Salez, dann das Neonazi-Konzert in Unterwasser – die Sprecher der St. Galler Polizei standen 2016 im Dauerstress.

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Gian Rezzoli und Hanspeter Krüsi blicken auf intensive Monate mit vielen Überstunden zurück. Die beiden Sprecher der St. Galler Kantonspolizei mussten mit der Attacke in einem Regionalzug in Salez am 13. August und dem Grossaufmarsch von Neonazis im Toggenburg am 15. Oktober aussergewöhnliche Herausforderungen bewältigen.

In Salez, wo ein 27-jähriger Schweizer in der Südostbahn eine brennbare Flüssigkeit ausgoss und anzündete und seine Opfer mit einem Messer angriff, kamen zwei Frauen im Alter von 17 und 34 Jahren sowie der Täter ums Leben. Vier weitere Personen wurden zum Teil schwer verletzt.

Kurz nach Würzburg

Ausländische Medien löcherten die Polizei sofort mit Fragen nach einem terroristischen Hintergrund der Tat. Der Grund: Nur wenige Wochen zuvor hatte ein Flüchtling in einem Regionalzug im deutschen Würzburg fünf Menschen mit einem Beil und einem Messer angegriffen und verletzt.

Journalisten wollten wissen, ob der Täter in Salez «Allah» gerufen und ob die Opfer Kopftücher getragen hätten. «Sie wollten Bestätigungen für Gerüchte und Hypothesen erhalten, die wir nicht geben konnten», sagt Polizeisprecher Gian Rezzoli rückblickend. Die Polizei habe das Ereignis sachlich kommentiert, «auch wenn einzelne Medien gern eine andere Geschichte gehabt hätten».

Terror-Szenario bleibt Thema

Auch wenn die Tat von Salez kein Terrorakt war: Mit dem Szenario «Terroranschlag» setzt sich der Mediendienst der Kantonspolizei schön länger auseinander, wie Rezzoli der Nachrichtenagentur sda erklärte. «Wir erarbeiten derzeit Konzepte, wie wir ein solches Ereignis medial bearbeiten wollen respektive können.» Die personellen Ressourcen in der Kommunikation seien beschränkt.

Vor allem der Einbezug von sozialen Medien, die immer wichtiger würden, sei aufwendig. Bei einem Terroranschlag müsse die Polizei die Bevölkerung über möglichst viele Kanäle informieren, wie sie sich zu verhalten habe und wo sie sicher sei. «Bei so einem Ereignis ist das mediale Informationsbedürfnis enorm.»

Lob und Kritik

Im Fall von Salez wurde die Polizei für ihre zurückhaltende Kommunikation zum Teil kritisiert. Anders sah dies der Journalistik-Professor Vinzenz Wyss von der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften: Angesichts der unsicheren Informationslage sei die Zurückhaltung richtig gewesen, sagte Wyss gegenüber der SDA. Doch hätte die Polizei in einer Prozesskommunikation noch besser erklären sollen, weshalb sie gewisse Informationen nicht weitergab.

Kaum war Salez bewältigt, geriet der Mediendienst erneut unter Dauerstress: Am 15. Oktober trafen sich rund 5000 Neonazis im Toggenburger Dorf Unterwasser zu einem Rechtsrock-Konzert. «Wir sind betreffend den Veranstaltungsort überrumpelt worden», räumt Gian Rezzoli ein. Öffentlich geäusserte Polizei-Schelte und politische Forderungen liessen nicht lange auf sich warten.

Selbstkritisch betreffend Medienkonferenzen

Den Anlass selbst habe die Polizei nicht anders bearbeiten können, verteidigt Rezzoli. «Wir haben dafür gesorgt, dass Ruhe, Ordnung und Sicherheit gewahrt wurde.» Die politische Komponente habe die Polizei aber unterschätzt oder schlicht nicht in Betracht gezogen. «Wir hätten offensiver über das Ereignis kommunizieren müssen», findet der Mediensprecher heute.

Selbstkritisch sieht die Polizei auch ihren Verzicht auf Medienkonferenzen in Salez und in Unterwasser. «Wir haben erkannt, dass wir diesen Punkt überdenken und anpassen müssen», sagt Rezzoli.

(sda)