Gais AR

08. September 2015 18:47; Akt: 08.09.2015 18:47 Print

«Töte ich 1000 Fliegen, muss ich 1000 retten»

Eine Firma, die seit Jahrzehnten Insektizide herstellt, hat ihren Kurs radikal geändert. In Gais hat sie die erste Insekten-Ausgleichsfläche der Schweiz eingeweiht.

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«Manche mögen denken, ich sei völlig bekloppt», sagt Hans-Dietrich Reckhaus. Der 49-Jährige führt in zweiter Generation eine Firma für Insektengifte. Nun vollzieht das Unternehmen einen radikalen Wandel. In Gais hat Reckhaus am Dienstag die erste Ausgleichsfläche für Käfer, Spinnen und andere Krabbeltiere eröffnet. Insect Respect nennt sich das Projekt.

Die Einsicht dazu kam Reckhaus vor etwa drei Jahren: «Wenn meine Produkte 1000 Fliegen töten, will ich Lebensraum für 1000 Fliegen anbieten.» Aus einem Flachdach in Gais hat das Unternehmen einen Lebensraum für unzählige Tiere und Pflanzen geschaffen, die sich dort nach und nach ansiedeln sollen. «Wir rechnen damit, dass sich in den nächsten Monaten bis Jahren eine grosse Artenvielfalt heimisch macht auf den 500 Quadratmetern», sagt Stephan Liersch, der das Projekt als Biologe begleitet. In der ersten Insektenausgleichsfläche in Deutschland hätten einige seltene Tiere einen Lebensraum gefunden.

«Der Biozidmarkt muss sich verändern»

Das Label Insect Respect soll sich laut Reckhaus nicht auf zwei einzelne auf Flachdächern angelegte Lebensräume beschränken, sondern zu einem Gütesiegel für die gesamte Biozidherstellung werden: «Das Gütesiegel soll den Kunden zeigen, dass sich der Hersteller bewusst mit der Kompensation auseinandersetzt. Die Produzenten und Händler geben uns an, wieviele Produkte sie verkaufen, gelten dies entsprechend ab und wir bauen neue Ausgleichsflächen.» Reckhaus' Vision für sein Unternehmen ist ein radikaler Wandel vom Biozid-Hersteller hin zum Anbieter nachhaltiger Produkte.

Orchideen auf Flachdach

Eine Insektenausgleichsfläche kann laut Reckhaus auf jedem beliebigen Flachdach gebaut werden. Die Kosten für den Bau und Unterhalt einer solchen Anlage belaufen sich auf 30 bis 40 Franken pro Quadratmeter und sind es laut Reckhaus wert: «Ein begrüntes Dach sorgt für viele positive Effekte, allein die klimatischen Veränderungen in den Räumen darunter sind äuserst positiv.» Auf dem Dach werden diverse heimische Pflanzen gesät, von denen einige in der Natur kaum mehr vorkämen. Biologe Liersch glaubt gar an ein Flachdachphänomen: «Dadurch dass die Zonen nicht gestört werden, entwickelt sich ein ursprüngliches Vegetationsbild. Vielleicht wachsen ja bald wilde Orchideen wie auf anderen Flachdächern.»

Alles begann mit der Fliege Erika

Dass sich er sich gegen seine eigene Branche wendet, ist Reckhaus bewusst: «Ich bin in der Branche ein rotes Tuch und man kehrt mir den Rücken zu.» Doch Reckhaus lässt sich nicht beirren.

Den Ursprung seines Sinneswandels sieht der Unternehmer in der Zusammenarbeit mit den St. Galler Künstlern, Frank und Patrik Riklin. Im Zusammenhang mit der Entwicklung einer Fliegenfalle hatten die Künstler Reckhaus dazu gebracht, sich grundsätzlich mit dem Wert eines Lebewesens auseinanderzusetzen. Die Zusammenarbeit gipfelte im Kunstprojekt rund um die Fliege Erika, die inzwischen Teil der HSG-Kunstsammlung ist.

Die Riklins sind stolz darauf, wie sich die Dinge bei Reckhaus entwickelt haben: «Das Unternehmen hat durch unsere Impulse eine Wandel erfahren», so Frank Riklin.

(rar)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Realist am 08.09.2015 19:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Innovative Idee

    Innovation nennt man das! Insektengifte produzieren und verkaufen und zugleich Insekten züchten... Super Idee! So sterben sie nie aus und die Rendite ist gesichert.

  • QonoS am 08.09.2015 19:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Endlich aufgewacht

    Es wird Zeit, dass sich der Mensch anders verhält - Chapeau dieses Unternehmen hat es gecheckt.

  • Conker am 08.09.2015 19:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    was mach ich wenn ich z.b. eine spinne in der wohn

    dann bringe ich mit irgendwie ausbdem fenster und schon ist das getier ausser gefahr :)

Die neusten Leser-Kommentare

  • Naturfreund am 10.09.2015 13:16 Report Diesen Beitrag melden

    Wahnsinn

    Insektizide müssten von Grund auf verboten werden. Der Mensch muss sich in die Natur mit einbringen und mit ihr leben und sie nicht so zurecht biegen, wie er sie gerne hätte. Ein grundlegender Beweis dafür ist das Bienensterben, welches wir genau diesen Insektiziden wie aber auch den Bienenzüchtern zu verdanken haben.

  • bacillus-thuringiensis am 09.09.2015 09:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    kulturumdenken

    ALLE müssten umdenken! Mischkulturen wieder pflegen etc.

  • Michi N ef am 09.09.2015 08:01 Report Diesen Beitrag melden

    Naturliebhaber

    Hut ab! Super Idee mit Zukunft!!

  • Insektennichtsogernehaber am 08.09.2015 22:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Arme Viecher- Aber nervig

    Aber heute habe ich eine Wespe aus versehen geköpft :/ Armes Viech, aber hätte ich es nicht getötet, würde ich diesen Kommentar vielleicht gar nicht verfassen. Man muss aufpassen, an wen der Lebensraum da vergeben wird. Am besten keinen Mücken, Wespen und Fliegen :|

  • Unge Ziefer am 08.09.2015 21:24 Report Diesen Beitrag melden

    Mich stören die Schaben

    Wahrscheinlich beginne ich bald Schaben zu züchten, denn ich habe in letzter Zeit einige in meiner Küche mit der Fliegenklatsche plattgemacht. Die gezüchteten Schaben sollen aber alle zum Nachbarn. Der hat hoffentlich mehr Verständnis für die Bedürfnisse von solchen Tierchen.

    • JuneB am 09.09.2015 00:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Unge Ziefer

      Dann würde ich es mal mit Putzen versuchen!!

    • Sp am 10.09.2015 06:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Unge Ziefer

      Falls du die kleinen braunen meinst, das sind keine Schaben, leider ist nir der Name entfallen. Die nerven seit letztem Jahr sehr viele Leute.

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