Tötungsdelikt bei Starbucks

09. Mai 2019 15:44; Akt: 09.05.2019 15:49 Print

«Tut mir leid, dass ich ihm das Leben nahm»

Ein 44-Jähriger, der unter paranoider Schizophrenie leidet, hat im August 2017 im Wahn Kishi B.* (†22) mit mehreren Messerstichen getötet. Das Gericht beschloss eine stationäre Massnahme.

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Mitten in der St. Galler Innenstadt stach der 44-jährige Schweizer am 4. August 2017 mit einem Taschenmesser mehrmals auf Kishi B.* ein. Der 22-Jährige verstarb wenige Tage später an den Verletzungen.

Am Donnerstag stand der 44-Jährige Täter vor dem Kreisgericht St. Gallen. Der Mann wurde mit Fesseln an den Füssen von einem Polizisten ins Gericht geführt. Der eher kleine, aber kräftige Mann, spricht bei der Befragung klar. Bei den anschliessenden Vorträgen der Staatsanwaltschaft, des Privatklägers und der Verteidigung wirkt er eher abwesend. So wie jemand, der das Ganze einfach über sich ergehen lässt.

Nicht mehr in der Realität

Bei der Befragung durch den Richter sagte er, er sei von sich selbst enttäuscht. «Es ist eine schreckliche und absurde Tat. Unvorstellbar, aus dem Nichts so etwas zu tun.» Er erzählt, dass er rund zwei Monate vor der Tat in eine Psychose geriet. «Ich lebte nicht mehr in der Realität.» Er habe Medienberichte, die er sah oder las, auf sich selbst bezogen. Dies gipfelte in einem Wahnsystem und schliesslich in der Tat.

Der Mann erzählte, dass er seit rund zehn Jahren an paranoider Schizophrenie leidet. Er sei deswegen auch schon in stationärer psychiatrischer Behandlung gewesen. Es kam jedoch immer wieder zu Rückfällen. Er habe Medikamente dagegen genommen. Doch kurz vor der Tat habe er einen Termin zur Medikamenteverabreichung abgesagt.

Eltern leiden

Der Anwalt der Privatkläger gibt Einblick in die Familie des Opfers. Die Familie sei an der Tat beinahe zerbrochen. Der Vater konnte immerhin Hilfe annehmen und ist in Behandlung. Die Mutter sei nach wie vor am Boden zerstört und noch nicht in der Lage, eine Therapie zu beginnen. Auch die Geschwister litten unter der Situation und vermissten ihren Bruder. Vor Schranken fordert der Anwalt Genugtuung für die Eltern von je 65'000 Franken, für die beiden Geschwister von je 18'000 Franken.

Die Staatsanwältin führte vor Gericht aus, dass die Tat skrupellos und brutal ausgeführt wurde. Jedoch sei der Täter zweifellos schuldunfähig, da er im Wahn gehandelt habe. Er sei nicht mehr in der Lage gewesen, die Realität wahrzunehmen. Ein Gutachten attestiert dem Mann die Schuldunfähigkeit. Da Rückfallgefahr drohe, kommt für die Staatsanwältin nur eine stationäre Massnahme in Frage.

Freiheiten zulassen

Der Verteidiger des 44-Jährigen forderte vor Gericht, dass eine erste Überprüfung der Massnahme bereits nach zwei Jahren stattfinden solle. Sein Mandant habe sich vorbildlich verhalten, die Behandlung mit neuen Medikamenten habe Erfolge gezeigt. Das zeige auch, dass der Mann sich in der Einrichtung bereits im nicht geschlossenen Bereich aufhalten dürfe. Man müsse den Mut haben, jemandem zu vertrauen und Freiheiten zulassen.

Für die Staatsanwältin kam das nicht in Frage. Das Gutachten spreche von erhöhter Rückfallgefahr. Nur weil während der 13 Monate in der Massnahmeeinrichtung nichts passierte, heisse das noch lange nicht, dass der Mann nicht mehr gefährlich sei. Einen Übertritt in einen offenen Vollzug erscheine verfrüht und verantwortungslos.


Kapo-Sprecher Hanspeter Krüsi damals kurz nach der Attacke. (Video: jeb)

«Ich bereue sehr»

In seinem Schlusswort wandte sich der 44-Jährige direkt an den Vater und den Bruder des Getöteten. «Ich möchte mich bei der Familie entschuldigen», sagte der Mann. «Ich bereue sehr, was ich getan habe. Es tut mir leid, dass ich ihrem Sohn das Leben genommen habe.» Er habe die Realität nicht wahrnehmen können. Es tue ihm auch leid um alle Personen, die den Vorfall beobachtet hatten. Er tue alles, damit das nie wieder passiere. Der Vater goutierte das jedoch nicht und wandte sich ab.

Da der Täter als schuldunfähig eingestuft wurde, handelte es sich bei der Verhandlung vom Donnerstag nicht um ein gewöhnliches Gerichtsverfahren. Das Gericht hatte nicht über eine Strafe zu befinden, sondern hatte über die Schuldfähigkeit und zu treffende Massnahme zu entscheiden.

«Kleine Verwahrung»

Das Dreiergericht kam zum Schluss, dem 44-jährigen eine sogenannte «kleine Verwahrung» (siehe Box) aufzuerlegen. Eine frühzeitige Überprüfung der angeordneten Massnahme, wie vom Verteidiger gefordert, lehnte das Gericht ab. Die paranoide Schizophrenie sei eine chronische Krankheit, der Gutachter kam zum Schluss, dass ein deutlich erhöhtes Rückfallrisiko bestehe. Aus diesen Gründen kam das Gericht im selbständigen Massnahmenverfahren zum Schluss, dass der Mann die bereits angetretene stationäre therapeutische Massnahme weiter führen muss. Nach fünf Jahren wird das erste Mal darüber entschieden werden, ob die Massnahme fortgesetzt wird oder nicht.

Die Forderung nach Genugtuung wurde gutgeheissen. Die Eltern erhalten je 65'000 Franken, die beiden jüngeren Geschwister des Getöteten je 18'000 Franken. Die Verfahrenskosten trägt der Staat, die amtlichen Verteidiger werden entschädigt.

* Name der Redaktion bekannt

(jeb)