Cazis GR

13. Mai 2019 17:27; Akt: 13.05.2019 17:27 Print

Menschen abseits der Norm landeten in Anstalt

Der Archäologische Dienst Graubünden hat in Cazis 103 Gräber einer ehemaligen Korrekturanstalt ausgegraben. Diese lassen Rückschlüsse auf das Leben in der Anstalt zu.

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Im Zuge des Neubaus der Justizvollzugsanstalt Cazis Tignez musste der Archäologische Dienst Graubünden im Jahr 2016 den Anstaltsfriedhof mit 103 Gräbern aus dem 19. und 20. Jahrhundert ausgraben. Am Montag wurden nun die Untersuchungen veröffentlicht. Sie ermöglichen einen Einblick in die damaligen Lebensbedingungen und den gesundheitlichen Zustand der zwangsweise verwahrten Menschen am Rande der Gesellschaft.

Als Reaktion auf die weit verbreitete Armut entwickelte sich in der Schweiz im 19. Jahrhundert ein System der Zwangshilfe. Damals wurde laut dem Archäologischen Dienst Graubünden angenommen, dass Armut auf das Fehlverhalten eines Einzelnen zurückzuführen sei. «In die Korrekturanstalt wurden vor allem Menschen, deren Lebensstil von der gewünschten Norm abwich, eingeliefert», erklärt Thomas Reitmaier, Leiter des Archäologischen Dienstes Graubünden. Wenn jemand der Familie oder der Gemeinde zur Last fiel, wurde die Person in Verwahrung genommen. «Dies geschah jeweils ohne Möglichkeit auf Rekurs», so Reitmaier.

Infektionen, Traumata, Behinderungen, Mangelernährung

In Cazis wurde ab 1854 die «Kantonale Korrektionsanstalt Realta» errichtet. Für verstorbene Insassen wurde ein eigener Friedhof angelegt, der bis 1910 benutzt wurde. 1500 Frauen und Männer unterschiedlichen Alters und auch ausserkantonaler Herkunft wurden in der Anstalt zwangsversorgt. Anhand der überlieferten Anstaltsregister sind die Namen und weitere Daten vieler Personen bekannt, die während ihrer Zeit in der Anstalt verstarben und dort beerdigt wurden.

Wie der Archäologische Dienst mitteilt, erlaubte die Untersuchung der Skelette, mögliche körperliche Ursachen und Auswirkungen der Zwangshilfe in Cazis differenzierter zu bewerten. Dabei dienten Skelettserien von regulären zeitgenössischen Friedhöfen als Vergleich für die allgemeine Bevölkerung. Mögliche Fälle von Stickler-Syndrom (genetische Erkrankung), angeborener Syphilis und traumatisch bedingten Behinderungen waren teilweise der Grund für eine Einweisung.

Viele hatten Tuberkulose, was am sozioökonomischen Status und den Lebensbedingungen in der Einrichtung liegen konnte. Mehrere Fälle von Skorbut und Osteomalazie (Knochenerweichung) können auf verschiedene Risikofaktoren wie Armut, Alkoholismus, psychische Erkrankungen oder den Anstaltsaufenthalt zurückzuführen sein. Die Frakturenrate insbesondere der Rippen war extrem hoch. Ein grosser Teil der Knochenbrüche verheilte nur unvollständig und trat wahrscheinlich aufgrund von Gewalt zwischen Insassen oder deren Betreuer auf. «Vermutlich war das eine Form der Züchtigung. Es ist auch möglich, dass das Personal teilweise überfordert war und deshalb Gewalt anwendete», erzählt Reitmaier.

Es hätte aber durchaus auch Insassen gegeben, die die Anstalt nach einer gewissen Zeit wieder verlassen konnten: «Die Leute wurden therapiert. Das Ziel war es deren Verhalten zu ‹korrigieren›», so Reitmaier.

Verschlechterung der Gesundheit

Die schweizweit erste Untersuchung an Skeletten aus einer historischen Institution für Zwangsfürsorge verdeutlicht, dass gesundheitliche Einschränkungen und die Zugehörigkeit zur Unterschicht zur Anstaltseinweisung beitrugen.

Zudem zeigt die Studie auf, dass solche Einweisungen zur weiteren Verschlechterung der Gesundheit führten. Somit wurden durch die Archäologen neue Aspekte der Zwangsfürsorge beleuchtet, die aufgrund der mangelnden historischen Überlieferung bisher kaum berücksichtigt wurden.

(mwa)