Frauenfeld TG

23. September 2019 14:03; Akt: 23.09.2019 18:51 Print

«Ich war vom Alkohol betäubt»

Peter Zimmermann musste sich am Montag wegen mehrfacher sexueller Handlungen mit Kindern vor Gericht verantworten. Der 79-Jährige ist kein unbeschriebenes Blatt.

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Zimmermann sass 30 Jahre in verschiedenen Strafanstalten – unter anderem wegen Unzucht mit Kindern. Zurzeit sitzt er im Kantonalgefängnis Frauenfeld wegen Verdachts auf sexuelle Handlungen mit Kindern in Sicherheitshaft.

Die erste Verhaftung liegt über 50 Jahre zurück. 1977 wurde er wegen mehrfacher Unzucht mit Kindern zu neun Jahren Gefängnis verurteilt. 1989 wurde er erstmals verwahrt. 2002 wurde er letztmals bedingt aus der Verwahrung entlassen. Seit 2005 ist er nicht mehr durch Fachpersonen beaufsichtigt.

Zimmermann ist Präsident des Vereins «Reform 91» mit Sitz im Kanton Thurgau. Die Selbsthilfeorganisation für Häftlinge, Entlassene und ihre Angehörigen wurde 1990 in der Strafanstalt Lenzburg von sieben Strafgefangenen gegründet. Er äussert sich auch zu politischen Themen, etwa 2013 zur Pädophilen-Initiative.

Opfer sagt aus

Jetzt soll Zimmermann wieder rückfällig geworden sein: Die Staatsanwaltschaft wirft dem 79-Jährigen mehrfache sexuelle Handlungen mit Kindern, mehrfache Ausnützung der Notlage und mehrfache Verabreichung gesundheitsgefährdender Stoffe an Kinder vor. Zimmermann soll im Frühling 2016 einen damals 15-jährigen Jugendlichen mehrmals zu sexuellen Handlungen aufgefordert haben. Zudem soll er ihm grössere Mengen an Alkohol gegeben haben.

Der Beschuldigte erschien am Montag an einem Stock am Bezirksgericht Frauenfeld. Die Verhandlung begann mit der Befragung des Opfers, das in einem anderen Zimmer sass. Zimmermann musste den Raum während der Befragung verlassen.

«Peter Zimmermann war eine Vertrauensperson», sagte der heute 18-Jährige. Wenn er Streit mit den Eltern gehabt habe, sei er zu ihm gegangen. «Während ich vom Internat auf Kurve war, ging ich zu ihm», schilderte der Privatkläger die Geschehnisse vom März 2016.

Er sei im April nochmals aus dem Internat abgehauen. Er sei direkt zu Zimmermann gegangen. Es sei im gleichen Schema abgelaufen. Bei zweiten Mal sei es Kirsch gewesen, den sie getrunken hätten. Es sei wieder passiert mit dem Massieren. Er sei vom Alkohol betäubt gewesen.

Märchen erzählt

Er habe die Familie als Nachbarn kennengelernt, sagte Zimmermann vor Gericht. Als 12-Jähriger sei der Jugendliche immer wieder weinend zu ihm gekommen. Er habe ihn etwa im Jahr 2015 oder 2016 zum letzten Mal getroffen und nach Hause genommen und gewaschen. Er sei maximal zwei Stunden bei ihm gewesen, so Zimmermann.

Über eine Massage könne er nichts mehr aussagen. «Der Vorschlag mit ihm ins Schlafzimmer zu gehen, ist ein Märchen», sagte er. Es sei ein absoluter Witz, dass er dem Jugendlichen Alkohol gegeben haben soll. Er habe in seiner ganzen «Karriere» nie einem Jugendlichen Alkohol angeboten, sagte der Beschuldigte.

Gleiches Muster wie früher

Die Aussagen des jungen Mannes seien glaubwürdig, sagte die Staatsanwältin. Sie wiederholte die Schilderungen des Opfers über den detaillierten Ablauf und das sexuelle Geschehen in der Wohnung des Beschuldigten. Das Opfer sei wegen der Vorfälle noch tiefer in ein Loch gefallen, es habe Suizidgedanken gehabt.

«Die Vorfälle liefen genau gleich ab, wie bei früheren Delikten des Beschuldigten», sagte die Staatsanwältin. Auch früher habe er den Kindern Alkohol eingeflösst. Zimmermann und der 15-Jährige hätten je rund neun Halbliter-Dosen Bier konsumiert.

Die Staatsanwältin forderte für den Beschuldigten eine Freiheitsstrafe von 30 Monaten und eine ambulante Massnahme. Das Rückfallrisiko sei mittelgradig erhöht. Zudem soll ein zehnjähriges Verbot für Tätigkeit ausgesprochen werden, bei denen Zimmermann regelmässig mit Minderjährigen Kontakt hat.

Der Beschuldigte sei zu einer Genugtuung von 12'000 Franken zu verurteilen, forderte die Vertreterin des Privatklägers. Das Verhalten des Beschuldigten stelle einen erheblichen Eingriff in die Integrität des Opfers dar. Die Vorfälle hätten psychische Narben beim Jugendlichen hinterlassen.

Keine eindeutigen Beweise

Die Verteidigung forderte einen Freispruch. Der Beschuldigte sei aus der Sicherheitshaft zu entlassen. Die Zivilforderungen seien abzuweisen oder auf den Zivilweg zu verweisen. «Der Beschuldigte bestreitet die Vorwürfe weiterhin», sagte der amtliche Verteidiger vor Gericht.

Die Beweislage sei nicht eindeutig, sie reiche nicht für einen Schuldspruch aus. Es gelte die Unschuldsvermutung. Es gebe keine Zeugen und es seien keine zusätzlichen Beweise am Tatort erhoben worden. «Es liegt ein klassischer Fall vor, bei dem Aussage gegen Aussage steht.» Der Verteidiger stellte die Aussagen des Privatklägers in Frage. Die Angaben zum Alkoholkonsum etwa könnten nicht stimmen. Der Privatkläger habe sich auch nicht an Einzelheiten erinnern können.

Am Abend folgte jedoch das Urteil: Zimmermann wurde zu einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten verurteilt. Der 79-Jährige wird nicht erneut verwahrt.

(sda)