Kahlschlag

13. August 2015 19:11; Akt: 13.08.2015 19:11 Print

AFG entlässt jeden vierten Schweizer Mitarbeiter

Schock in der Ostschweiz: Die AFG-Gruppe kündigt die Entlassung von hunderten Angestellten und Verlagerung der Produktion ins Ausland an. In der Schweiz schrumpft die Belegschaft von 1400 auf 1000.

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Hauptsitz der AFG Arbonia Forster Holding in Arbon (11. März 2014). (Bild: Keystone)

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Der Ostschweizer Bauausrüster AFG entlässt hunderte Angestellte. Nachdem es mit der Tür- und Fensterbau-Tochter Ego Kiefer jahrelang bergab ging, zieht AFG bei drei Schweizer Fabriken den Stecker. Laut dem Unternehmen sind sie zu teuer geworden, produziert wird künftig im Ausland.

Rund 400 Arbeitsplätze in der Schweiz gehen verloren, wie AFG am Donnerstag ankündigte. Die Mitarbeiterzahl in der Schweiz schrumpft damit auf 1000 – das ist noch ein Sechstel der gesamten Belegschaft.

Mit dem Rücken zur Wand

Vor allem die Division Gebäudehüllen muss nach enttäuschenden Halbjahreszahlen Federn lassen. In diesem Geschäft kann AFG nach eigenen Angaben preislich kaum noch mit Konkurrenten aus Deutschland und Österreich mithalten.

«Wir stehen mit den Produktionskosten mit dem Rücken zur Wand», sagte Interims-Chef Alexander von Witzleben an einer Medienkonferenz. Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses im Januar sei dabei ein Katalysator gewesen, die grundlegende Entwicklung habe schon lange vorher eingesetzt, sagte der AFG-Chef und Verwaltungsratspräsident.

Auslagerungen in die Slowakei und nach Deutschland

AFG will künftig günstiger im Ausland produzieren. Im März hatte AFG die Verlagerung von 150 bis 200 Stellen aus Altstätten SG in die Slowakei angekündigt. Nun weitet AFG den Abbau stark aus.

In Altstätten sollen nur noch Kunststoff-Haustüren sowie Sonder- und Expressfertigungen hergestellt werden. Ein Teil der Fensterproduktion lagert AFG an den ostdeutschen Standort Langenwetzendorf des neu erworbenen Fensterherstellers Wertbau aus.

Villeneuve wird geschlossen

Anders als noch im März angekündigt, trifft die Verlagerung zudem auch den Waadtländischen Standort Villeneuve. Die Kunststoff-Fensterproduktionsstätte schliesst AFG bis 2016.

Aber auch in der Division Gebäudetechnik will der Bauausrüster den Rotstift ansetzen. Die Sonderheizkörper-Produktion soll vom Standort Arbon TG ins tschechische Stribro verlagert werden. Insgesamt verlieren mit den am Donnerstag neu angekündigten Verlagerungen rund 320 Mitarbeitende ihren Job. Zudem will von Witzleben auch in der Verwaltung Personal abbauen.

Gewerkschaft überrascht

Über den Sozialplan für den Stellenabbau verhandelt AFG mit den Sozialpartnern. Dieser soll sich laut von Witzleben am letzten Sozialplan anlehnen. Für die Kosten der Restrukturierung will der Konzern rund 30 Millionen Franken zurückstellen.

Die Gewerkschaft Syna zeigte sich überrascht vom Ausmass des Stellenabbaus. «Umso mehr, nachdem wir den Eindruck hatten, AFG sei auf einem guten Weg», erklärte Zentralsekretär Guido Schluep auf Anfrage.

Österreichische Konkurrenz hinter sich lassen

Für die drei als Sozialpartner verhandelnden Gewerkschaften Syna, Unia und KV Ost sei nun entscheidend, möglichst viel für die Betroffenen herauszuholen. Bei der letzten Aushandlung des Sozialplans waren die Gewerkschaften laut Schluep nicht involviert. Das Resultat hätten sie auch nicht zu sehen bekommen – was unüblich sei.

AFG verfolgt mit dem Umbau grosse Ziele: Die Gruppe will zum europäischen Marktführer im Fensterbau aufsteigen und den österreichischen Konkurrenten Internorm hinter sich lassen, wie der AFG-Chef ausführte.

Aktienkurs steigt

Um den Umbau finanzieren zu können, plant AFG eine Kapitalerhöhung von rund 200 Millionen Franken. Ankeraktionär Michael Pieper und seine Artemis-Gruppe unterstützten die geplanten Massnahmen, hiess es. Auch andere Anleger zeigten sich überzeugt. Der Aktienkurs von AFG zog am Donnerstagnachmittag kräftig an. Laut der Konzernspitze können die Investoren für 2018 wieder auf eine Dividende hoffen.

Bis dann will der Konzern eine Milliarde Franken umsetzen und einen Betriebsgewinn auf Stufe EBITDA von 100 Millionen Franken erwirtschaften. Heuer aber schreibt AFG tiefrote Zahlen: Für das Gesamtjahr erwartet die Konzernspitze vor allem wegen Einmaleffekten einen Reinverlust von 160 bis 190 Millionen Franken. Der Betriebsgewinn (EBITDA) soll über 50 Millionen Franken betragen.

Millionenverlust

In der ersten Jahreshälfte 2015 schrieb AFG vor Zinsen und Steuern (EBIT) einen Verlust von 125,4 Millionen Franken, nach einem Betriebsgewinn von 5,8 Millionen Franken im Vorjahressemester. Einmalkosten und Wertberichtigungen von 122,5 Millionen Franken belasteten das Ergebnis, wie AFG erklärte.

Unter dem Strich betrug der Verlust 132,6 Millionen Franken. Der Umsatz gab um 4,9 Prozent auf 425,1 Millionen Franken nach. 2014 hatte AFG zum ersten Mal seit 2010 wieder einen Gewinn geschrieben, dieser betrug 15,1 Millionen Franken.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Zweifel am 13.08.2015 19:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    alles Gute kommt von draussen

    Alles ins Ausland: Herstellung im Ausland, einkaufen im Ausland, wer soll denn noch hier was kaufen und arbeiten????

  • Schweizer Arbeiter am 13.08.2015 19:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ohne Worte

    Typisch Alles auf dem Rücken der Arbeiter. Zu Gunsten der Investoren

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  • Andy am 13.08.2015 19:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht der Franken

    Das konnte nicht gut kommen. Bestellen von Heizkörper immer komplizierter. Vertrieb über Grosshändler.Herstellen teilweisse im Ausland und als Schweizer Produkt verkaufen.Kunststoff Fenster nur noch Umladen im Rheintal von Ostlastwagen. So kann ich Fenster im Ausland kaufen ohne schlechtes gewissen! Wahrscheinlich haben Berater ind Co. eine Unmengen von Geld gekostet. Solche Ideen hatten schon andere und müssten aufgeben! Die besten werden jetzt gehen und der Rest geht! Merke gute Ware kann mann Heute noch herstellen und verlaufen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Realist am 14.08.2015 21:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Folgen

    Wie wärs, wenn sie ihre ausländischen Mitarbeiter mitnehmen würden? Aber die werden in unserem Sozialnetz parkiert.

  • Schweizer Bürger am 14.08.2015 17:56 Report Diesen Beitrag melden

    Zuerst Grenzgänger dann die Verlagerung

    Zuerst hat man die günstigen Grenzgänger aber leider ist das vielen Firmen immer noch zuwenig darum verlagern sie ihre Produktion ins Ausland.

  • Bauermeister am 14.08.2015 14:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Finestra

    Die meisten die hier geschrieben haben, verstehen von der Situation in der Fensterbranche gar nichts. Unser Betrieb muss wegen mangelnden Aufträgen vier Leute entlassen. Mit diesen Preisen können wir ganz einfach nicht mehr mithalten trotz sehr modernen Einrichtungsstrassen. Heute werden sehr viele Fenster von sogenannten "Garagebetrieben" zu Schundpreisen montiert. Das sind "Betriebe" die keine eigene Produktion haben, Fenster importieren und von Montagegruppen montieren lassen. Immer wieder verschwinden solche Betriebe nach 2 - 3 Jahren. Der Häuslebesitzer hatte wenigstens billige Fenster.

    • Anne am 14.08.2015 21:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Arbeitsqualität?

      Beim Umbau hat unsere Fenster die Firma aus dem Nachbardorf hergestellt und montiert. Grosse Probleme gabs mit den Schenker-Storen. Zuerst wurde braun statt blau geliefert und montiert, als wir beim Arbeiten waren. Dann waren die Storen ganz krumm. Wenn unser Fensterbauer aus dem Nachbardorf nicht extra gekommen und überwacht hätte, dann wären sie krumm geblieben, die beiden Ostdeutschen Arbeiter waren schnell zufrieden mit der "Nachbesserung" und wollten schnell wieder gehen

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  • Pirmin am 14.08.2015 14:34 Report Diesen Beitrag melden

    Selbstvollzug

    Wenn das so weiter geht, brauchen wir keinen Monsieur de Watteville mehr, der die M.E.I. der EU schmackhaft machen muss. Die M.E.I. vollzieht sich von selbst. Arme Schweiz.

  • David am 14.08.2015 13:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    AFG

    Ich arbeite bei EgoKiefer als Monteur und ich muss sage, ihr Schweizer seid selber schuld. Ihr wollt en Schweizerprodukt zu polnischen Preisen und das geht nicht. Ich finde man verdient hier gutes Geld und wenn ich ein gutes Produkt haben will, muss man auch dem entsprechend bezahlen, aber das wollt ihr ja nicht. Also müsst ihr mit den Konsequensen leben.

    • ehemaliger Ego-Kunde am 14.08.2015 14:21 Report Diesen Beitrag melden

      Qualität hat seinen Preis

      Ja, Qualität hat seinen Preis. Wenn diese aber im Vergleich zu anderen Fenstern genau gleich oder sogar schlechter ist, sehe ich nicht ein, warum ich für dieses Produkt mehr bezahlen soll, auch wenn es in der Schweiz gefertigt wurde. Meine Fenster musste ich jedenfalls nach bereits 10 Jahren durch neue ersetzen lassen, diese habe ich dann bei einem ausländischen Anbieter (sogar noch teurer!) bezogen und bin seither sehr zufrieden.

    • David Reich am 14.08.2015 17:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Wieso?

      Was für Konsequenzen? Ich habe ja immer noch einen Job - und billige Fenster.

    • Realist am 14.08.2015 21:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Schweizer zahlen hohe Preise

      @David. Wir Schweizer zahlen doch anstandslos die Preise. Wir haben alle Fenster machen lassen ohne nach dem Preis zu fragen. Aber gewisse Leute kriegen den Hals nicht voll

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