St. Gallen

26. November 2017 17:30; Akt: 26.11.2017 17:30 Print

CVP fliegt nach über 100 Jahren aus dem Stadtrat

Erdrutsch in St. Gallen: Die CVP verliert innerhalb von nur einem Jahr beide Sitze im Stadtrat. Sonja Lüthi (GLP) schlug ihren CVP-Widersacher Boris Tschirky klar.

Boris Tschirky: «Es ist eine bittere Pille» Video: viv
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Boris Tschirky (CVP) scheiterte am Sonntag im zweiten Wahlgang klar gegen Sonja Lüthi. Die Grünliberalen ziehen überraschend mit der 36-jährigen Kantonsrätin in den St. Galler Stadtrat ein. Damit verliert die CVP ihren letzten Sitz in der Stadtregierung. Noch vor etwas mehr als einem Jahr war die CVP mit zwei Sitzen im fünfköpfigen Gremium vertreten. Lüthi will aber nicht als Verdrängerin der CVP dastehen: «Ich bin für meine Positionen angetreten, nicht gegen die CVP», betont sie.

Lüthi erzielte im zweiten Wahlgang 10'096 Stimmen, CVP-Kandidat Boris Tschirky lag abgeschlagen mit 6966 Stimmen auf dem zweiten Platz. Der dritte Kandidat, Roland Uhler von den Schweizer Demokraten (SD), machte gerade mal 668 Stimmen. Die Stimmbeteiligung betrug 40,3 Prozent.

Bittere Pille

Boris Tschirky nimmt die Niederlage sportlich. «Das Resultat ist klar, lamentieren hilft nichts», sagte er. Über die Gründe seines Scheiterns will der Gaiserwalder Gemeindepräsident nicht sprechen: «Das müssen wir jetzt in Ruhe analysieren», sagt er. «Es ist eine bittere Pille, wenn man als Partei nach über hundert Jahren nicht mehr im Stadtparlament vertreten ist.» (siehe Video oben).

Auch die Parteileitung ist enttäuscht. «Mit der neuen Kräfteverteilung im Stadtrat wird ein Grossteil der St.Galler Bevölkerung anteilmässig nicht mehr in diesem Gremium vertreten sein», schreibt die CVP in ihrer Medienmitteilung.

CVP kündigt Comeback an

Der fünfköpfige Stadtrat setzt sich neu aus zwei Mitgliedern der SP, je einem Vertreter der GLP und der FDP sowie einem Parteilosen zusammen. Doch CVP-Parteipräsident Raphael Widmer gibt sich kämpferisch: «Wir werden zurückkommen», verspricht er. Für die Stadtratswahlen 2020 könne die CVP auf mehrere fähige Personen zurückgreifen. Tschirky schliesst nicht aus, dass er allenfalls für die Wahlen 2020 zur Verfügung stehen würde, vielleicht sogar als Kandidat für das Präsidium.

Lüthi bleibt Kantonsrätin

Sonja Lüthi war von 2012 bis 2015 Mitglied des St. Galler Stadtparlaments. Danach rückte sie in den Kantonsrat nach. Seit 2016 ist sie Präsidentin der GLP des Kantons St. Gallen. Die 36-Jährige leitet beim Landverband St. Gallen die Farmenergie. Vom Kantonsrat werde sie übrigens nicht zurücktreten, sagt sie zu 20 Minuten. «Die Stadt braucht eine laute Stimme im Kantonsrat», so die GLP-Frau.

Ende der bürgerlichen Dominanz

Bereits am 27. November 2016 musste die CVP in den zweiten Wahlgang und scheiterte. Maria Pappa holte damals für die SP einen zweiten Sitz. Die bisherige Stadträtin Patrizia Adam von der CVP wurde abgewählt. Das Resultat bedeutete das Ende der bürgerlichen Dominanz in der Stadtregierung.

Die Ersatzwahl am Sonntag war nötig, weil CVP-Stadtrat Nino Cozzio (59) wegen seiner Krebserkrankung auf Ende Jahr den Rücktritt erklärt hatte. Der CVP-Politiker, der während knapp zehn Jahren die Direktion Soziales und Sicherheit führte, starb am 13. September.

(tso/jeb/sda)