Unschuldig in Haft

15. Mai 2019 18:08; Akt: 15.05.2019 22:59 Print

Diese Familie ging vier Jahre lang durch die Hölle

Es war eine schwierige Zeit für die Familie Kopp aus Rüthi SG. 2015 wurden Vater und Sohn wegen Verdachts auf Kindesmissbrauch verhaftet. Nun wurden sie entlastet.

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Der 27. August 2015 war ein schwarzer Tag im Leben der Familie Kopp aus Rüthi SG. An diesem Morgen betraten rund ein Dutzend Polizisten gegen 6.30 Uhr den Hof von Stefan Kopp. Sieben begaben sich direkt auf den Weg zur Alp von Vater Edwin Kopp. Weitere drei holten einen Kollegen der Familie zu Hause ab.

Der Vorwurf: Alle drei sollen sich der mehrfachen sexuellen Handlung mit Kindern aus der Verwandschaft der Kopps schuldig gemacht haben. Die Kinder, alles Mädchen, sollen zweieinhalb, fünf, sieben und acht Jahre alt gewesen sein. Vater, Sohn und Kollege wurden daraufhin in U-Haft überstellt, wie der «Rheintaler» am Mittwoch berichtet.

Nichts Belastendes gefunden

Den Stein ins Rollen brachte ein gut 20-seitiges, handschriftliches Schriftstück, das die Mutter der vier angeblich missbrauchten Mädchen anfertigte. Laut den Kopps handelt es sich um ein Hirngespinst, das in keinem Falle die 40 Tage Untersuchungshaft rechtfertigen würde. «Die Staatsanwaltschaft hätte schon nach den ersten drei Sätzen merken müssen, dass das alles von der Mutter ausging», so Stefan Kopp gegenüber 20 Minuten. Dies stützen auch die Glaubwürdigkeitsgutachten, die von den Mädchen erstellt worden sind. Diese seien allesamt zu dem Schluss gekommen, dass die vorgeworfenen Übergriffe zu wenig detailliert, teils widersprüchlich und ohne nachgewiesenen Realitätsbezug geschildert worden waren.

Auch seien alle vier Mädchen forensisch-kindergynäkologisch untersucht worden, ohne dass man etwas Belastendes finden konnte. Es liess sich also in keiner Weise erhärten, dass es jemals zu strafbaren Handlungen an den Mädchen kam. «Man hat uns einfach in Handschellen abgeführt, aufgrund einer einzigen Frau mit ihren Aussagen und ohne vorher Abklärungen zu treffen. Das verstehe ich bis heute nicht», sagt Stefan Kopp.

Tochter schikaniert, Familie gemieden

Auch nachdem Vater und Sohn aus der U-Haft entlassen wurden, hatte es die Familie nicht leicht. Die Familie erlebte zusehends, wie sich immer mehr Menschen von ihnen entfernten. Kurz nach der Haftentlassung soll Stefan mit seinen Kindern in Rüthi an die Chilbi gegangen sein. Als er sich mit seiner Familie an einen Tisch setzten wollte, verliessen gleich zwei Paare auf einmal den Platz. «Die Info über die Verhaftung verbreitete sich wie ein Lauffeuer und das ganze Dorf zerriss sich das Maul darüber.» Die heute 13-jährige Tochter hatte mit Schikanen in der Schule zu kämpfen.

Zudem wurden Vater und Sohn während Monaten diverse Auflagen auferlegt. So durften sie mit niemandem darüber reden oder sich an bestimmte Orten aufhalten.

Staatsanwaltschaft nimmt Stellung

Nun, rund vier Jahre später, ist das Strafverfahren abgeschlossen und rechtskräftig. Am 29. April 2019 stand im Amtsblatt des Kantons St. Gallen, dass das Strafverfahren gegen die Kopps und den Kollegen eingestellt wurde. Das bedeutet, dass sie von den Vorwürfen entlastet wurden. Das sei zwar schön, wiege aber die Zeit und Nerven nicht auf, so Kopp: «Hätte die Staatsanwaltschaft im Vorfeld mehr Abklärungen gemacht, hätten sie mir und meiner Familie viel Leid ersparen können. Das Vertrauen in die Justiz ist nun dahin.» Was ihn besonders schmerzt ist, dass es seitens des Staates nie eine Entschuldigung gab.

Die Staatsanwaltschaft verteidigt ihr Vorgehen. Sie sei bei den im Raum stehenden Delikten von Gesetzes wegen verpflichtet gewesen, alle für die Beurteilung der Taten und der beschuldigten Personen bedeutsamen Tatsachen abzuklären. «Es bestand die Gefahr, dass sich die beschuldigten Personen beeinflussen oder auf Beweismittel einwirken konnten, um so die Wahrheitsfindung zu beeinträchtigen», so Sprecherin Beatrice Giger. Dieser Verdunkelungsgefahr habe man nur mit Untersuchungshaft entgegenwirken können. Zudem habe es zum damaligen Zeitpunkt einen dringenden Tatverdacht gegeben.

Geld als Entschädigung

«Zusammengefasst war das Vorgehen der Staatsanwaltschaft in Anbetracht des Anfangsverdachts notwendig», so die Mediensprecherin. Dass es für die damals beschuldigten Personen einschneidende Konsequenzen mit sich gebracht hat, sei unbestritten. «Leider ist es so, dass auch Personen, die sich am Ende eines Strafverfahrens als unschuldig erweisen, in ein Strafverfahren einbezogen werden können.» Aber gerade deshalb betone die Staatsanwaltschaft immer wieder, dass bis zum rechtskräftigen Abschluss einer Strafuntersuchung die Unschuldsvermutung gilt.

Für die Kopps ist das ein schwacher Trost. Auch die 58'000 Franken, die Stefan zugesprochen worden, empfindet er als «unverhältnismässig»: «Allein die Ausgaben die ich hatte, den Arbeitsverlust und den Stress der letzten vier Jahre. Das ist einfach ungerecht.» Sein Vater kam noch schlechter weg. Ihm wurden 24'000 Franken zugesichert. Er kämpft noch immer «für eine faire Entschädigung».

(juu)