Wattwil SG

28. August 2018 05:40; Akt: 28.08.2018 09:26 Print

Dieses Dokument soll Millionen wert sein

von Julia Ullrich - Metallbauer K. N.* (36) und sein Kollege E. A.* träumen vom grossen Reichtum dank einem historischen US-Dokument. Experten sind geteilter Meinung.

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Metallbauer K. N.* (36, links) und sein Kollege E. A. glauben, eine sogenannte Kongresskopie der US-Unabhängigkeitserklärung von 1776 gefunden zu haben. Vor drei Jahren hatte N. das Dokument von einem befreundeten Antiquitätensammler übernommen. Seither befinde sich die Urkunde in einem Bankschliessfach. «Am Anfang war ich selbst skeptisch», so der 36-Jährige zu 20 Minuten. Deshalb brachte er das Dokument einem Althistoriker, der es auf seine Echtheit prüfen sollte. «Ich habe dieses Dokument geprüft und kann mit ziemlicher Sicherheit bestätigen, dass es sich dabei um eine originale Kongresskopie handelt», sagt Hassan Nahas, Althistoriker und Kodikologe aus Märwil TG. Aufgrund der Papierqualität schliesse Nahas eine Fälschung fast gänzlich aus. Durch die Antworten bestärkt, machten sich N. und sein Kollege A. auf die suche nach weitern Experten. Sie setzten sich mit Michael Kirmeier, einem Druckgutachter aus München, in Verbindung. Dieser bestätigt gegenüber 20 Minuten, dass das Dokument ohne Zweifel handschriftlich verfasst worden sei. «Dies sieht man vor allem an den feinen Linien und Schwüngen. Auch dass die Buchstaben sich kreuzen oder gar ineinander übergehen ist ein deutliches Zeichen», so Kirmeier. Er ordnete zudem eine Probe des Papiers an. Laut dem Druckgutachter soll das Dokument auf rund 250 Jahre altem Hanfpapier verfasst worden sein. Für eine hundertprozentige Abklärung würden beide Experten jedoch eine Tintenprobe benötigen: «Leider würde man dabei in fast jedem Fall das Papier beschädigen oder gar zerstören», so der Druckgutachter. Für Fälschungsexpertin Ursula Kampmann sind die Einschätzungen zu vage: «Ich habe schon sehr viele, sehr gute Falsifikate gesehen. Es gibt nichts, was es nicht gibt», sagt sie zu 20 Minuten. Laut ihr sind die vorliegenden Gutachten zu wenig aussagekräftig. Dem Auktionshaus Sotheby's sind Anfragen dieser Art bekannt: «Die Unabhängigkeitserklärung der USA ist das meist gefälschte Dokument in unserer Americana-Abteilung», so eine Mitarbeiterin. Sein Ziel sei es, in seinem Heimatland ein Museum zu eröffnen, sagt der gebürtige Kosovare. Verkaufen würde er nur, wenn der Preis ihn umhaue.

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«Wir sind uns sicher, es ist ein Original. Daran besteht für uns kein Zweifel mehr», sagt der Wattwiler K. N. gegenüber 20 Minuten. Bei dem besagten Dokument soll es sich um eine sogenannte Kongresskopie der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten aus dem Jahr 1776 handeln (siehe Box).

200 dieser handgeschriebenen Papiere wurden seinerzeit angefertigt. 26 Exemplare sind bis heute aufgetaucht. 2008 erzielte ein Original-Dokument in einer Auktion 8,1 Millionen Dollar.

Vor drei Jahren habe N. das Dokument von einem befreundeten Antiquitätensammler übernommen. Am Anfang sei er selbst davon ausgegangen, dass es sich nur um ein Souvenir handle. Mit der Zeit sei er aber stutzig geworden: «Es hatte etwas Besonderes an sich. Ich kontaktierte einen Althistoriker, um Gewissheit zu bekommen», sagt N.

«Zu gut für eine Fälschung»

Althistoriker und Kodikologe Hassan Nahas aus Märwil TG nahm sich des Falles Anfang Jahr an: «Ich habe dieses Dokument geprüft und kann mit ziemlicher Sicherheit bestätigen, dass es sich um eine originale Kongresskopie handelt.» Eine Fälschung schliesst Nahas fast gänzlich aus: «Dafür ist es zu aufwendig verarbeitet, zu detailreich geschrieben und das Papier zu alt», so der Kodikologe zu 20 Minuten.

Bestärkt, dass es sich tatsächlich um ein Original handeln könnte, reisten die beiden Metallbauer nach München zu Druckgutachter Michael Kirmeier. «Es ist definitiv handschriftlich und auf rund 250 Jahre altem Hanfpapier verfasst worden», bestätigt dieser gegenüber 20 Minuten. Der Fall beschäftigt in der Folge auch drei Anwälte und einen Notar. «Von dem Geld, das ich da reingesteckt habe, könnte ich mir ein Einfamilienhaus kaufen», sagt der 36-jährige N.

Viele gute Falsifikate

Die Gutachter Nahas und Kirmeier betonen, dass sie die Echtheit des Dokuments nur zu 95 Prozent bestätigen könnten. Um absolut sicher zu sein, würden sie eine Tintenprobe benötigen: «Ohne diese Probe ist eine genaue Analyse nicht machbar. Leider würde man dabei in fast jedem Fall das Papier beschädigen oder gar zerstören», sagt Kirmeier.

Für die Fälschungsexpertin Ursula Kampmann sind die eingeholten Gutachten zu vage: «Ich habe schon sehr viele, sehr gute Falsifikate gesehen. Es gibt nichts, was es nicht gibt», sagt sie zu 20 Minuten. Die deutsche Historikerin sagt deshalb: «Wenn man ein wirklich verlässliches Gutachten bekommen möchte, sollte man dieses in den USA einholen, am besten über die Library of Congress.»

«Das meistgefälschte Dokument»

Auch für das Auktionshaus Sotheby's sind Anfragen dieser Art nichts Neues: «Die Unabhängigkeitserklärung der USA ist das meistgefälschte Dokument in unserer Americana-Abteilung», sagt eine Mitarbeiterin. Meist stelle sich bei der Prüfung heraus, dass es sich um ein günstiges Souvenir handle.

Auf Sotheby's ist N. nicht gut zu sprechen. Er habe es dort einmal versucht, doch die Leute dort seien der Sache nicht mal richtig nachgegangen. Der gebürtige Kosovare hat seine Meinung gemacht: «Auktionshäuser sind nichts für mich.»

Ob er die Erklärung überhaupt verkaufen will, stehe für ihn noch in den Sternen. Sein eigentliches Ziel sei es, ein Museum in seinem Heimatland zu eröffnen. «Verkaufen würde ich es nur, wenn der Preis mich umhaut», so der 36-Jährige. Bis auf weiteres soll das Dokument in einem Bankschliessfach liegen.

* Namen der Redaktion bekannt