Von der CVP zur SVP

18. Januar 2011 10:54; Akt: 18.01.2011 11:25 Print

Ein Wechsel in letzter Minute

von R. Nicolussi und A. Hirschberg - Thomas Müllers Wechsel zur SVP passt zu seiner Vorgeschichte: Der St. Galler Nationalrat lässt kaum eine Karrierechance aus.

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Kann mit der SVP beruhigt auf die Nationalratswahlen im Herbst blicken: Ex-CVP-Nationalrat Thomas Müller. (Bild: Keystone)

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Es ist nicht gerade die feine Art, wenn die Parteikollegen aus der Presse erfahren, dass ein Politiker die Seite gewechselt hat. Den St. Galler Thomas Müller, bisheriger CVP- und neu SVP-Nationalrat dürfte das wenig kümmern. Im Gegenteil. Durch sein Manöver vom Sonntag hat es der Stadtpräsident von Rorschach landesweit in die Medien geschafft. Kein unnützes Unterfangen in einem Wahljahr.

Müller will im kommenden Herbst als Nationalrat wiedergewählt werden. Nicht einfach, für einen, der im Parlament kaum Spuren hinterlassen hat. In der laufenden Legislatur reichte der 58-Jährige gerade mal neun Vorstösse ein, auf dem Parlamentarier-Ranking der «SonntagsZeitung» kam er im vergangenen September lediglich auf den 199. Platz und auch sonst trat er kaum in Erscheinung. Für Schlagzeilen sorgte lediglich seine verbale Entgleisung während der Debatte um das Bankgeheimnis im März 2009, als er den damaligen deutschen Finanzminister Peer Steinbrück mit den Nazis verglich.

Das grösste Problem bei den Wahlen im kommenden Herbst wäre aber Müllers bisheriges Parteibuch gewesen. War die CVP vor 40 Jahren, als Müller ihr beitritt, die dominierende Partei in St. Gallen, die Karrieren ermöglichte, folgte in den vergangenen Jahren ein beispielloser Zerfall. Von den zwölf St. Galler Nationalratssitzen konnte die CVP 2007 gerade noch drei für sich beanspruchen. Müller erreichte hinter den lokalen Politgrössen Lucrezia Meier-Schatz und Jakob Büchler knapp am drittmeisten Stimmen auf der CVP-Liste. Verliert die Partei im Oktober weiter an Rückhalt, hätte Müller als CVP-Nationalrat sein Pult in Bern räumen müssen.

Mit der SVP praktisch gewählt

Damit es nicht so weit kommt, ist man sich in Rorschachern CVP-Kreisen sicher, dürfte sich der gewiefte Taktiker Folgendes überlegt haben: Während die CVP weiter verlieren könnte, scheint dies bei der SVP – der aufstrebenden Macht im Kanton – keine Gefahr zu sein. Und selbst wenn die Vertretung der St. Galler SVP im Nationalrat von neu sechs auf fünf Sitze schrumpfen sollte, dürfte Müller bleiben. Denn durch den Rückzug von SVP-Nationalrat Theophil Pfister kandidieren neben Müller im Kanton nur vier bisherige SVP-Nationalräte. Dass Müller am Mittwoch den Sprung auf die SVP-Liste schaffen wird, steht ausser Frage.

Wie Müller selbst zu Unterstellungen aus den eigenen Kreisen steht, ist nicht bekannt. Der 58-Jährige wollte am Montag nicht mit 20 Minuten Online sprechen. Deshalb ist auch unklar, seit wann der Stadtpräsident von Rorschach mit dem Gedanken spielte, zur SVP zu wechseln. Klar ist nur, dass sich Müller quasi den letztmöglichen Zeitpunkt ausgesucht hat, um seinen Parteiwechsel bekannt zu geben. Denn bereits am Mittwoch stellt die SVP ihre Nationalratsliste zusammen. Eine gewisse Nähe zur Schweizerischen Volkspartei wurde dem stets am rechten Rand der CVP politisierenden Politiker bereits 2004 nachgesagt. Damals schien ihm ein Wechsel zur Volkspartei aber offensichtlich noch nicht opportun. Tatsächlich war es schliesslich die CVP, die ihm 2006 den Sprung ins nationale Parlament ermöglichte.

Vorgänger zum Rücktritt gedrängt

Bereits damals zeigte sich Müller als Taktiker. Verschiedene Zeitungen schrieben, dass er den damaligen CVP-Nationalrat Felix Walker zum Rücktritt gedrängt hatte, um als Ersatzkandidat nachrücken und sich im Hinblick auf die Nationalratswahlen 2007 während eines Jahres auf nationaler Bühne präsentieren zu können. Taktik oder nicht: Müller kandidierte im Folgejahr als Bisheriger und wurde wiedergewählt.

Damit zeigt er auch auf nationaler Ebene, was ihm zuvor im Kleinen wiederholt gelang: perfektes Timing. So wurde er beispielsweise ausgerechnet in der Meistersaison 1998/1999 völlig überraschend Präsident des FC St. Gallen. Im Klub hatte es ein Machtkampf zwischen zwei Lagern gegeben. Weil jedoch beide Seiten keinen valablen Präsidenten präsentieren konnten, fiel die Wahl schliesslich auf Müller, obschon dieser kaum fussballerische Erfahrung vorweisen konnte. Während Müller stets beteuerte, ins Amt reingerutscht zu sein, wurde in der Presse spekuliert, er habe mit dem Prestige des Traditionsvereins seine politische Karriere ankurbeln wollen.

Rorschach als Chance

Zwar trat Müller Anfang 2000 «dem Fussball zuliebe» als Kantonsrat zurück. Doch bereits im Frühling darauf liebäugelte er mit einer Kandidatur als Regierungsrat. Die CVP stellte ihn jedoch für die Wahlen nicht auf. Müller musste bis 2003 warten, um politisch von sich reden zu machen. Die Chance sah er in einer Kandidatur zum Stadtpräsidenten von Rorschach. Die Bodenseegemeinde war zu jenem Zeitpunkt in einem desolaten Zustand: Die Industrie war abgewandert, die Zahl der Ausländer und Sozialhilfe-Bezüger hoch und die Finanzen entsprechend schlecht. Wer wollte hier schon Stadtpräsident sein?

Müller schaffte die Wahl problemlos und regiert seither mit harter Hand. Als eine seiner ersten Amtshandlungen leitete Müller eine Abstimmung ein, um den Gemeinderat abzuschaffen: aus Spargründen und um die Stadt besser regieren zu können, wie es im Abstimmungskampf hiess. Seither hat er Rorschach auf Kurs gebracht und mit dem deutschen Weltkonzern Würth auch einen bedeutenden Arbeitgeber und Steuerzahler in die Stadt geholt. Sein Ansehen ist am Bodensee deshalb so hoch, dass die Menschen in Rorschach überzeugt sind, der Parteiwechsel werde Müllers Karriere nicht schaden.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Petra am 18.01.2011 13:02 Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt eine treffende Bezeichnung...

    ... für Herrn Müller: "Opportunist"

  • Kudi am 18.01.2011 11:18 Report Diesen Beitrag melden

    Logischer Wechsel

    Wo ist das Problem? Er steht der SVP schon seit Jahren näher als der CVP. Das ist doch wohl nur ein logischer Wechsel. Ausserdem hat ihn die CVP auch nicht mehr unterstützt.

  • J :Tell am 18.01.2011 20:54 Report Diesen Beitrag melden

    Gratulation

    Endlich ein Politiker mit Rückgrat, herzliche Gratulation.

Die neusten Leser-Kommentare

  • J :Tell am 18.01.2011 20:54 Report Diesen Beitrag melden

    Gratulation

    Endlich ein Politiker mit Rückgrat, herzliche Gratulation.

  • Wahrsager am 18.01.2011 20:24 Report Diesen Beitrag melden

    Heirats-Inserat von CVP + BDP

    Verliebt - Verlobt - Verheiratet -Geschieden - Verstorben - und am Ende das Trauerspiel. 2011 ist Wahl-/Zahltag. Jeder verdient das, was er verdient hat, nicht weniger - nicht mehr.

  • Dani Dudler am 18.01.2011 17:58 Report Diesen Beitrag melden

    Missachtung des Wählerwillens

    Die Schweiz braucht lösungsorientierte und kompromissfähige Politiker und keine Wankelmütige, die aus lauter Frust und Opportunismus die Partei wechseln, dank der sie überhaupt im Nationalen Parlament sitzen. Müller hätte ja seine Meinung stärker in der CVP einbringen können, was er aber anscheinend nicht für nötig erachtete. Sein Verhalten ist eine klare Missachtung des Willen des Wahlvolkes!

    • Paul am 18.01.2011 20:40 Report Diesen Beitrag melden

      Was hat die CVP schon alles missachtet

      Kein Wunder kommt jetzt entlich die Retour-Kutsche für die CVP - die Zeit bleibt nicht stehen - die CVP - Politik hat ausgedient / ist ein Auslauf-Model

    • Paul Buchegger am 19.01.2011 11:01 Report Diesen Beitrag melden

      @Dani Dudler

      So ist es.

    einklappen einklappen
  • hampi am 18.01.2011 17:20 Report Diesen Beitrag melden

    Besser man weiss woran man ist

    Das ist für alle Seiten besser. Auch in der Politik. Obwohl es da manchmal vor Wahlen anders tönt als nachher. WählerInnen sorgen über alles für den gesunden Ausgleich. Auch 2011.

  • josef f. meyer, kreuzlingen am 18.01.2011 17:12 Report Diesen Beitrag melden

    Rechtslastiger Opportunist

    Als Opportunist ist Müller scheinbar sehr bekannt. Als Trittbrettfahrer und SVP-Steigbügelhalter kann er der Blocher-Partei nützen. Hat hier jemand etwas von Wendehals gesagt?