Amriswil TG

13. Februar 2020 16:36; Akt: 14.02.2020 17:50 Print

Er findet auch nach 400 Bewerbungen keinen Job

Andreas Bartholdi (50) sucht seit Jahren eine Arbeit. Über 400 Bewerbungen hat er bereits erfolglos geschrieben. Durch die Medien hofft er nun auf eine Stelle.

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Andreas Bartholdi sucht seit dreieinhalb Jahren eine Arbeit. Auch nach über 400 Bewerbungen bleibt er erfolglos. Der 50-Jährige hofft nun mit dem Gang an die Öffentlichkeit eine Stelle zu finden. Mit diesem Schild stand Rico Sperber (57) am Montag, 27. Januar, und Dienstag, 28. Januar 2020, jeweils vier bis fünf Stunden an der Landstrasse in Laufenburg AG. Er erhofft sich durch die Aktion eine Festanstellung zu bekommen. In den letzten Jahren hatte Sperber immer wieder temporäre Arbeitsstellen. In seinem Alter eine Festanstellung zu finden sei sehr schwer. «Jahrelang nur temporäre Stellen zu haben, kostet viel Kraft, da man in ständiger Unsicherheit lebt», so Sperber. Einer Frau fiel die Aktion positiv auf. Sie fotografierte Sperber und brachte das Bild über Facebook in Umlauf. «Seitdem kann ich mich vor Anrufen kaum mehr retten», freut sich Sperber gegenüber 20 Minuten. Jeweils nachdem er seine Frau zu ihrer Arbeitsstelle in Laufenburg AG gefahren hatte, stellte sich Sperber in Fahrtrichtung Basel an den Strassenrand und verteilte seinen Lebenslauf. Bereits im Oktober 2019 sorgte die Stellensuche für eine Frau mit Behinderung für Frust. Trotz gefühlt 1000 Bewerbungen hat sie noch keinen neuen Job gefunden. (Symbolbild) Beim Verband Procap sind die Schwierigkeiten bei der Jobsuche für Menschen mit einer Behinderung bekannt. Unterstützung bietet auch die IV. Sie übernimmt gewisse Kosten bei der Einarbeitung. (Symbolbild) Die Stiftung Profil unterstützt Menschen mit einer Behinderung bei der Jobsuche direkt und persönlich. Dafür sind jeweils ausführliche Abklärungen nötig, was die Person kann und was nicht. (Symbolbild) Kurz zuvor wurde der Fall von Jürg Brechbühl bekannt, der invalide ist. Die ETH Zürich muss dem Studenten, dem sie die Zulassung verweigern wollte, 10'000 Franken Entschädigung bezahlen und ihn zum Studium zulassen. Das hat die Beschwerdekommission entschieden. Die Hochschule hatte argumentiert, wegen seiner verminderten Studierfähigkeit dauere sein Studium zu lange. Anfangs Oktober 2019 suchte auch Kurt Rolli am Strassenrand einen Job. «Es brauchte Überwindung, aber mit der Zeit wird es einfacher, mit dem Schild an der Strasse zu stehen», sagte der damals 59-Jährige gegenüber Tele M1. Er war damals zwei Jahren arbeitslos. Seine Anstellung verlor er, weil der Arbeitgeber den Betrieb neu organisierte. «Man schläft schlecht. Das Kopfkino beginnt, wenn man im Bett liegt. Die Gedanken kommen automatisch: Was ist, wenn...?», so Rolli. Trotzdem: «Ich bin nicht der Typ, der zu Hause die Faust im Sack macht. Die Politik macht beim Thema Arbeitslosigkeit von Leuten über 50 nicht vorwärts. Deswegen muss man selbst etwas tun», so Rolli gegenüber 20 Minuten. Er sei zuversichtlich, bald eine Anstellung zu finden. Es ist nicht das erste Mal, dass Rolli versucht, via Plakat einen Job zu finden. Bereits im Frühjahr liess er Plakate aufhängen. «Das ist vielleicht eine Verzweiflungstat. Ich habe in den letzten 18 Monaten rund 300 Bewerbungen geschrieben. Vier- oder fünfmal durfte ich mich vorstellen, doch jedes Mal zeigte sich, dass mein Alter ein Problem ist», sagte er damals zur «Neuen Fricktaler Zeitung». Im Zürcher HB hingen im April 2018 mehrere Plakate, auf denen Katrin Benz sich als engagierte Arbeitskraft bewirbt. Ihre Motivation: Eine 29-Jährige probierte es im November 2017 ebenfalls mit Plakaten am Zürcher Hauptbahnhof. Wie Katrin Benz auf Nachfrage bei der jungen Frau in Erfahrung bringen konnte, hatte die Kampagne nämlich Erfolg: Über 70 Angebote habe die Kauffrau erhalten.

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«Es muss doch möglich sein, dass ich einen Job finde», so Andreas Bartholdi zu den «Oberthurgauer Nachrichten». Seit dreieinhalb Jahren ist der 50-Jährige aus Amriswil TG nun schon auf Stellensuche. In dieser Zeit habe er über 400 Bewerbungen geschrieben – alle erfolglos.

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In die Arbeitslosigkeit sei er unverschuldet gerutscht: Sein damaliger Arbeitgeber musste die Firma schliessen. «Wer mit 50 eine neue Stelle sucht, hat auf dem Arbeitsmarkt fast keine Chance», so sein Fazit. Die Ü50-Generation sei vielen Arbeitgebern schlicht zu teuer. Doch er wolle und könne arbeiten, denn an Arbeitserfahrung und Interesse fehle es ihm nicht.

«Perfekt wäre eine Tätigkeit, bei der ich abwechselnde Aufgaben hätte, sodass ich nicht den ganzen Tag sitzen oder stehen muss», wird er zitiert. Eine solche Arbeit ist laut dem 50-Jährigen allerdings schwierig zu finden. Häufig bekomme er nach dem Einreichen seiner Bewerbungsunterlagen gar keine Rückmeldung.

Zwei Franken pro Stunde

Für zwei symbolische Franken pro Stunde ist Bartholdi derzeit in einem Beschäftigungsprogramm in Arbon angestellt. «Das ändert an meiner Abhängigkeit vom Sozialamt natürlich nichts», sagt er. Bartholdi will sich bis zu seiner Pensionierung nicht mit dem Sozialamt zufrieden geben. Auch wenn er nur ein kleines Stellenpensum bekommen würde, wolle er unbedingt arbeiten: «Hauptsache ich kann meine Rechnungen und meine Wohnung wieder selber finanzieren.»

(gab)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Aurora Borealis am 13.02.2020 17:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Qualifikationen?

    Wenn ihr schon so einen Bericht bringt, wieso steht nichts über die Qualifikationen von Herr Bartholdi. Welchen Beruf hat er erlernt, bzw. als was hat er zuletzt gearbeitet? So könnten Leser, welche vielleicht eine Stelle offen hätten, oder von offenen Stellen wissen auch ein Angebot machen. Nur der Wille zu Arbeiten reicht heute leider nicht mehr, dass man ein Vorstellungsgespräch bekommt. Ich jedenfalls, wünsche ihm alles Gute und auch die nötige Portion Glück.

    einklappen einklappen
  • Dino am 13.02.2020 16:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Quo vadis

    ....und andere bekommen eine 30 Mio. Abfindung. Wo sind wir in der Schweiz angekommen? Einfach nur beschämend....

    einklappen einklappen
  • Putzfeejohndeere am 13.02.2020 17:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlimm das ab 50 viel keine chance haben.

    Ich wünsche ihnen viel glück.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Alumdria841 am 13.02.2020 18:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bin 25 Jahre alt

    Ich war nach meiner Ausbildung auch seit Jahren auf Arbeitssuche und hatte halt leider nur einen befeisteten Job als Logistiker. Hatte leider auch nur Logistiker EBA gelernt und habe die Stapler und Auto Prüfung. Ausserdem war ich während der befristeten Stelle einen dreiwöchigen Sprachufenthalt in Brighton machen und eine Weiterbildung als Sachbearbeiter Export, was ich leider nicht bestanden habe. Jetzt arbeite ich im zweiten Arbeitsmarkt. Ich bin aber überhaupt nicht stolz darauf und wäre lieber in der freien Wirtschaft.

  • Jörg Frei am 13.02.2020 18:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ....

    in der firma der ich arbeite sind ca. 75% grenzgänger!!! gruss aus rheintal

  • Simplicissimus am 13.02.2020 18:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles Lüge der CH Unternehmer

    Das mit dem Fachkräftemangel ist ein Märchen der Unternehmer. Die wenigsten der durchschnittlich 80'000 Einwanderer in die Schweiz sind Fachkräfte. Unterqualifiziert, überqaualifiziert, sind die üblichen Ausreden der HR Leute, dabei geht es aber immer um Lohn. Gesucht werden nicht Fachkräfte, sondern billige Arbeitskräfte. Die besten Fachkräfte kommen ohnehin nicht aus der EU. Die besten Hochschulen sind ja auch nicht in der EU, sondern in GB und der Schweiz.

  • Xsasan am 13.02.2020 18:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    SVP Unternehmer gefragt :)

    Ich empfehle allen Stellensuchenden Ü50, Unternehmen zu suchen, die von SVP-Politikern oder - Sympathisanten geführt werden. So wie diese Partei immer gegen Zuwanderung wettert, sollte da jeder einen Ü50er Schweizer einstellen. Oder hört diese Einstellung beim eigenen Portemonnaie auf? Stichwort Einkaufstourismus...

  • Frisco1993 am 13.02.2020 18:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ü50

    Kaum ist man 50+ wird man schon abgestempelt und wundert sich warum immer weniger qualifizierte leute haben