Carl Lutz

18. August 2018 20:57; Akt: 18.08.2018 20:57 Print

Er rettete Zehntausende Juden

Während des Zweiten Weltkrieges rettete der Schweizer Diplomat in Budapest Zehntausende Juden. Statt Lob erntete er dafür eine Rüge.

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Der Schweizer Diplomat Carl Lutz rettete in Budapest während des Zweiten Weltkriegs Zehntausende Jüdinnen und Juden vor der Deportation in Konzentrationslager. Über zwanzig Jahre lang vertrat Lutz' Stieftochter Agnes Hirschi sein Vermächtnis. Nun kümmert sich eine am Donnerstag in Bern neugegründete Gesellschaft darum. Die Carl-Lutz-Gesellschaft in Bern will bestehende Aktivitäten weiterführen und neue Projekte entwickeln, wie sie in einer Mitteilung schreibt.

Besonders am Herzen liegt der Gesellschaft das Thema Zivilcourage. Mit ihren Projekten will die Carl-Lutz-Gesellschaft insbesondere junge Menschen anregen, dem Vorbild von Lutz nachzueifern.

Oft Thema von Maturaarbeiten

«Carl Lutz hat etwas getan, was eigentlich gegen die Vorschriften war. Es war aber dennoch richtig. Lutz hat geistesgegenwärtig gehandelt und getan, was er für richtig befunden hatte», sagt Gabriela Dömötör, Sprecherin der Gesellschaft, zu 20 Minuten. «Carl Lutz kann ein Vorbild für Junge sein, Zivilcourage zu zeigen und sich zu engagieren.» Das Umfeld der Carl-Lutz-Gesellschaft stelle immer wieder fest, dass sich junge Menschen sehr für die Geschichte des Holocaust und jene von Carl Lutz interessieren. So sei sein Wirken oft Thema von Maturaarbeiten.

«Lutz hatte grosse Unterstützung von seiner Frau Gertrud Lutz-Fankhauser sowie von anderen Diplomaten und vielen freiwilligen Helfern.» Das zeige, dass man gemeinsam viel erreichen könne.

Auch die historische Forschung zu Lutz möchte die Gesellschaft anregen. Dazu kann auch die Frage gehören, ob Lutz Kontakt zu Paul Grüninger hatte, der während des Zweiten Weltkrieges ebenfalls viele Juden rettete, indem er ihnen zur Flucht verhalf. Auch Grüninger wurde für sein Verhalten gerügt, sogar fristlos entlassen. «Rund um Carl Lutz gibt es noch wenig historische Forschung. Wir möchten das ändern und werden versuchen, interessierte Historikerinnen und Historiker so gut wie möglich zu unterstützen», sagt Dömötör.

Interessen der USA vertreten

Der aus dem Appenzellerland stammende Diplomat Carl Lutz war von 1942 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Schweizer Vizekonsul in Budapest. Dort leitete er die Abteilung für fremde Interessen und vertrat damit auch die Interessen von zahlreichen Ländern, die mit Ungarn im Krieg standen, darunter etwa die der USA und Grossbritanniens.

Schutzbriefe vervielfacht

Der aus einem gläubigen Methodisten-Milieu stammende Schweizer verschaffte Zehntausenden Jüdinnen und Juden Schutzpässe und Schutzbriefe, damit diese nach Palästina auswandern konnten. Dies bewahrte sie vor der Deportation.

Von den Nazis konnte Lutz ein Kontingent von 8000 solcher Schutzbriefe einhandeln. Gemeinsam mit weiteren Personen entwickelte Lutz ein richtiges System und stellte ein Mehrfaches des erlaubten Schutzbrief-Kontingents aus. Die Dokumente nummerierte er jeweils von 1 bis 7999. Es gelang dem Schweizer zudem, den diplomatischen Schutz auf nicht weniger als 76 Gebäude in Budapest auszudehnen.

In der Schweiz erst einmal gerügt...

Während Lutz' Wirken im Ausland gewürdigt wurde, hielt sich die Schweiz lange Zeit zurück. Anstatt Lob gab es für den nach dem Krieg in die Schweiz zurückgekehrten Diplomaten zunächst einmal eine Rüge wegen Kompetenzüberschreitung.

Lutz war enttäuscht und verbittert von der Haltung der offiziellen Schweiz. Er starb 1975 und wurde auf dem Berner Bremgartenfriedhof bestattet.

... später ein Sitzungszimmer im Bundhaus nach ihm benannt

1963 verlieh ihm sein Geburtsort Walzenhausen AR das Ehrenbürgerrecht, ein Jahr später ehrte die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ihn und seine erste Frau Gertrud Lutz-Fankhauser mit dem Titel «Gerechter unter den Völkern».

Erst Mitte der 1990er-Jahre entsann sich die offizielle Schweiz, wohl auch vor dem Hintergrund des Streits um nachrichtenlose Vermögen, der couragierten Männer und Frauen, die sich selbstlos für die Rettung von Juden eingesetzt hatten. 1995 wurde Lutz postum rehabilitiert.

Im Februar 2018 wurde das grösste Sitzungszimmer im Bundeshaus West nach Carl Lutz benannt.


Dokumentarfilm «Vergissmeinnicht - Carl Lutz, Retter» von Arte

(jeb/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Alessandro am 18.08.2018 21:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wahre Schweizer

    Ja, ein Mann (wie auch P.Grüniger) auf den wir Schweizer wirklich stolz sein können.

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  • Nimm Zumvorbild am 18.08.2018 21:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bravo

    Ein mutiger Mann. Lasst uns solche Männer zum Vorbild nehmen. Danke für soviel Mut und Menschlichkeit.

  • Otmar G. am 18.08.2018 21:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein echter Held..

    .. wieso fällt es uns einfacher fiktive Helden zu ehren wie Tell anstatt einer wie Lutz? Wir sollten Lutz Bier herstellen anstatt Tell Bier!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Sentencer am 19.08.2018 13:27 Report Diesen Beitrag melden

    Hope

    Das Traurige ist, das wahre Helden zu Lebzeiten meistens verkannt oder sogar ignoriert werden. Carl Lutz und Paul Grüninger haben tausenden das Leben gerettet. Wenigstens wurden sie posthum rehabilitiert. Wobei rehabilitiert das falsche Wort ist: Sie hatten ja ausser Zivilcourage auch noch Menschlichkeit bewiesen, also nichts falsch gemacht.

  • Willy D. am 19.08.2018 12:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wyt vom Gschütz git alti Chrieger!

    Wenn man die Geschichte von Herrn Lutz und Herrn Grüninger liest kommt man nicht darum herum, auch nach so vielen Jahren, zu sagen, dass es sehr einfach war auf einem von der Front weit entfernten Bürostüehli in Bern oder St. Gallen diese mutigen Leute zu rügen oder gar zu entlassen. Die beiden Herren waren an der Front, sei es an der Schweizer Grenze oder in Budapest. Sie haben diesen Flüchtlingen in die Augen geschaut! Auf dem Bürostüehli nur auf ein Papier!

  • Bewunderin am 19.08.2018 11:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selbstlosigkeit

    Bewundere den Mut, die Selbstlosigkeit aller Helfer sehr !.... Wünschte ich mir auch in der heutigen Zeit mehr solche Taten-.. wünschte mir aber auch, dass nicht hinter allem und jenem gleich Böses gesehen wird! Oder alles mit dieser schrecklichen Zeit in Verbindung gebracht wird!

  • match am 19.08.2018 10:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    traurig aber wahr

    Gemäss den Daumen nach unten,ist auch heutzutage Antisemitismus ein Thema.Es ist halt einfach,online anonym.

  • Er Cla am 19.08.2018 09:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ..

    Bravo...hätte ich auch gemacht!!!!guter Mann