Neuer Prozess

21. März 2011 16:37; Akt: 21.03.2011 16:46 Print

Familienvater tötet «aus Versehen»

Der 47-jährige Mann, der im Mai 2008 auf dem Schulhausplatz von Kümmertshausen einen 18-Jährigen erschossen haben soll, habe laut Anwalt nicht mit Absicht gehandelt.

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Der 47-jährige Familienvater, der im Mai 2008 beim Schulhausplatz in Kümmertshausen TG einen 18-jährigen Lehrling mit einem Schuss aus einem Revolver getötet hat, will dies aus Versehen getan haben. Das sagte sein Anwalt am Montag in Frauenfeld vor dem Obergericht.

Das Obergericht Thurgau musste sich mit der Bluttat von Kümmertshausen befassen, weil der Angeklagte gegen das erstinstanzliche Urteil des Bezirksgerichts Bischofszell appelliert hatte. Dieses verurteilte ihn im August 2010 wegen vorsätzlicher Tötung und einiger Nebendelikte zu einer Freiheitsstrafe von 16 Jahren. Die Verteidigung plädierte schon damals auf fahrlässige Tötung.

Das tat sie auch am Montag im Berufungsprozess. Der Angeklagte, der 593 Tage in Untersuchungshaft sass und sich seit Dezember 2009 in Sicherheitshaft befindet, folgte vor Gericht dem Plädoyer seines Anwalts völlig regungslos.

Streit wegen sechs Franken

Zur Tat: Auslöser war ein Streit unter Jugendlichen. Daran beteiligt war auch der jüngere der beiden Söhne des Angeklagten. Beim Streit ging es ursprünglich um sechs Franken, die zwei Teenager einem Mädchen schuldeten. Im Laufe des Streits rief der Sohn den Angeklagten an und bat ihn um Hilfe.

Dem kam der Vater nach: Er schnappte seinen Revolver und liess sich von seiner Frau zum Schulhausplatz von Kümmertshausen fahren. Dort angekommen, hielt er einem 18-jährigen Lehrling den Revolver an den Kopf. Zwei Minuten später fiel der tödliche Schuss. Wieder zwei Minuten später rief der Mann auf der Fahrt mit dem Auto nach Hause die kantonale Notrufzentrale an.

Er bestellte eine Ambulanz nach Kümmertshausen. Er sagte am Telefon, er habe aus Versehen jemanden erschossen. Stunden später starb das Opfer an den Folgen des Kopfschusses im Spital. Der Verteidiger sagte vor dem Obergericht, zwischen seinem Mandanten und dem Opfer sei es vor dem tödlichen Schuss zu einem Handgemenge und zu einer unbeabsichtigten Schussabgabe gekommen.

Die Aussagen von Zeugen, wonach es gar kein Handgemenge gab, sondern der Angeklagte schnurstracks auf sein Opfer zugegangen sei und ihm den Revolver an die Schläfe gehalten habe, seien unwahr. Zudem sei der Angeklagte der Meinung gewesen, sein Revolver sei nicht geladen. Wegen fahrlässiger Tötung sei er zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren zu verurteilen.

Urteil sei zu schützen

Der Staatsanwalt sagte am Montag vor Gericht, die Verteidigung des Angeklagten habe nichts Neues vorgetragen. Zeugenaussagen und die Ergebnisse der Ermittlungen ergäben ein anderes Bild der Tat. Es habe kein Handgemenge gegeben und der Familienvater habe gewusst, dass der Revolver geladen war.

Eine unbeabsichtigte Schussabgabe sei das nicht gewesen auf dem Schulhausplatz von Kümmertshausen. Der Mann habe seinem Opfer die Schusswaffe an die Schläfe gehalten und abgedrückt. Der Staatsanwalt überreichte dem Obergerichtspräsidenten an den Schranken einen Revolver, damit der Richter selber ausprobieren könne, mit wie viel Druck ein Schuss ausgelöst werden müsse.

Der Staatsanwalt beantragte, das Urteil des Bezirksgerichts Bischofszell sei vollumfänglich zu schützen. Mit der Freiheitsstrafe von 16 Jahren war die erste Instanz dem Strafantrag der Staatsanwaltschaft gefolgt. Das Urteil des Obergerichts Thurgau im Fall der Bluttat von Kümmertshausen steht noch aus.

(sda)