Anzeige gegen Kantonsrat

01. Mai 2019 15:14; Akt: 01.05.2019 18:08 Print

Hat SVPler Polizistinnen sexuell belästigt?

Der St. Galler SVP-Kantonsrat Marcel Dietsche tritt per sofort von allen öffentlichen Ämtern zurück. Hintergrund ist eine Strafanzeige gegen den Polizisten.

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Wie am Mittwoch bekannt wurde, informierte Marcel Dietsche kurz vor Ostern 2019 das Kommando der Kantonspolizei St.Gallen über sein möglicherweise unkorrektes Verhalten gegenüber Arbeitskolleginnen.

In der Folge reichte der 39-Jährige seine Kündigung bei der
Kantonspolizei St.Gallen ein und wurde inzwischen vom Dienst freigestellt, wie es in einer Mitteilung heisst. Gegen ihn
wurde seitens Dritter eine Strafanzeige wegen Verdachts auf sexuelle Belästigung von Berufskolleginnen eingereicht.

Schutz von Familie

Da sich alleine schon die Eröffnung einer Strafuntersuchung nicht mit seiner beruflichen und politischen Tätigkeit vereinbaren
lässt, hat sich der gesundheitlich angeschlagene Kantonsrat entschieden, per sofort von all seinen öffentlichen Ämtern zurückzutreten. Dies zum Schutz seiner Familie, seiner
Partei und den weiteren Organisationen, denen er angehörte.

Hanspeter Krüsi, Sprecher der Kantonspolizei St. Gallen sagt, Dietsche habe seit Oktober 2003 bei der Polizei gearbeitet. «Nachdem er das Kommando über ein allfälliges unkorrektes Verhalten gegenüber Arbeitskolleginnen informiert hat, wollte dieses eine externe Anwältin beauftragen, um den Fall zu untersuchen.» Dietsche habe dann im Gespräch, in dem er über die externe Untersuchung informiert worden sei, die Kündigung eingereicht.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Beatrice Giger, Sprecherin der Staatsanwaltschaft St. Gallen, bestätigt, dass eine Anzeige gegen Dietsche eingegangen ist. Diesem würden sexuelle Übergriffe auf Arbeitskolleginnen vorgeworfen. Um welche Art von Übergriffe es konkret geht, sagt Giger nicht.

Man stehe am Anfang des Strafverfahrens: «Aufgrund seiner beruflichen Stellung als Kantonspolizist muss die Anklagekammer des Kantonsgerichts St.Gallen zuerst über die Ermächtigung der Staatsanwaltschaft zur Eröffnung einer Strafuntersuchung befinden.» Die Polizistin B.M.* wollte zum laufenden Verfahren gegen Dietsche keine Stellung nehmen.

Es gilt die Unschuldsvermutung. Marcel Dietsche politisierte während 14 Jahren im St. Galler Kantonsparlament, war Präsident der Berufsfachschulkommission, Präsident der Sport Union Ostschweiz, in der Betriebskommission des Kinderheims Bild sowie Vorstandsmitglied der SVP Oberriet.

«Rücktritt zeugt von Charakter»

Parteikollegen reagieren überrascht. Walter Gartmann, Präsident der SVP Kanton St. Gallen, sagt zum Fall: «Marcel Dietsche hat mich auch erst am Mittwochnachmittag informiert. Ich bin schockiert und enttäuscht – wie viele SVPler.» Dieser sei sein Sitznachbar im Kantonsrat gewesen, bis vor kurzem Vize-Präsident der Fraktion. Er habe sich immer korrekt verhalten. «Ich kann gar nichts Schlechtes sagen.»

Es gelte die Unschuldsvermutung. Aber: «Es zeugt von Charakter, dass er mit dem Rücktritt nicht wartet, bis das Verfahren abgeschlossen ist.» Der Fall sei natürlich unerfreulich. Gartmann glaubt aber nicht, dass dies der SVP bei den kommenden Ständeratswahlen schaden werde. «Letztlich ist es eine Privatsache. Das sehen auch die Wähler.»

Dietsche war für 20 Minuten nicht zu erreichen.

*Name der Redaktion bekannt

(taw)