Sargans SG

13. Juli 2016 05:45; Akt: 13.07.2016 05:45 Print

Homo- und Transsexueller am Bahnhof verprügelt

Ein Homosexueller und ein Transsexueller geben an, sie seien am Sonntagabend am Bahnhof in Sargans brutal zusammengeschlagen worden. Geholfen habe ihnen niemand.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Björn von Ow ist schockiert. Der 22-jährige Homosexuelle war am Sonntag zusammen mit seinem transsexuellen Kollegen Markus Tinner am Bahnhof in Sargans, als sie laut ihren Aussagen plötzlich von einem Betrunkenen angepöbelt wurden. «Ihr scheiss Schwuchteln», habe er zu den beiden gesagt. Als von Ow den Betrunkenen aufforderte, damit aufzuhören, geriet die Situation ausser Kontrolle. «Er hat mich mit der Faust ins Gesicht geschlagen und mit Bierflaschen beworfen», so der 22-Jährige.

Umfrage
Wurden Sie auch schon grundlos angegriffen?
23 %
8 %
13 %
56 %
Insgesamt 5211 Teilnehmer

Zivilcourage war kein Thema

Als sein Kollege die Polizei anrief, habe diese nur gesagt, dass man nichts machen könne und die beiden einen Arzt aufsuchen und Anzeige erstatten sollen. Doch damit war die Situation für von Ow und Tinner noch nicht vorbei. «Der Betrunkene hat mitbekommen, dass wir die Polizei angerufen haben und hat Markus daraufhin zusammengeschlagen.» Die beiden Opfer konnten sich schliesslich in einen nahe gelegenen Kiosk retten.

Von Ow ist vom Verhalten der Polizei enttäuscht. Zudem schockiere ihn, dass niemand der etwa vier anwesenden Passanten eingegriffen habe. «Zivilcourage war da wohl kein Thema.»

Auf Facebook wirft der Vorfall ebenfalls grosse Wellen. So haben sowohl von Ow als auch Tinner viele Nachrichten erhalten, in denen es etwa heisst: «Was ist bloss mit dieser Welt los, einfach krank.» Viele sprechen auch Genesungswünsche aus.

Platzwunde zugeklebt

Bei der Polizei schildert man der Vorfall etwas anders. Wie der St.Galler Kapo-Sprecher Gian Andrea Rezzoli sagt, sei sehr wohl eine zivile Patrouille nach dem Anruf am Bahnhof Sargans vorbeigefahren. «Die beiden Polizisten sahen den Betroffenen, der mit dem Handy beschäftigt war. Die Person verhielt sich nicht auffällig oder hilfesuchend und machte auch nicht auf sich aufmerksam», so Rezzoli. Da sich zudem keine Hinweise auf eine tätliche Auseinandersetzung ergaben, sei die Patrouille weitergefahren.

Einen Tag nach der Attacke suchten die beiden Opfer einen Arzt auf. «Markus wurde die Platzwunde oberhalb des Auges zugeklebt», sagt von Ow. Ihm selbst gehe es, abgesehen von Kopfschmerzen, den Umständen entsprechend gut. Eine Anzeige gegen Unbekannt haben sie laut eigener Aussage ebenfalls erstattet. Polizeisprecher Rezzoli konnte dies am Dienstag noch nicht bestätigen. Es könne aber sein, dass die Anzeige noch nicht im System registriert wurde.

Pinkcross ist schockiert

Pink Cross, der Schweizer Homosexuellen-Dachverband, ist über den Vorfall schockiert. «Leider sind solche Vorfälle nicht erstaunlich. Schwule, Lesben und Transmenschen haben in der Schweiz jeden Tag mit Diskriminierung und Anfeindungen zu kämpfen», sagt Geschäftsleiter Bastian Baumann. Wie viele Übergriffe auf Homosexuelle und Transmenschen es tatsächlich gibt, könne nicht erfasst werden, da die Polizeien dies nicht separat erfassen. «Das ist ein grosses Problem. Wir rufen deshalb alle Opfer von Gewalt auf, sich bei uns zu melden», so Baumann. Pink Cross würde die Zahlen dann auswerten.


(jeh)